Ben Folds
Way To Normal
Text: Wibke Wetzker
Den Absatzschwierigkeiten eines freien Tonträgermarktes, zu welchem auch rentable, illegale Download- und Shareportale im Internet gezählt werden können, versuchen seit geraumer Zeit Bands und Labels mit Kreativität und Zuversicht zu begegnen. Von Radioheads selbstverantwortlicher Wertschätzungspolitik einer freiwilligen Abgabe für den legalen Download von »In Rainbows« bis just zu »OH (ohio)«, dem neuen Lambchop-Album, das als vollwertige CD der Oktoberausgabe des Rolling Stone beiliegt: die Hilflosigkeit gegenüber der Musikpiraterie treibt gar seltsame Blüten. Letztendlich steht Wirtschaftlichkeit im Nacken jeder dieser Bemühungen geschrieben, umso eigentümlicher lugt der Schalk hinter der Strategie des Ben Folds hervor, die in ihrer Impulsivität wohlmöglich gar keine ist.
Folds veranlasste im Geheimen die Streuung seines im September erscheinenden Albums »Way To Normal« auf einer Fan-Seite im Internet. Was bis zur Enthüllung im August auf Rollingstone.com nicht offensichtlich war, ist die Tatsache, dass es sich bei den durchgesickerten Songs um Variationen handelt, die unter geringstem Arbeitsaufwand in einer achtstündigen Session entworfen wurden. Ein Experiment? Ein ausgeklügelter PR-Trick? Folds erklärt jedenfalls nicht ohne Genugtuung die Unterschiede von »Original« und »Pastiche« unter. Und ganz nebenbei tritt er damit eine Debatte über den Wahrheitsbegriff und den Wert der Kunst im Zeitalter des Internet los. Faszinierend!
Hört man die ›echten‹ und die ›falschen‹ Versionen aufmerksam an, so gerät tatsächlich eine Welt aus den Fugen und nicht wenige User deklarieren die ›faked songs‹ zu den besseren Alternativen. Dass es sich nicht nur um eine Geschmacksache handelt, zeigt etwa die Gegenüberstellung von »Free Coffee« und »Free Coffee Town«. Das erstere Stück befindet sich auf dem Album und ragt als experimentelle Galionsfigur der erheblich unorchestralen Produktion heraus. Was wie Folds erster Elektro-Song ever klingt, ist das Ergebnis von Bonbon-Schachteln, die – an den Saiten eines Pianos befestigt – einen metallischen Sound erzeugen, welcher dann noch durch einen Verzerrer gejagt wird. Der Reiz der letztendlich Ben-Folds-typischeren Power Pop-Variante »Free Coffee Town« hingegen liegt in der überspitzten Albernheit der Lyrics, die im unseriösen Gegensatz zu den üblicherweise profunden Songtexten irritierend auf den Hörer einwirkt.
Vom Hintergrund des Doppellgänger-Albums losgelöst beweist Ben Folds auf »Way To Normal« einmal mehr, dass er die Fußstapfen des frühen Elton John und Billy Joel vortrefflich zu füllen weiß. Wie auf jeder seiner Veröffentlichungen befinden sich unter dem Gitarrenfreien Piano Pop sowohl punkige Ausreißer (»Bitch Went Nuts« oder »Dr. Yang«) als auch gänzlich unpeinliche Balladen (»Before Cologne«), und die potentielle Hitsingle (»You Don’t Know Me« mit der Unterstützung von Regina Spektor) müssen wir auch nicht missen. Hätte Lee Strasberg Piano statt Schauspiel unterrichtet, Folds wäre bereits zu Zeiten der Ben Folds Five (1994 - 2000) in die Meisterklasse aufgenommen worden, denn er beherrscht die emotionalen Spielarten an diesem Instrument wie kaum ein anderer seiner Generation. Seit der 41-jährige solo, aber nicht im Alleingang arbeitet, hat sich seine Musik nach Eigenaussage hin zum freien Ausdruck und der künstlerischen Katharsis bewegt. Was nach spiritueller Selbstfindungsfloskel klingt, das karikiert Folds in meditativer Pose und mit gewohnt trockenem Humor auf dem zenbuddhistisch inspirierten Cover-Artwork. Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit jedenfalls, mit der Ben Folds, vom eigenen platingekrönten Kultstatus losgelöst, sich auf »Way To Normal« nicht wiederholt, spricht für einen Künstler, der mit sich im Reinen ist.
LABEL: Sony BMG
VERTRIEB: Sony BMG
VÖ: 26.09.2008

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