Der Text pumpt wie eine Bassdrum

Heinz Strunk im Interview

Text: Nadja Geer

Der neue Roman »Die Zunge Europas« von Heinz Strunk dreht sich um Markus Erdmann, ein Gagschreiber für Comedyshows, der dem strauchelnden Comedian Phillip Erfolg auf die Rolle schreiben soll – gleichzeitig hadert Erdmann mit der Liebe. Nadja Geer traf Heinz Strunk zum Interview und sprach mit ihm über seine Erfahrungen im Show-Business, über Depression, Stil und Lebensziele. Strunks oberste Grundregel bleibt: unterhalten!

Heinz Strunk

Heinz Strunk, Jahrgang 1962, arbeitete jahrelang mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni in der Gruppe Studio Braun, sein Roman »Fleisch ist mein Gemüse« machte ihn weitaus schneller bekannt. Zuletzt spielte er neben Christoph Grissemann und Dirk Stermann in Antonin Svobodas Spielfilm »Immer nie am Meer« und veröffentlichte das Hörbuch »Der Schorfopa«.

(Foto: © Fabian Hammerl)

Heinz Strunk, in ihrem neuen Roman »Die Zunge Europas« dreht sich alles um Markus Erdmann, einen Gagschreiber vom Fernsehen. Wie steht es um ihre persönlichen Erfahrungen mit diesem Medium?
    Die Initialzündung, es überhaupt mit Fernsehen zu probieren, war ein Werbespot für Lipton Eistee. Eine befreundete Fotografin musste mich mit Engelszungen überreden, zu diesem Casting zu gehen. Erst habe ich abgesagt, denn ich hatte ja noch nie vor einer Kamera gestanden und dachte, ich blamier’ mich, und das ist für alle Beteiligten peinlich. Tatsächlich ist es aber so gekommen, dass ich hingegangen bin, mir etwas ausgedacht und diesen Spot bekommen habe.



    In dem Skript stand später: Heinser erzählt in seiner typischen Art. Plötzlich sah ich mich in Werbeinseln bei »Ran« – das war 1997. Mir wurde ein langjähriger Werbevertrag in Aussicht gestellt, also so ›Melitta-Mann-mäßig‹ und ich fand das damals das Größte. Ich fand das so super, meine Fresse im Fernsehen zu sehen – mir war das vollkommen egal, ob ich nun ›commercial‹ bin oder nicht. Das hat meine Eitelkeit befriedigt, ich dachte, jetzt hab ich immer Geld und ich komm’ endlich mal aus diesem Underdogding raus. Schon damals war es mein Freund Rocko Schamoni, der meinte, »eh Alter, mach das nicht«. Ich wusste das, er hatte ja auch durchaus recht, aber das war mir damals echt egal. Zu meinem Glück ist diese Kampagne aus Gründen, die ich bis heute nicht erfahren habe, abgesetzt worden und aus der Melitta-Mann-Karriere wurde nichts. Ebenso, wie mein »Wochenshow«-Auftritt bei Sat 1 als »Jürgen Dose vom freien Sender Hamburg-Harburg« zu nichts führte, außer einer neuen Erfahrung.
 
»Heinser erzählt in seiner typischen Art«: Was kann man sich darunter vorstellen?
    Es ging mir beim Ton immer um die Verdichtung, auch bei Texten: dass einem der Atem stockt, weil man nicht hinterherkommt. Weil man so reingezogen wird. Es geht wie eigentlich bei allem um Energie. In »Die Zunge Europas« habe ich das noch mal auf die Spitze getrieben. Was der Schreiberei sehr zugute kommt, ist, dass ich von der Musik komme – Popmusik ist immer die kurze Form: es muss alles klar sein. Was einem von Anfang an nicht klar ist, kann man dann auch mal vergessen.

    Die Form, die ich bei »Fleisch ist mein Gemüse« hatte, war die Kurzform. Ich hatte überhaupt immer Kurzformen. Kurze Jürgen-Dose-Geschichten, Gags, Radio, Studio-Braun-Telefonate, Kurzhörspiele. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass man in der Lage sein muss, diese Verdichtung und das Komprimierte und das Unterhaltsame der kurzen Form auf die lange Form zu übertragen. Was Literatur häufig so ermüdend macht, gerade bei Berufsschriftstellern: die haben sich von Anfang an der langen Form verschrieben. Dieses langatmig Ermüdende, bei dem man immer fünf Seiten weiterblättern muss, weil man nicht zehn Seiten lang die Beschreibung eines Zimmers durchlesen möchte – ganz davon abgesehen, dass dies nicht meine Stärke ist. Also wenn jemand das gut kann, Hut ab! Aber a) kann ich das nicht und b) interessiert es mich auch nicht. Oberste Grundregel ist: unterhalten!

Vielen Lesern und auch der Kritik hat besonders die Wahrhaftigkeit in »Fleisch ist mein Gemüse« gefallen, die sich so angenehm gegen die ganze verlogene Selbstdarstellung und Wichtigtuerei der Literatur der letzten Jahre abgesetzt hat.
    Der rote Faden der Wahrhaftigkeit, der sich durch meine Arbeiten zieht, ist mir nie schwer gefallen. Ich hätte »Fleisch ist mein Gemüse« gar nicht anders schreiben können. Zu dem, was dem Buch als große Stärke ausgelegt wurde – von wegen »Torpedo der Ehrlichkeit traf das Fegefeuer der Eitelkeiten« – habe ich mich gefragt: warum fällt das so sehr auf? Das fällt deshalb so sehr auf, weil es in der deutschen Gegenwartsliteratur so selten vorkommt. Ich glaube, dass die meisten Bücher so langweilig sind, weil die Autoren nicht ehrlich sind oder sich hinter ihren Figuren ›verschanzen‹. Dadurch wird es immer so öde.

Depressionen und Produktion: Ist das ein Gegensatz?
    Das ist ebenso naiv wie meine frühere Vorstellung, dass es einem besser ginge, sobald man einmal Erfolg und Anerkennung hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass objektive Begebenheiten mit subjektiven Empfindungen wenig oder gar nichts zu tun haben. Ich fand es immer so furchtbar, wenn so’ Musiker sagen, dass sie eigentlich nur Texte schreiben, wenn sie total traurig sind. Unfug! Klinische Depression heißt ja, dass man irgendwann nicht mehr in der Lage ist zu arbeiten. Zum Glück war dieser Schweregrad bei mir selten, aber dass Gefühle wie Anspannung, Aufregung, Trauer oder Schwermut einen kreativen Prozess begünstigen, ist – was mich anbetrifft – nicht zutreffend.

    Ich habe während der Arbeit zu »Die Zunge Europas« erneut festgestellt: Wenn man es zeitlich zu benennen versucht, ist vielleicht achtzig Prozent der Arbeit an diesem Buch, das zum großen Teil von seiner Stilistik lebt und nicht von der Kompliziertheit des Plots – was ich auch gerne können wollte, ich würde auch gerne einmal einen genialen Plot haben wie »Das Parfüm«, hätte ich auch nichts dagegen, aber das ist nicht meine Stärke und man kann nicht alles können oder können wollen – achtzig Prozent der Arbeit habe ich tatsächlich als unglaublich energieraubend empfunden. Ich war am Ende des Tages ausgelutscht. Ein gutes Kriterium ist: Wenn die eigenen Text am Ende pumpen. Für »Die Zunge Europas« habe ich sechzehn Fassungen gebraucht, und vielleicht nach der dreizehnten hat sich das Verhältnis umgekehrt: der Text hat keine Energie mehr absorbiert, sondern ausgestrahlt. Der Text wurde so energetisch und körperlich und ich hab so stark empfunden, dass es jetzt richtig ist, weil der Text gepumpt hat wie eine Bassdrum.

