Jacques Palminger

Mondo Cherry

Text: Dennis Kastrup

Das eine Drittel des Studio Braun Kollektivs um Rocko Schamoni und Heinz Strunk hat es endlich zum ersten ganzen Album geschafft. Der Schnauz-Barde (Musiker, Schauspieler und Bartträger) Monsieur Jaques Palminger geht auf »Mondo Cherry« stilsicher ein Tête-à-tête mit der ›sophisticated‹ Bohème ein. Unterstützt wird der größtenteils sprechsingende Palminger dabei von Rica Blunck, die auch schon bei der Hamburger Vetternwirtschaft um Adolf Noise, International Pony und eben auch Studio Braun gesungen hat. Mit ihrer sanften Soulstimme umschlingt sie die Texte elegant wie eine blütenreiche Pflanze. Das gibt Halt und lässt auch die musikalischen Arrangements von Victor Marek zur vollen Entfaltung kommen. Der wiederum ist festes Mitglied von Knarf Rellöm Trinity und The Boy Group.

    Die Dubs auf »Mondo Cherry« erzeugen eine aüßerst angenehme, relaxte und lässige Grundstimmung, die auch durch Spielereien auf der Querflöte (gespielt von Heinz Strunk in »Mondo Cherry«), der Tuba (»Marienna«) oder dem Streicherarrangement in »Deutsche Frau« – eingespielt vom Filmorchester Babelsberg – nicht gestört werden. An manchen Stellen übt das Zusammenspiel dieser Elemente fast schon einen Pop-Appeal aus, so dass Melodien sich verselbständigen und als Ohrwurm kleben bleiben. Das ist nicht unbedingt zu erwarten, denn die Raffinesse und Klasse dieses Albums liegen in den Texten Palmingers begründet.

VIDEO: Jacques Palminger - Deutsche Frau

    Die Referenzbreite seiner Lyrik scheint schier unendlich: »Mishima« ist ein Selbsthilfegruppen-Song  über den japanischen Exentriker und Dichter Yukio Mishima – Palminger hat in Hamburg den »Harakiri-Stammtisch Altona« gegründet, der eigenen Angaben zufolge Männer, die viel mit Depressionen und Alkohol zu schaffen haben, auf einen kollektiven Selbstmord vorbereiten soll. In »Kolany« wird dem deutschen Designer (und – wie Palminger selbst: Schnauzbartträger) Luigi Colani gehuldigt. »Ich mag Chopin« ist die verschnörkelte und gelungene Coverversion des Stücks »I Like Chopin« von Gazebo, ein One-Hit-Wonder der Disco Italia. Und »Playboy« ist zum zentralen Stück des Albums geworden: eine von größter Selbstironie geprägte psychoanalytische Zur-Schau-Stellung der Kunstfigur Jaques Palminger. Mit »Harter Rock« hat er sogar ein Oxymoron erschaffen, wenn man Titel und Musik gegenüberstellt. Schleppend zieht sich im Hintergrund der Dub nach dem von Bunck gesungenen und einleitenden Refrain von Marvin Gayes »Sexual Healing« durch das Stück. Palminger gibt darüber sprechend seine Defintion von hartem Rock ab und kommt letztendlich zu dem Entschluss: »So gibt es tausend Gründe, harten Rock zu lieben. Ich sage euch einen einzigen: Musique!«

    Es gibt einige dieser unerwarteten Bonmots auf »Mondo Cherry«. Sie an dieser Stelle zu verraten, wäre wie die Vorwegnahme eines guten Buch- oder Filmendes. Man muss diesen genialen Irrwitz, Humor, die Dramatik und Eleganz selber durchleben und -hören. Dann kommt man auch zu der Erkenntnis: Ein äußerst gerissener Hund, dieser Herr Palminger!

LABEL: PIAS

VERTRIEB: RTD

VÖ: 10.10.2008

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