Einmal Black Atlantic und zurück

DJ Mujavas ›Township Funk‹

Text: Eric Mandel

Ein Sound von schlagender Simplizität und vom äußersten Rand der globalen Landkarte geht um, der Track dazu heißt »Township Funk«. Ausgehend von den satten Bassboxen südafrikanischer Taxen hat DJ Mujava mittlerweile Zehntausende Hörer auf YouTube erreicht, im September veröffentlichen Warp Records das wegweisende Instrumental als Vinyl. Die Signalwirkung von »Township Funk« verweist auf die Zukunft.

DJ

Elvis Maswanganyi alias DJ Mujava mag erst Anfang Zwanzig sein, als Produzent ist er aber schon seit Jahren aktiv. Seit Januar vergangenen Jahres wurde sein Video zu »Township Funk« bisher 98.828-mal abgespielt, nun veröffentlichen Warp Records den Track auf Vinyl.

(Foto: © Warp Records)

Der Drumloop von »Township Funk« erinnert zunächst an die Patterns der angolanischen Soundsystem-Musik Kuduro, die Herkunft des Tracks aber ist das Township Atteridgeville im südafrikanischen Pretoria. Sein Urheber ist ein 23-jähriger DJ und Produzent, bürgerlich Elvis Maswanganyi, der in den letzten sechs Jahren diverse lokale Acts produziert und fünf Alben unter dem eigenen Namen DJ Mujava veröffentlicht hat. Derzeit ist er beim südafrikanischen Marktführer Sheer Sound unter Vertrag, neben Jazz handelt man dort vor allem mit Kwaito, dem südafrikanischen Pendant zu Gangster-Rap. Nur dass die Tsotsis der Townships sich nicht auf dope Beats und Boom Bap geeinigt haben, sondern ausgerechnet auf das – gerne auf abgebremste – four-to-the-floor importierter US-House-Platten. Was als Kombination aus DJ, MC und standardisierten Tanzschritten begann und inhaltlich Parallelen mit Rap und Dancehall Reggae aufweist, ist am Kap mittlerweile ein Geschäft mit zahlreichen computergestützten Kleinst-Studios und schwerer Konkurrenz.

    Mit einem Schulfreund hat Mujava die Produktionsfirma House Therapy Productions gegründet und Acts wie Tsala & Spok zu nationaler Bekanntheit gebracht. »Meine eigenen Tracks produziere ich zuhause auf dem Computer und mit Software wie Cubase. Zum addieren bestimmter Instrumente, zum voicen und editing gehe ich manchmal in ein größeres Studio«, so Mujava, verbal wie musikalisch aufs Nötigste reduziert auskommend. Auch »Township Funk« reichen vier Elemente, um unmittelbar die schwungbringenden Körperpartien anzusprechen und sich dauerhaft im Bewusstsein festzusetzen: Der Track beginnt mit einem gesampelten Drumloop, ungefähr im House-Tempo, die Kick-Snare-Kombination nervös zur doubletime strebend. Die einsetzenden, langgezogenen Basstöne sorgen für Beruhigung, die Stimmung bleibt aber bedrohlich, bevor die einsetzende Synthie-Hook das Dubstep-Prinzip auf den Kopf stellt: Die Schlusstöne der Melodie haben keine Attack, die Wellenform, die Ohr und Kleinhirn als Leadstimme identifiziert haben, verformt sich, der Ton wird plastisch, gestalten durch die Hüllkurve des Filters – der Effekt, mit dem Breakbeat- und Dubstep-Produzenten ihre Bässe ›wobbeln‹ lassen. Nur klingt es hier vier Oktaven höher.

DJ Mujava - Township Funk (Warp Records / RTD)

Zum Weiterhören:
Buraka Son Sistema - Sound Of Kuduro
Esau Mwamwaya feat. Radioclit - Chalo
Os N’Gapas - Poster

