Lambchop

Text:

Lambchop, die vermeintlich leiseste Big Band der Welt, wenden sich nach mehr als anderthalb Jahrzehnten vom Kollektivgedanken ab. Mit ihrem neusten Album »OH (ohio)« verwandeln sie sich nun endgültig in die gut eingestellte Begleitband ihres künstlerischen Direktors Kurt Wagner. Früher suchte der Songwriter und passionierte Baseballmützenträger noch die Sicherheit im unübersichtlichen Musikerhaufen, jenem Freundeskreis aus schrägen Vögeln und Trunkenbolden, der als Wegbereiter des Alternative Country gilt. Durch einen trägen Breitwandsound aus Steel-Gitarren, Streichern, tröpfelnden Klavierakkorden, Percussions und harmonischen Backing Vocals hindurch murmelte Wagner dann seine lakonischen Lieder.

    Als er sich im vergangenen Jahr des Bandbalasts entledigte, allein durch Europa tourte und dem auch noch ein Soloalbum folgen ließ, lag kurzzeitig die Vermutung nah, dass sich das Konzept Lambchop für ihn verbraucht hatte. Statt komplexer, bei endlosen Sessions erdachter Arrangements von bis zu einem Dutzend Musiker, schienen ihm plötzlich die reduzierten Möglichkeiten aus der Kombination seiner Stimme und seiner Gitarre zu genügen. Längerfristig wollte Wagner aber offensichtlich doch nicht auf orchestrale Klangteppiche zwischen Country und Soul verzichten. Statt also die Band aufzulösen, formierte er aus dem Kernbestand seiner Truppe eine treue Gefolgschaft und stellte sich erstmals als Leader selbstbewusst in den Vordergrund. Er führte eine Hierarchie ein, die er lange Zeit nicht haben wollte – und ist dabei doch kein gestrenger Herrscher geworden, kein Usurpator, der alles neu machen muss.

    Für das zehnte Lambchop-Album im fünfzehnten Jahr seit der Bandgründung schrieb Wagner die Songs, spielte seine Parts ein und überließ alles Weitere den beiden Produzenten Roger Moutenot und Mark Nevers. Letzterer produzierte bereits Will Oldham, Jeb Loy Nichols und die Tindersticks und war schon für den Klang von Lambchops großartigen Alben »Nixon« und »Is A Woman« verantwortlich. So hat sich auf »OH (ohio)«, trotz neu aufgestellter Hackordnung, am zurückhaltenden, feinsinnig versponnenen, stets geschmeidigen Moll-Sound der Band nicht viel geändert. »Das Leben hat nun einmal seine eigene Geschwindigkeit«, kommentiert Wagner seinen Hang zur Langsamkeit. Dann brummt er wieder countryeske Balladen im Zeitlupentempo, besingt zärtlich das bittere Gefühl der Verlorenheit und blickt wehmütig auf vergangene Freundschaften. Diese beschauliche Introspektion wird nur selten von etwas schnelleren Stpücken wie »National Talk Like A Pirate Day« unterbrochen. Auch die fremdartig wirkende Instrumentaleinlage mit flirrender Wahwah-Gitarre bei »Popeye« ist bloß ein kurzes Stocken im friedlich vor sich hin plätschernden und mit herrlich sonorer Stimme vorgetragenen Erzählfluss.

    »OH (ohio)« ist eine musikalische Vergewisserung: So wie nach dem Sommer stets der Herbst kommt, folgt einer Lambchop-Platte eben die nächste. Das hat nichts mit Langeweile oder Einfallslosigkeit zu tun, es ist ein Naturgesetz.

LABEL: City Slang

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 26.09.2008

Weiterführende Artikel

  • Lambchop No Such Silence – Live At The AB In Brussels »No Such Silence« ist weder »Some Kind Of Monster« noch »Elvis - The Last 24 Hours«: Wenn diese DVD nämlich eines widerspiegelt, dann eine geradezu läh...
  • Lambchop Ach, was ist schon ein Tag? Oder ein Song?     Von Sommer 2002 bis Frühjahr 2003 schrieb Kurt Wagner pro Tag einen Song. Wagner selbst bezeichnet diese Zeit des produktiven Rau...
  • Lambchop The Decline Of The Country & Western Civilization: 1993-1999 Zuletzt waren Lambchop nahezu vollständig aus meinem persönlichen Blickfeld verschwunden. Und jetzt kommen sie plötzlich recht unerwartet mit Raritäten (sowie einigen bereits be...

Kommentiere den Artikel

  • Die neue SPEX N°354

    SPEX N°354 – die Juli/August 2014 Ausgabe

    SPEX N°354 – ab sofort (versandkostenfrei) im SPEX-Shop und ab Donnerstag, dem 26. Juni, am Kiosk!

    »Pop role model« der Zukunft: FKA twigs, Paul Weller vs. Michael Rother, Sleaford Mods, Psychotrip mit den Temples, La Roux, Fucked Up, Nerd-Serie Silicon Valley, die Lieder des spanischen Bürgerkriegs, Rad Hourani im Modegespräch, Modestrecke Gender Surrender, Vorspiel für Marshall Allen, How To Dress Well, Jungle, Vow & Body Betrayal, April Ashley im Porträt, Myriam Gendron, Esther Perbandt, Human Abfall, Jacques Ferrandez & Albert Camus, Shamir u. v. m.

    Dazu: die SPEX-CD N°118!

    SPEX – auch im Abo mit Prämie!
    8 Hefte8 CDsnur 40 Euro

    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!




  • Musik-VÖs in dieser Woche

    La Roux Trouble In Paradise

    KW 29 (18.07.)

    La Roux Trouble In Paradise (Albumsampler)
    To Rococo Rot Instrument
    Luluc Passerby
    Hollerado White Paint
    King Creosote From Scotland With Love
    The Ramona Flowers Dismantle And Rebuild
    Graveyard Train Hollow
    Dakota Suite & Quentin Sirjacq There Is Calm To Be Done
    Xeno & Oaklander Par Avion
    WIZO Punk gibt's nicht umsonst! (Teil III)

    Weitere Neuveröffentlichungen dieser & der nächsten Woche finden sich im SPEX-Kalender.

  • SPEX präsentiert live

    La Roux

    SPEX präsentiert die aktuellen Tourneen von Banks, Die Nerven, Interpol, The Internet, Tune-Yards, Dean Blunt, Parquet Courts, Darkside, Heimatlieder aus Deutschland, Neutral Milk Hotel, Perfect Pussy, Thurston Moore, Lauryn Hill, Goat, Azealia Banks, Angel Olsen, Fat White Family, Sohn, Anges Obel, Caribou, Kreisky, Maxïmo Park, St. Vincent, My Brightest Diamond, Lykke Li, Mac DeMarco, Kate Tempest, La Roux sowie das Bilbao BBK Live Festival.

  • SPEX–Ticketshop

    SPEX-Tickets gibt es hier!


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs