Herman Dune

Die in Paris beheimatete kosmopolitische Familienformation Herman Dune konnte man beim ersten Hören immer schon in die Schublade der bärtigen Wollkragenpulliträger stecken. Nun setzen sie noch einen drauf und präsentieren sich auf dem herrlichen Cover ihres neuen Albums wie eine jener religiös motivierten Bands der Siebziger, deren grenzdebiles Lächeln einen hin und wieder auf Flohmärkten beim Durchblättern von Vinyl-Kartons mit der Aufschrift ›Diverses‹ erschreckt. Jetzt könnte man glauben, die Geschwister Dune würden mit ihrer ›Anatevka trifft Wanderklampfe‹-Pose und dem programmatischen Titel zur Pilgerfahrt aufrufen. Allerdings täuscht auch da der erste Eindruck. Dem außermenschlichen Erleuchtetsein widersprechen sie etwa in »Baby Baby You’re My Baby«, einem zart-plüschigen Abrocker, in dem die Stimme besagten ›Babys‹ als »süsser als jedes Gebet« gepriesen wird, dem zufolge eben auch nicht »am heiligen Samstag den Rabbinern in den Tempel« gefolgt wird. Man hat mit dem Irdischen ja schon genug zu tun. Hier wird ›Zion‹ so benutzt, wie Leonard Cohen ›Jesus‹ benutzte – als poetische Figur.

    Mit ähnlich milder Ironie übersetzen Herman Dune die aus ihrem Artwork strömende Aura einer naiven Reinheit und sanft inszenierter Selbstgewissheit von der hermetischen religiösen in die schrankenlose Welt des stets umhervagabundierenden Musikers. Der bedient sich nämlich aller Slogans, Themen und Plattencover, die er am Wegesrand findet, so, wie er sein musikalisches Material aus der Folkgeschichte saugt, inklusive dem eigenen Backkatalog – »My Home Is Nowhere Without You« ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie »I Wish That I Could See You Soon«, das erste Stück der letztjährigen Platte »Giant«. Der Progress steckt im Detail: Die Mischung ist räumlicher, ganz alte Schule (das Label verlautet stolz, hier sei »live to analog tape« aufgenommen worden), das ungeheuer reiche Instrumentarium teilt sich hier meist strikt auf den rechten oder linken Kanal. Das entspricht Dunes typischem dialogischen Songwriting.

    Nicht nur Sänger und Sängerinnen werfen sich die Sätze hin und her, die entspannte Klarinette links scheint dem elektrischen Störfeuer namens Leadgitarre rechts zu antworten – Screwball-Comedy für die Ohren. »Someone Knows Better Than Me«, der eigentliche Hit der Platte, wundert sich zum Beispiel, warum am Tag nach Ingmar Bergmans Tod in Schweden alle Zeitungen voller Nachrufe und Interviews waren – so viel könne man doch unmöglich in wenigen Stunden geschrieben haben. »Wusstest du nicht«, fragt das Mädchen an seiner Seite, »dass Zeitungen Nachrufe auf Prominente für den Fall des Falles schon fertig griffbereit haben?« Über die eigene Naivität den Kopf schüttelnd, antwortet er: »I’ll never get used to / How twisted news can be« – sicherlich der beste Song, der bisher über dieses Thema geschrieben wurde.

    Aber: Dies ist auch das erste Album ohne Bruder André Herman Düne, der sich nach den Aufnahmen zu »Giant« Ende 2006 von seinen Geschwistern wegbewegte. André landete in Berlin, nennt sich nun Stanley Brinks, und seine Songs strahlen genau jene Kratzbürstigkeit aus, die »Next Year In Zion« etwas abgeht. Als Zeichen der Trauer hat das Bandprojekt Herman Düne nun die ›Ü‹-Tüddelchen aus seinem Namen getilgt. So genial arrangiert, wunderbar klar und kaminfeuerwarm diese Produktion auch ist, ihrem positivistischen Wohlklang kann am meisten abgewinnen, wer ihn sich als das verleugnende Symptom dieser Trennung vorstellt.

LABEL: City Slang

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 19.09.2008

JUICE Magazin abonnieren
SPEX ABO
BESTELLEN
UND TOLLE
PRÄMIEN
SICHERN!

 
 
 
ZUM SHOP
spex_no368_final_cover_154px_kiosk
DIE NEUE
AUSGABE &
BACK ISSUES
JETZT
VERSAND-
KOSTENFREI
BESTELLEN!
 
