Der Visa-Klau geht um

Afrikan Boy

Text: Florian Sievers

Olushola Ajose ist 19 Jahre alt und Hoffnungsträger einer neuen Weltmusik, die mit selbstgebastelten Hiphop-Beats und ambivalenten Migrationserfahrungen entlang der globalen Transitrouten entsteht. M.I.A. war letztes Jahr die Erste, die mit dem nigerianischstämmigen Londoner kollaborierte.

Afrikan Boy

Afrikan Boy in der Taxischlange des Berliner Flughafens Tegel. Spex-Fotograf Christoph Voy griff Olushola Ajose direkt nach dessen Ankunft in Deutschland aus der Anreisehalle TLX zum improvisierten Fototermin ab. Danach ging es für Afrikan Boy zu seinem Auftritt auf dem Splash-Festival bei Pouch.

(Foto: © Christoph Voy / Spex)

Er war bei Lidl. Wollte ein bisschen Essen mitgehen lassen. Und natürlich haben sie ihn erwischt. Jetzt hat er Hausverbot. Blöde Geschichte, aber in solche Situationen geraten Leute wie er – arm und mit so genanntem Migrationshintergrund – nun manchmal, wenn sie in westlichen Großstädten die Geduld verlieren. Manche von ihnen müssen dann sogar um ihr Aufenthaltsrecht fürchten. Aber nur die wenigsten schreiben ein Lied darüber, das dann über MySpace zu einem Hit wird. Olushola Ajose aber, ein nigerianischstämmiger Brite und besser bekannt als Afrikan Boy, rappt auf seinem Track »One Day I Went To Lidl« in jenem Akzent-Englisch, in dem sich sonst die Taxifahrer im Verkehrschaos von Lagos anbrüllen. Es sind tragikomische Zeilen darüber, dass ihm im Supermarkt nun mal der Magen knurrte und er gerade kein Geld dabei hatte. Dazu wummert ein afrikanisch synkopierter Grime-Beat, den sein Kumpel Striver für ihn produziert hat. »Eine wahre Geschichte«, sagt der 19-jährige Olushola, den man lieber Shola nennen soll.

    Wenn Afrikan Boy nicht rappt, ist sein nigerianischer Akzent wie weggeblasen – im Alltag spricht Shola lupenreines Englisch, wohlartikuliert, mit einem Hauch Südlondon im Abgang. Er ist in London geboren und aufgewachsen, als Sohn ehemals illegaler Immigranten. Der Spruch »Who Stole My Visa???« prangt groß auf seinem T-Shirt. Seine Familie ist zwar arm, aber Shola studiert mit Stipendium Psychologie und Soziologie, hat gute Noten, macht in drei Jahren seinen Master. Die Rolle des Slang sprechenden Einwanderers nimmt er in seinen Stücken bewusst an.

Afrikan Boy - Can Of Whoopass Vol. 1 – The Rise Of Captan Africa

    »Ich fühle mich wohl mit diesem Akzent, er ist Teil meiner Identität«, sagt er, und, dass er sich mehr als Nigerianer fühle denn als Engländer. So wie seine Freunde, deren Familien aus Ghana, Simbabwe oder dem Kongo stammen und die ebenfalls alle stolz ihre afrikanische Herkunft betonen – nach Jahren der Diskriminierung und Identitätssuche in England. Menschen wie sie sind schon lange da in den westlichen Großstädten. Nur dass einige von ihnen eben nicht mehr wie in den vergangenen sechzig Jahren einfach nur Klos putzen, Teller abwaschen und ansonsten die Klappe halten. Stattdessen nutzen sie – technisch versiert, popkulturell gebildet – Hiphop und dessen Derivate, um sich und ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Der somalischstämmige kanadische Rapper K’naan Warsame ist so ein Fall und Mathangi »Maya« Arulpragasam alias M.I.A., deren Eltern einst aus Sri Lanka nach England kamen, sowieso.

    Shola Ajose wuchs in Woolwich im Südosten der britischen Hauptstadt auf. »Eine ziemlich rauhe Gegen mit viel Gewalt«, sagt er. »Aber andererseits wäre für jemanden wie mich in England wohl jede Umgebung auf die eine oder andere Art feindlich«. Natürlich liefen zu Hause bei den Ajoses Platten der nigerianischen Superstars Fela Kuti und King Sunny Adé. Shola aber fand auch die So Solid Crew, Dizzee Rascal und Kano toll. Schon als Zwölfjähriger fummelte er am Computer Grimebeats zusammen und verfasste dazu Reime. »Das haben damals alle meine Freunde gemacht«, erzählt er.

London, Woolwich, where it all started.

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    Nur dass nicht alle seine Freunde dort gelandet sind, wo Afrikan Boy heute steht. M.I.A. kontaktierte ihn vor zwei Jahren über MySpace, weil sie »One Day I Went To Lidl« mochte und gern für ihr zweites Album »Kala« mit ihm arbeiten wollte. Shola dachte erst, jemand wolle ihn verarschen. Jetzt ist er auf dem »Kala«-Stück »Hussel« sowie bei einem Remix der Single »Paper Planes« zu hören.

    Und um seine eigenen humoristischen Afrikan-Boy-Tracks reißen sich derzeit gleich mehrere Labels. Shola aber schließt – neben dem Studium – erst mal in Ruhe die Arbeit an seinem ersten Album »Can Of Whoopass Vol. 1 – The Rise Of Captan Africa« ab, das er selber »Mixtape« nennt und kostenlos verteilen will. Die Beats darauf stammen von Internetbekanntschaften von überall auf der Welt. Und wie jedes Jahr fliegt Afrikan Boy bald wieder nach Nigeria. Dieses Mal will er dort Musik zusammen mit Rappern aus Lagos aufnehmen, die dort derzeit an einer frischen Fusion von Hiphop, Hi-Life und Afrobeat arbeiten. Die Welt darf sich auf einen weiteren Genrebastard freuen. Neue-Weltmusik-Hiphop, entwickelt entlang der Transitrouten dessen, was man heutzutage Globalisierung nennt.


Das Mixtape »Can Of Whoopass Vol. 1 – The Rise Of Captan Africa« von Afrikan Boy ist als Download erhältlich. Zwei kostenlose MP3s bietet das Fader Magazin zum Download an, einen Live-Mitschnitt einer Londoner Show von Afrikna Boy kann man bei Last.fm streamen.

Zum Weiterhören: Kuduro-Klänge von Buraka Som Sistema und Os N’Gapas, Tropical und folkloristisches von Esau Mwamwaya und Radioclit sowie der »Township Funk« von DJ Mujava in unserem Feature »Einmal Black Atlantic und zurück«.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » M.I.A. / Afrikan Boy:

    [...] jeweils traten sie in der Vergangenheit als Feature-Gäste bei Tracks des jeweils anderen [...]

     
 
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