Rose Kemp

Unholy Majesty

Text: Kirsten Riesselmann

Die Verpackung raunt schon ein gerüttelt Maß Bedeutungsschwere: Auf dem Cover diese Elster am Kirchweg, der es blutig aus dem Schnabel tropft, während sich dräuend die Wolken im Hintergrund ballen; im Booklet dieses Paar Augen, das einen beschwörend im Stil eines tribalistisch angehauchten Wicca-Tattoos anblickt; dann diese runenhafte Signatur im CD-Case, die jeder neopaganistischen Metal-Band zur Ehre gereichen würde. Und nicht zuletzt dieser Albumtitel. Schon die Aufmachung von Rose Kemps drittem Album ist einerseits schlicht unerträglich bescheuert, andererseits aber auch irgendwie ziemlich interessant – vor allem wenn man weiß, dass Rose Kemp erst 23 Jahre alt, die Tochter von in Großbritannien sehr bekannten Folkmusikern (beide Eltern spielen bei Steeleye Span) und außerdem der produktiven jungen DIY-Szene der Portishead-Stadt Bristol entwachsen ist.

    Zwischen ziemlich interessant und unerträglich pendelt allerdings auch die Musik. Rose Kemp, die auf ihrer MySpace-Seite durchaus respektable Einflüsse listet (Melvins, Earth, Shellac etc.), scheint ihrem Album eine konzeptuelle Fragestellung zugrunde gelegt zu haben: Was passiert, wenn man Seventies-Hardrock, keltisch inspirierten Singer-Songwriter-Folk, ein wenig Gauklerfest-Medieval-Feeling und Metal zusammenrührt? Und es passiert, was passieren muss: Es geht nicht zu hundert Prozent gut. Vieles ist groß bei Rose Kemp: Sie hat tolle Melodielinien, sie pflegt astreine Einbrüche einer mal dronigen, mal blacksabbath‘schen Gitarrenhärte, sie mischt käsiges Retro-Georgel hinein, wie man es zuletzt bei Wolfmother hörte, sie entwickelt opernhafte Songdramaturgien, sie spielt mit dem reibungsvollen Wechsel von mit abgrundtiefem Stoizismus durchgestandenen Dissonanzen und beglückendsten Moll-Dur-Auflösungen, von schon fast ins Campige gehenden Synthie- und Chorkitschmonstern und lakonischen Akustikgitarren. Rose Kemp hat außerdem eine äußerst variable Stimme, die zwischen PJ Harvey, Florence Foster Jenkins, Kate Bush, Joan Baez und Loreena McKennitt alles kann. Aber, und das ist schon ein größeres Aber (man ahnt schon: Es liegt an diesem Loreena McKennitt-Anteil): Stücke, die »Nature’s Hymn« heißen, wo die Fiedel keltisch fiedelt und die Tomsriverdance mäßig hallen, wo »Maybe we were meant only to be friends« gesungen wird, sollte es einfach nicht geben auf einem Album, in dessen Booklet dem »Lord of Metal« gedankt wird.

    Sieht und hört man Rose Kemp allerdings live, wird klar, wieviel der Schuld an einigen Scheußlichkeiten auf dem Album einer überkandidelten Produktion in die Schuhe geschoben werden muss. Denn live kommt ihr Expressionissmus schlicht begeisternd, steht eine atemnehmende Vielfältigkeit im Vordergrund, kommt ihre Gitarre wuchtig, hört man ihre Beziehungsproblem-Folktexte nicht so deutlich, ist ihre Schichtung bierernster Popmusiken toll und gewitzt und nicht einfach nur bierernst. Live muss man nur noch ihre Hippie-Kutte und ihr Stirnband übersehen.

LABEL: One Little Indian / Aurora Borealis Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 26.09.2008

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