    »Township Funk« erschien auf Mujavas letztem Album »Sgubu sa Pitori«, das auf der südafrikanischen Musikbiz-Seite MIO eine vernichtende Kritik einfuhr: es sei unfertig, unsauber, schlampig produziert und darüber hinaus auch noch unansehnlich. Auch das Radio ignorierte die Nummer zunächst. Und so verbreitete sie sich über eine andere Art von Airplay: »Unsere Taxifahrer bieten wegen den eingebauten, mächtigen Bassboxen den besten Sound. Im Radio wurde meine Musik kaum gespielt, also lief das eher über Taxen.« Deren Fahrer sind in den Townships von Pretoria die wahren Promoter, Soundsystem und Einzelhändler in einem. Sie besorgten sich die Tapes oder CDs direkt in Mujavas Studio, wenn ein Fahrgast Gefallen am Soundtrack seiner Reise hatte, konnte er die Nummer gleich an Ort und Stelle kaufen. Eine coole Sache, in Europa aber unvorstellbar. Mujavas Musik aber gelangte so in jede Ecke von Pretoria und grenzte sich schnell ab von den führenden Sounds der anderen Gegenden Südafrikas – je nach Provinz sind das House oder Kwaito, während Hiphop noch ganz woanders, in den urbanen Zentren von Capetown und Johannesburg  stattfindet. Mujava bezeichnet seinen Sound selbst als »Sgubu sa Pitori«, das heißt nichts weiter als »Sound von Pretoria«. Pitori ist auch der Name der instrumentalen, perkussionslastigen Musik, die diesen Sprawl aus Townships repräsentiert.

    Mujavas Tracks beschränken sich mitunter auf Drums und Bass, bereits sein zweites Album hieß ganz Tubby-mäßig »Bass & Drums 1 & 2«. »Mein Sound ist einzigartig in Pretoria«, gibt er ungewohnt lebhaft zu Protokoll. »Viele versuchen ihn bereits nahzuahmen.« Wenn seine skellettartigen Arrangemements dem Qualitätsempfinden der großen Radiostationen zunächst zu spartanisch vorkamen, sorgten genau diese Faktoren – Reduktion und Minimalismus bei größtmöglichen Impact, und eine Ethnizität, die sich nicht einer beliebigen Sample-CD, sondern direkt aus der musikaliaschen DNA seiner Umwelt speist – in Europa für Begeisterung. The Rapture werden »Township Funk« auf der nächsten DJ-Kicks-Compilation dabeihaben, Berlins DJ Shir Kahn hat die hypnotisch beepsende Hook in seinen »XLR8TR Podcast Mix« aufgenommen, international veröffentlichen Warp Records den Track im violetten Lochcover. Die Bedeutung dieses Labels im europäischen Raum ist Mujava zwar ungefähr bewusst, aber selbstredend nicht besonders wichtig. Und auch von Dubstep hat er noch nichts gehört – mit Sicherheit wird sich das ändern, und vielleicht wird sich das auch auf den Sound Pretorias auswirken. Denn das Verhältnis der angloamerikanischen Populärmusik vom Blues bis zum Dubstep und den virilen Musikszenen Afrikas ist keine Einbahnstraße.


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Pretoria ist die offizielle Hauptstadt Südafrikas, das Township Atteridgeville wurde während der Apartheid im Jahr 1939 gegründet.

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Kwaito, ein Sound, der vor acht bis zehn Jahren auf Basis importierter House-Platten, Rap, lokalen Dialekten und Drumpatterns entstand, und sein militanter, schon Techno- und Dubstep-kompatibler Neffe Pitori, sind nur zwei Beipiele für die Wirkungsweise von Paul Gilroys berühmtem Modell des »Black Atlantic«. Nach dieser, der auf Traditionslinien und Fortschrittsdenken basierenden europäischen Ästhetik entgegengesetzten Theorie, bilden die Gegenden links und rechts des Atlantiks ein dynamisches kulturelles Feld, das – durchzogen von Migrationslinien, Ideengeschichten, Reiserouten und Märkten – unablässig hybridisiert, neu erfindet, dekontextualisiert und synthetisiert. Und das nicht erst seit gestern, sondern seitdem der weiße Mann die afrikanische Diaspora in Gang gesetzt hat und oft genug unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der westlichen Medien. Vereinzelte Produkte dieser komplexen, kaum mehr zu  kartographierenden Kulturproduktionsmaschine, wie Reggae, Reggaeton, Bossa Nova oder Son (als Boogaloo oder Salsa) sind durch den europäisch-amerikanischen Markt weithin hör- und sichtbar geworden. Stets nach dem Goldgräberprinzip, eine Ader bis zum letzten und unter tradierter Verteilung der Produktionsmittel ausbeutend.

