Wir lassen uns nicht verheizen
Zu Jon Savages neuem Buch ›Teenage…‹
Text: Jan KedvesZwischen Weltkriegen, Wertschöpfungsketten und Subversionsstrategien: Jon Savage beschreibt in seinem, soeben in deutscher Übersetzung im Campus Verlag erschienenen, neuen Buch »Teenage: The Creation Of Youth Culture« das Aufkommen des Teenagers als Abfallprodukt des militärisch-industriellen Komplexes – möglicherweise etwas zu ausführlich.

Setting things straight:
»Der Begriff Teenager stammt aus dem Englischen und bezeichnete dort ursprünglich einen Menschen, der zwischen 13 (thirteen) und 19 (nineteen) Jahren alt ist. Die Zahlen 13 bis 19 enden im Englischen auf ›teen‹.« (Quelle: Wikipedia)
Das hier abgebildete Foto stammt aus der Serie »E.M.T. in MSP« des in Berlin lebenden Fotografen und Künstlers Heinz Peter Knes. Die aus 29 Motiven bestehende Serie »(setzt sich) mit der Situation von Jugendlichen, insbesondere Eva, Mirjam und Thomas in MSP/Deutschland (auseinander).« (Heinz Peter Knes)
(Foto: © Heinz Peter Knes)
In Justice-Videos, Gus-Van-Sant-Filmen, Flatrate-Bars und Spam-E-Mails dubioser Viagra-Dealer (»Fühlen Sie sich endlich wieder wie sechzehn!«): Überall wimmelt es von Teenagern, sodass man glatt denken könnte, es habe sie schon immer gegeben. Dem ist natürlich nicht so, im Gegenteil, der Teenager musste erst erschaffen werden, als soziales Konstrukt stellt er eine Erfindung des 20. Jahrhunderts dar. Glaubt man Jon Savage, der mit seinem neuen Buch »Teenage: The Creation Of Youth Culture« den Versuch unternimmt, das Prequel zum Aufkommen des Teenagers in den westlichen Gesellschaften aufzuschreiben, lässt sich seine Entwicklung sogar – wie die Atombombe und das Internet – dem militärisch-industriellen Komplex zuschlagen. Savage, bekannt als Autor der gepriesenen Punk-Geschichte »England’s Dreaming«, skizziert das so: Dafür, dass sie sich während des beispiellos gewaltsamen letzten Jahrhunderts in zwei Weltkriegen von den Erwachsenen in Militär- und Rüstungsdienst verheizen lassen mussten, trotzten die Jugendlichen ihren Vormunden etwas ab: eine eigene Identität.
In dem fast 600 Seiten starken Werk, das im September auch in deutscher Übersetzung erscheinen wird, spannt Savage den ganz großen Bogen, er beleuchtet die Etablierung des Begiffs »Adoleszenz« durch den amerikanischen Psychologen G. Stanley Hall genauso wie die Massenpanik vor Amok laufenden ›Juvenile Delinquents‹ in den USA des späten 19. Jahrhunderts; er landet bei den Wandervögeln, Oscar Wilde und den britischen ›Bright Young People‹. Die Wichtigkeit von Goethes »Werther« und der Romantik für das Aufkommen eines spezifischen Jugend-Selbstverständnisses blendet er zwar fast komplett aus, trotzdem gerät das Buch um einiges zu umfangreich. Savage selbst schreibt in der Einleitung, er habe ursprünglich sogar noch Anschauungsmaterial aus Italien und Russland integrieren wollen, sich aus Platzgründen dann aber auf die USA, England, Deutschland und Frankreich konzentriert. Doch auch in seiner jetzigen Form bremst das Buch zwischendurch, etwa mit seitenlangen Abhandlungen über »The Wizard Of Oz« – ein Paradoxon angesichts der Tat sache, dass es immerhin um die Beschreibung des rasantesten Lebensabschnitts im Leben moderner Menschen gehen soll.