 
ZUM SHOP
thejulieruin1

SPEX präsentiert The Julie Ruin mit neuem Album in Deutschland

Kathleen Hannas Riottruppe ist mit neuem Album zurück on the road. Da lässt sich SPEX nicht bitten.

nachwuchs2

Musik von Morgen: Bewerbungsstart für den Pop-Kultur Nachwuchs

Das Pop-Kultur Festival bietet auch in diesem Jahr wieder sein »Nachwuchs«-Programm zur Förderung junger Talente an. Die Plätze wurden in diesem Jahr aufgestockt, bewerben kann man sich ab jetzt.

Wild Beasts

Wild Beasts mit neuem Album auf Tour / SPEX präsentiert

Das Falsett ist zurück! Wild Beasts kündigen ihr fünftes Album an – SPEX präsentiert die Tour im Herbst.

Dylan_Basement-Tapes2_Credit-Library-of-Congress-1

Aus der Zeit gefallen: Bob Dylan – The Basement Tapes

Unfassbare 47 Jahre lang waren jene mythenumrankten Sessions, die Bob Dylan 1967 mit The Band bei Woodstock abhielt, eines der größten Geheimnisse des Pop. Mit The Basement Tapes: Complete erschien 2014 eine komplette Sammlung aller von damals erhaltenen Aufnahmen. Die Veröffentlichung der beeindruckenden Box war nicht weniger als das Musikereignis des Jahres. Sie dokumentiert die Erfindung der Americana, wie wir sie heute verstehen. Zum 75. Geburtstag Bob Dylans am 24. Mai ist die komplette Besprechung von Max Dax aus SPEX N° 357 online zu lesen.

1992 The Master Musicians of Jajouka

Dänische Delikatessen: Das By The Lake Festival in Berlin

Experimentierfreudig gibt sich auch in diesem Jahr wieder das By The Lake Festival in Berlin-Weißensee. Die ersten fünf Bands wurden nun bekanntgegeben.

unnamed

Schnell und bewährt: Nots feiern Deutschland-Premiere / Ticketverlosung

Vier Frauen, eine Mission: Ordentlich Rabatz. Nots aus Memphis kommen auf ihrer Europa-Tour erstmals nach Deutschland. SPEX verlost Tickets für das Konzert in Berlin.

Grace Jones_2

Kein Zweifel am Mythos: Grace Jones in Köln / Rückblick

Die siebenjährige Live-Abstinenz von Grace Jones in Deutschland ist vorbei. Kurz vor ihrem 68. Geburtstag präsentierte sich die gebürtige Jamaikanerin dem ausverkauften Kölner E-Werk im Rahmen des Telekom Electronic Beats Festivals erhaben und gewohnt graziös. Auch fast 40 Jahre nach Veröffentlichung des Debütalbums Portfolio ist ihr musikalisches Oeuvre immer noch Mode und zeitlos zugleich.

Bildschirmfoto 2016-05-19 um 12.53.25

Adiam »Dead Girl Walking« / Videopremiere

Ihr neuer Song heißt zwar »Dead Girl Walking«, im zugehörigen Clip fährt Adiam jedoch Auto. Das Video der schwedischen Wahlberlinerin feiert heute auf SPEX.de Premiere.

nadler

Marissa Nadler »Strangers« / Review

Marissa Nadler arbeitet konsequent weiter am Fortbestand einer fremden, seltsamen Welt, mit deren Erschaffung sie vor gut zwölf Jahren begann.

moderat_flavien_prioreau_portrait

Große Namen, brennende Themen: SPEX präsentiert die Ruhrtriennale 2016

2016 befindet sich die Ruhrtriennale bereits im 15. Jahr. Längst ist sie Teil der Agenda, wenn es um das Aufeinandertreffen von Pop, Performance und Theater geht. Bis zum 22. Mai gibt es noch einen Frühbucherrabatt auf Tickets.

triad

Pantha Du Prince »The Triad« / Review

Statt gewohnter Landpartie ist The Triad eine Studioproduktion durch und durch.

randomness

Me Succeeds »Into Randomness« / Vorabstream & Review

Alles, außer Hits. Bei Me Succeeds ist das als Kompliment gemeint – das Album, das fließt, gibt’s schon heute im exklusiven SPEX-Vorabstream.