The Streets
Everything Is Borrowed
Text: Harald Peters
Mike Skinner hat sich auf Wanderschaft begeben. Für das Video seines neuen Stücks »The Escapist« ist er zu Fuß von Dover nach Südfrankreich marschiert, mit nichts als einem Shirt und kurzen Hosen bekleidet und etwas Kleingeld in der Tasche. Seine zartrosafarbenen Reeboks, bei denen es sich um ein auf der ganzen weiten Welt nur einmal existierendes Musterpaar handelte, waren am Ende der Wanderschaft restlos ruiniert. Aber was sind schon materielle Werte, und wurde uns nicht ohnehin nur alles geliehen? »Everything Is Borrowed«, so der Titel des vierten The-Streets-Album, ist eine Übung in Demut und Hoffnung, ein Loblied auf den Seelenfrieden und die einfachen Dinge des Lebens. »I came to this world with nothing / And I leave with nothing but love / Everything else is just borrowed«, singt Skinner, während Orgel und Blaskapelle so herzerwärmend wie stimmungsvoll dazu schmettern.
Dass The Streets einmal der Sparte Grime/UK-Garage zugeordnet wurden, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Es kann eigentlich nur daran gelegen haben, dass jede andere Beschreibung für Skinners Kombination aus Beats und Reimen ebenso unpassend gewesen wäre und Grime/UK-Garage gerade modern waren. Mittlerweile hat Skinner sich aber so weit von seinem Debüt entfernt, dass wohl unzählige Paare rosafarbener Reeboks nötig wären, um die Wegstrecke abzuschreiten, Lichtjahre weit. Und doch: Kaum sind drei, vier Takte erklungen, weiß man: Klar, das sind The Streets. Die Entwicklung verlief bislang wie folgt: 2002 veröffentlicht der damals 22-jährige Skinner sein wunderbares Debüt »Original Pirate Material«, das hinsichtlich hektischen Geredes und Gerumpels Maßstäbe setzt. Zur allgemeinen Überraschung wird die im Grunde völlig unkommerzielle Platte ein großer Erfolg und Skinner ein kleiner Star. Plötzlich kommt der zuvor eher bescheiden lebende Junge auch zu etwas Geld, was ihn 2004 auf die Idee zu »A Grand Don’t Come For Free« bringt – ein Konzeptalbum über das Unglück, tausend Pfund zu verlieren. Auch dieses Werk kommt bei Kritik und Käuferschaft bestens an, Geld spielt inzwischen keine Rolle mehr, und wenn die Drogen alle sind, kauft man sich halt neue. Doch Drogen, so muss Skinner lernen, sind auf die Dauer auch keine Erfüllung. Er starrt der Fratze des Ruhms in die leeren Augen, überdenkt sein Leben und hält es wie so viele junge Stars für eine gute Idee, eine Platte über die Schattenseiten des Ruhms aufzunehmen.
Das Ergebnis trägt den schönen Titel »The Hardest Way To Make An Easy Living« und handelt auf heitere Weise von Selbstmordgedanken, drogeninduzierten Höhenflügen, Abstürzen, Zusammenbrüchen, kreativen Hotelzimmerzertrümmerungen, idiotischen Finanzdebakeln, unvermeidlichen Tourkatastrophen, beiläufi ger Gewalt, beiläufi gem Sex, innerer Leere, Orientierungslosigkeit und einem One Night Stand mit einem britischen Popsternchen, das schon zum Frühstück eine Crackpfeife raucht. Dass »Everything Is Borrowed« nun ein Werk der Läuterung geworden ist, sollte niemanden wundern.
Jetzt geht es um die wirklich wichtigen Dinge, zum Beispiel die Lebensbedingungen im Jenseits: »I wanna go to heaven for the weather / To hell for the company«, singt er in »Heaven For The Weather« und bringt damit zum Ausdruck, dass er mit den weltlichen Freuden offenbar noch nicht ganz abgeschlossen hat. Fragen zu umweltgerechtem Verhalten behandelt Skinner in »The Way Of The Dodo«: »It’s not earth that’s in trouble / It’s the people that live on it / It will be here long after we’re gone the way of the dodo«, heißt es darin, wobei es sich bei dem Dodo um einen etwa 1690 ausgestorbenen flugunfähigen Vogel handelt. In »On The Edge Of The Cliff« findet Skinner tröstende Worte für Menschen in Not: »For billions of years since the outset of time / every single one of your ancestors has survived / every single person on your mom’s and dad’s side successfully looks after you / and past on to your life.« Und in »The Escapist« stellt er dann abschließend fest: »All those walls were never really there« – toll!
Noch besser als die vor Lebensweisheiten und gebrauchsphilosophischen Überlegungen blühenden Texte ist aber Skinners Gesang im Zusammenspiel mit der Musik. Ohne auch nur ansatzweise singen zu können, lehnt er sich mit vollem Einsatz in die Arrangements, bei denen dieses Mal ausgiebig Schlagzeug, Trompete, Flöte, Piano, Streicher, E-Gitarre, Klarinette und ähnliches Gerät zum Einsatz kommen. Natürlich trifft er die Töne nie, was seinem Gesang aber eine umso aufrichtigere, gewissermaßen tief gefühlte Note verleiht. Wie er in »The Strongest Person I Know«, dem einzigen Gute-Nacht-Lied des ansonsten wunderbar schwungvollen Albums, mit dem Melodieverlauf kämpft, gehört wirklich zu den steinerweichendsten Musikmomenten, die man seit längerer Zeit zu hören bekommen durfte. »Everything Is Borrowed« ist nach Angaben von Skinner das vorletzte Streets-Album, das jemals erscheinen wird. Er arbeitet bereits an einem fünften, das offenbar dunkel und futuristisch klingen soll. Danach ist für The Streets Schluss.
LABEL: Warner Music
VERTRIEB: Warner Music
VÖ: 19.09.2008

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