Nicht unbedingt besser macht es, dass Savage unterwegs einige Recherchefehler passieren. So faszinierend sich die Geschichte der widerständlerischen »Navajos« aus Köln-Ehrenfeld auch liest: Ob diese Gruppe mutiger Hitlerjugend-Verweigerer, deren Dresscode aus langen Haaren, Edelweiß-Ansteckern und Totenkopf-Armbändern bestand, tatsächlich – wie Savage schreibt – im Oktober ’44 den Chef der Kölner Gestapo ermordete, darf bezweifelt werden. Der offiziellen Geschichtsschreibung nach war es eher so, dass die zunehmend radikalisierten Jugendlichen – von der Gestapo »Edelweißpiraten« genannt – ein Attentat zwar planten, jedoch festgenommen wurden, bevor sie es verüben konnten.
Dieser Ungenauigkeiten ungeachtet, läuft Savage zu Hochform auf, sobald es um sein Stammgebiet geht: Musik. Detailgenau informiert und in der Wortwahl geschmeidig, rekapituliert er die Wichtigkeit von Jazz, Ragtime und Swing für das Abgrenzen Jugendlicher von ihren jeweiligen Elterngenerationen. Die korrespondierenden Tanzstile und modischen Codes, die das Leben in dieser seltsamen Pufferzeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter begleiten, werden ebenfalls stets mitreflektiert, sodass nie ein Zweifel daran aufkommt, dass Pop, als Produkt des Kapitalismus, mit seinem Versprechen ständiger Erneuerung nicht nur am laufenden Meter Identifikationsmodelle und Communities generiert, sondern eben auch neue Märkte. Savage interessieren dabei die Popularisierungsgeschichten der Musikstile, die Adaptionsrouten, entlang derer die Innovationen diskriminierter Minderheiten – in der Regel amerikanischer Schwarzer – massen tauglich gemacht wurden. Sei es der Charleston, den weiße College-Cliquen zum Trend machten, sei es Swing, dessen erster Star der weiße (jüdische) Benny Goodman war.
In ironischen Twists der Geschichte wurden die neuen Mainstreamstile anderswo wieder zu Chiffres verfolgter Minderheiten: In den spannendsten Kapiteln des Buchs beschreibt Savage, wie die jungen Hamburger »Swingheinis«* im Nazideutschland statt »Sieg Heil!« lieber »Swing High!« riefen – und wie es ihnen ihre Geistesverwandten im besetzten Frankreich, die »Zazous«, gleichtaten. Vor allem im Kapitel über Letztere fühlt man sich an heutige Subversionsstrategien erinnert: Savage erklärt, wie unter der Nazizensur Vichy-Kitsch und Zitate aus Trashfilmen zur Geheimsprache der Zazous wurden, und bezeichnet diese ästhetische Umdeutung als »negative Ästhetik«. Genauso könnte man sagen: eine Frühform von Camp unter Bedingungen des Krieges. In nichts anderem üben sich heute schwule Hiphop-Flashmobs, wenn sie in öffentlichen Pay-Toiletten grinsend zu Madonna-CDRs aus der mitgebrachten Boombox freaken. Natürlich sind solche Demons trationen jugendlichen Aktionismus’ mittlerweile keine Reaktion mehr auf eine faschistische Militärbesatzung – doch als Antwort auf einen rundum neoliberalisierten Markt lassen sie sich durchaus deuten. Der Teenager als Unversöhnter und Herausforderer der Umstände: Schlimm, wenn ihn niemand erfunden hätte.
Jon Savage »Teenage: The Creation Of Youth Culture«, 576 S., Englisch, 2007 (Chatto & Windus)
Die deutsche Übersetzung von Conny Lösch ist soeben im Campus-Verlag erschienen. Mitte Oktober veröffentlicht Domino Record Co. die Compilation »Dreams Come True – Classic First Wave Electro 1982-87 Compiled By Jon Savage«, auf Trikont wird in Bälde ebenfalls eine Compilation zu »Teenage …« erscheinen. Vorraussichtlich Anfang 2009 wird Savage im Rahmen einer von Spex präsentierten Lesereise in Deutschland zu sehen sein, am 06. Oktober stellt er »Teengae…« im Roten Salon der Berliner Volksbühne erstmals in Deutschland vor.
* Anmerkung der Redaktion: Der Begriff »Swingheinis« wurde während der NS-Zeit seitens der Nazis als abwertender Begriff benutzt und nicht von den Hamburger Jugendlichen verwendet. Für die deutsche Fassung von »Teenage …« wurden beide inhaltlichen Fehler korrigiert.

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