Mercury Rev

Snowflake Midnight

Text: Thomas Schopp

Eine überhastete Veröffentlichungspolitik kann man Mercury Rev nicht vorwerfen. Seit ihrer Gründung in den 1980er Jahren hat die amerikanische Band nur ein halbes Dutzend Studioalben vorgelegt. Dreieinhalb Jahre nach »The Secret Migration« erscheint nun Mercury Revs siebtes Album: »Snowflake Midnight«. Es dürfte nicht nur an den persönlichen Spannungen, einer Konstanten der Bandgeschichte, liegen, weshalb das inzwischen zum Trio geschrumpfte Kollektiv so viel Zeit für neues Material benötigt, die Langsamkeit hat auch ästhetische Gründe. Seit den Anfängen bewegt sich Mercury Revs Musik behäbig zwischen experimentellen und klassischen Strukturen. Ambient und Rock bilden die Koordinaten, in denen die Amerikaner an je unterschiedlichen Punkten ihren Sound finden. Die Suche danach hat ihre eigene Dauer.

    Nun haben Mercury Rev ein Kapitel Bandgeschichte abgeschlossen, das von kompakten Popsongs und einem differenzierten Instrumentalklang geprägt war. Das viel gelobte »Deserter’s Songs« von 1998 bildete den künstlerischen Höhepunkt dieser Phase. Zehn Jahre später führen Jonathan Donahue, Grasshopper und Jeff Mercel die Elektronik in ihre musikalische Ordnung ein. Drummachines und Synthesizer drängen Violine, Posaune und Saxofon an den Rand. Die neun Titel von »Snowflake Midnight« sind Hybride zwischen Song und Track, die gerade durch ihre uneindeutge Form zu interessieren wissen. Der Opener »Snowflake In A Hot World« sagt an, wohin die Reise geht: Nach einem ätherischen Intro aus Synthieloops und verhallten Klavierakkorden, zwischen die sich Donahues charakteristische Kopfstimme schiebt, schalten Mercury Rev auf Four-to-the-floor und knarzige Basslines um. Auch »Butterfly’s Wing« und »Senses On Fire« suchen konsequent Kontakt zum Indie-Dancefloor, ohne sich jedoch als Dance-Tracks zu outen. Die nachfolgenden Titel nehmen den rhythmischen Drive zurück, um unaufdringlich all die Klangschnipsel zu exponieren, die man in monatelanger Studioarbeit zusammengefügt hat, bevor das Album mit dem epischen »Dream Of A Young Girl As A Flower« wieder an Fahrt zunimmt.

    Beim Hören dieser Art von Popmusik drängt sich automatisch ein Vergleich mit den Produktionen auf, denen ein unbedingtes Begehren nach Aktualität zugesprochen wird. Im Gegensatz zu dem totalkomprimierten Sound von Justin Timberlake, Madonna oder Ed Banger, der nur Oberfläche, aber keine Tiefe kennt, setzen Mercury Rev weiterhin auf die Gestaltung musikalischer Räume. Vielleicht ist das die größte Stärke dieses Albums: Diese Space-Musik im Wortsinne ist aus vielfältigen, in der Tiefe gestaffelten Texturen zusammengesetzt, die sich erst mit der Zeit erschließen. Auch nach mehreren Durchläufen gibt es für das Ohr noch etwas Neues zu entdecken. Ein Hörer, der beim Stichwort Justice genervt das Gesicht verzieht, wird diese Abweichung von der Kompressions-Ästhetik und den damit verbundenden Überwältigungsstrategien zu würdigen wissen.

    Übrigens werden Mercury Rev zeitgleich mit »Snowflake Midnight« ein weiteres Album als kostenlosen Download auf ihrer Homepage zur Verfügung stellen. Laut Pressemitteilung hatte die Band zunächst ein Doppelalbum geplant. Später habe sie sich getreu dem Motto ›Weniger ist mehr‹ jedoch für die einfache Variante entschieden. Das Begleitalbum »Strange Attractor« wird elf Titel enthalten. Es stellt sich die Frage, ob tatsächlich die Künstler oder vielmehr die Labelverantwortlichen diese unkonventionelle Aktion starten. Gut möglich, dass vielen Fans die Antwort, wenn sie mehr als die Hälfte der neuen Songs geschenkt bekommen, letztlich egal ist.

LABEL: Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 26.09.2008

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