Bob Dylan

Tell Tale Signs: The Bootleg Series Vol. 8

Text: Detlef Diederichsen

Die Geschichte von Bob Dylans wundergleicher Wiederauferstehung und seiner Metamorphose von einem handelsüblich ausgebrannten Has-been, der keinerlei Kontakt mehr zu den Quellen seiner Schöpferkraft findet, zu einem altersweisen, fast über irdisch umtriebigen Kreativ-König-Midas, dem nahezu alles zu Gold wird, was er anfasst – und das sind längst nicht mehr nur Songs –, ist oft und ausführlich erzählt worden, teilweise auch von ihm selbst in seinem Bestseller »Chronicles Vol.1«. Diese Veröffentlichung liefert sozusagen die Fußnoten zu dieser Geschichte: zwei CDs mit Outtakes und Alternativversionen aus den Jahren 1989 bis 2006. Schwerpunkte liegen auf den Alben »Oh Mercy« von ’89, »Time Out Of Mind« von ’97 und »Modern Times« von ’06. »Under The Red Sky« (’90) und »Good As I Been To You« (’92), das erste der zwei reinen Akustikalben ohne Eigenkompositionen, produzierten offensichtlich keine verwertbaren Reste. Hinzukommen einige versprengte Live-Aufnahmen, sowie Soundtrack- Beiträge oder etwa Dylans Gastauftritt auf einem Album der Bluegrass-Legende Ralph Stanley.

    Zentraler Punkt von »Tell Tale Signs« ist eine Art unausgesprochener Kommentar zur Arbeit des Produzenten Daniel Lanois. Als Verantwortlicher für die Alben »Oh Mercy« und »Time Out Of Mind« hatte er einen nicht unerheblichen Anteil daran, Dylan wieder in die Spur zu setzen. Dennoch ist sein´»swamp mirk«, wie Liner-Notes-Autor Larry »Ratso« Sloman Lanois’ Trademark-Sound bezeichnet, nicht nur nicht jedermanns Sache, sondern droht auch immer, einen Song gewalttätig unter sich zu begraben.

    Der Rezensent gibt zu, selbst kein Freund von Lanois zu sein, und freut sich daher an der Seite der Dylan-Puristen speziell über die Alternativversionen von »Everything Is Broken« und »Dignity« (beide aus den »Oh Mercy«-Sessions). Auf der anderen Seite scheint die Zeit um »Time Out Of Mind« eine beispiellos fruchtbare Phase für Dylan gewesen zu sein, und die hier versammelten Outtakes gehören – Lanois hin, Lanois her – allesamt zu den Höhepunkten von »Tell Tale Signs«. Über die acht Jahre zwischen den beiden Lanois-Alben erhält man indes kaum neue Erkenntnisse: ein einziger Outtake von »World Gone Wrong« (’93) und mit dem bezaubernd zarten »Miss The Mississippi« ebenfalls nur einer aus den unter Dylanologen legendenumwobenen »Bromberg Sessions«, Dylans 1992 unternommenem Versuch, eine Sammlung weiterer geliebter Folk- und Blues-Titel mit einer von dem Gitarristen und Produzenten David Bromberg geleiteten Band aufzunehmen. Stattdessen gibt es einige versprengte Live-Aufnahmen, die etwas aus dem Zusammenhang gerissen wirken und in diesen hier nicht so recht hineinpassen. Vielleicht wären sie auf einer künftigen, ganz dem Live-Dylan gewidmeten Folge der »Bootleg Series« besser aufgehoben.

    Immerhin hält man im Hause Columbia diese zwei CDs offensichtlich für massenkompa tibel. Dem Dylanologen, dessen Interesse noch eine Schicht tiefer geht, wird eine Drei-CD-Variante angeboten (die nicht zur Rezension vorlag). Der Rezensent würde es editorisch für schlüssiger halten, wenn die Plattenfirma »Oh Mercy«, »Time Out Of Mind« und »Modern Times« (mit der hier vertretenen hinreißenden Banjo- und Steel-Guitar-Version von »Ain’t Talkin’«!) in den derzeit so beliebten, auf zwei CDs ausgeweiteten Deluxe-Editionen anbieten würde – und die Brombergsessions vielleicht noch mal extra anginge.

LABEL: Columbia

VERTRIEB: Sony BMG

VÖ: 03.10.2008

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