Heinz Strunk

»Ich habe bis heute noch keinen Karriereplan. Habe ich nie gehabt und fand ich auch immer sagenhaft unsympathisch.« (Heinz Strunk)

(Foto: © Fabian Hammerl)

Glauben Sie daran, dass man im Leben Ziele haben muss?
    Ich habe bis heut noch keinen Karriereplan. Habe ich nie gehabt und fand ich auch immer sagenhaft unsympathisch. Ich habe mich neulich mit Rocko Schamoni darüber unterhalten, inwieweit wir jemals ehrgeizig waren oder noch sind. Dabei ist herausgekommen, dass wir sehr, sehr ehrgeizig sind, was die Kunst an sich angeht. Dass wir das, was wir gerade machen, das Theaterstück, Literatur oder Musik – dass wir da wirklich ehrgeizig sind. Aber was unser persönliches Schicksal, also unsere persönliche Karriere, angeht, sind wir komplett unehrgeizig. Das ergibt sich oder das ergibt sich nicht.

Bürgertum, womöglich noch Bildungsbürgertum – schrecken Sie davor zurück?
    Also das Bürgertum war für mich nie ein Feindbild, aber ich wusste auch immer, dass ich nie dazugehöre und nie dazugehören werde. Das ist auch jetzt genau das Ding, wenn wir am »Amora«-Steg sitzen und ich die Leute da objektiv alle in die Tasche stecken kann. Ich bin wohlhabender als die, mach’ geileres Zeug, verdien’ mehr Geld. Alle Parameter, die da so wichtig sind. Aber: Was bleibt ist das lebenslange, das ewige Underdog-Harburg-Ding. Der Touch des Emporkömmlings. Im Zwergenhaus groß geworden. Warum bewegen sich Leute so selbstverständlich und  mit einem so großen Selbstbewusstsein ausgestattet? Wenn man in einem bestimmten Kreisen groß geworden ist, dann hat man so etwas wie instinktive Überlegenheit. Ich dagegen habe Souveränität ›gelernt‹. Dennoch fühle mich so oft unwohl und habe das Gefühl, hier gehöre hier nicht und gleich mache ich Fehler. Das kriege ich ums verrecken nicht raus – ich könnte Milliardär sein, aber eigentlich gehöre ich auf die südliche Seite der Elbe. Da gehe ich natürlich eh nicht wieder hin. Aber diese Leute mit ihrem merkantilen Pfeffersackding… Natürlich gibt es die Schanze und St. Pauli. Aber wenn man in Hamburg ankommt, ist das Stadtbild geprägt von der Kaufmannstradition, von den Reichen, den Händlern. Dem Hanseatischen.

Was ist Stil?
    Ich hab halbwegs gute Klamotten an und ein Auto, aber das ist ein Gebrauchswagen. Den habe ich vor drei Jahren für achtzehntausend Euro gekauft. Beides hat diese Ludenanmutung und das find ich auch ganz geil. So wie meine Brille. Ich glaube tatsächlich, ich kann das ausfüllen. Es gibt ja nichts peinlicheres, als Leute die sich in der Wahl ihrer Kleidung übernehmen, die in ihre Sachen nie reinwachsen werden. Dann wird es schnell unangenehm. Ich habe früher öfter mal Silber und Gold kombiniert – jetzt mache ich das nicht mehr. Wenn ich ’ne silberne Uhr habe, trage ich auch ’ne silberne Gürtelschnalle.

»Die Zunge Europas« von Heinz Strunk ist soeben erschienen (320 S., Deutsch, 2008, Rowohlt Verlag, Leseprobe PDF), bei Roof Music wurde der Roman als Hörbuch veröffentlicht (6CD, 52 Min., Hörprobe MP3). Im Oktober und November ist Strunk auf großer Lesereise, alle Termine finden sich hier.

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