    Es ist ein neuer Spirit spürbar, der der Realität der Globalisierung Rechnung trägt und das immer noch wirksame Verhältnis von Peripherie und Zentrum ins Schwanken bringt, der mehr Neugier, Demut und Bewusstsein in sich trägt. Der DJ und Mad-Decent-Labelbetreiber Diplo sagte – und das mag eine Folge seiner Beziehung zur nomadischen Musikerinnen-Existenz M.I.A. sein – jüngst: »Jeder hat alles, die Welt ist globalisiert. Ich sampele ein afrikanisches Kid, das afrkanische Kid sampelt mich. Dabei muss man versuchen, seine Identität zu behalten.« Hier steckt ein mit allem versorgter Multiplikator seinen großen Zeh in den Black Atlantic, nicht um abzuschöpfen, sondern um Teil des Kontinuums zu werden. Das ist schon ein Unterschied zur verwertungsorientierten Logik der früheren Jahre, und auch gegenüber den essentialisierenden Neotribalistas der Wohlstandsgesellschaft, die sich mit Dancehall- und Baile-Funk-Soundsystems eine wohlige Parallelrealität schaffen, die sich zu Mujavas Musikvideo zu »Township Funk« geradezu spiegelbildlich verhält.
 

DJ Mujava - Township Funk (Warp Records / RTD)

Zum Weiterhören:
Buraka Son Sistema - Sound Of Kuduro
Esau Mwamwaya feat. Radioclit - Chalo
Os N’Gapas - Poster

     In diesem Video erwacht Elvis vor einer Hauswand aus unruhigem Schlaf im Freien. Er wird belächelt, bemitleidet, verhöhnt, geschubst. Währenddessen kommt in der Parallelhandlung ein Soundsystem in Fahrt, Jungs und Mädels beginnen zu tanzen, derselbe junge Mann kommt in anderen Klamotten ans Deck, jetzt ist er zweifelsfrei DJ Mujava. Er legt eine Vinylsingle auf, die Leute tanzen dazu noch ekstatischer. »Ich bin ein Hobo«, sagt Mujava, »die Leute lachen über mich, ich reise mit ihnen in eine andere Welt, in der alles in Ordnung ist.« Seit Coxsone Dodd, Kool Herc, Grandmaster Flash und jedem Sound von L.A. bis Belgrad, von den Favelas zu den Townships – derselbe Traum, eine Universalie. Nur die soziale Dynamik unterscheidet sich in Abhängigkeit zur ökonomischen Ausgangssituation des Träumenden.
 
     Deswegen ist Warps Move ebenso nachvollziehbar wie es – so wie jede Interaktion zwischen europäischer Musikindustrie und afrikanischen Produktionsstätten – ambivalent bleibt. Einerseits erweitert das Label das Prinzip der anonymen lila Hülle endlich auf den globalen Raum. Es akzeptiert die lokale Eigenheit und ebnet sie gleichzeitig ein, unter Verweis auf die Universalität der Beats und Bleeps, in dessen Sog »Township Funk« mitgespült wird und kickt. Und Warp sorgen dafür, dass verstrahlte westliche Raver um 10 Uhr in der früh Gespräche darüber führen, die vorher Musikanthropologen vorbehalten blieben (wo kommt der Beat her, mit welchen Moves kombinieren die Jungs und Mädels in den Videos aus Angola und Südafrika den Electric Boogie). Und schließlich ist auch Warp nichts anderes als ein wirtschaftlich operierendes Unternehmen, das irgendwo im postkolonialen Commonwealth eine neue Goldader gefunden hat. Wenn eventuelle Nachfolger von »Township Funk« eine Meute, die sich mittlerweile immerhin an Baile Funk, Bmore, Crunk und Grime innerhalb eines DJ-Sets gewöhnt hat, nicht rocken, gibt’s halt nächstes mal was aus der äußeren Mongolei, und die Pitori Soundboys schauen weiterhin durch die Finger auf ein Nadelöhr, das sich eines Tages mal wieder öffnen könnte. Kein Grund also, hysterisch zu werden. Aber ein guter, den eigenen Horizont wieder um ein paar Breitengrade zu erweitern.

»Township Funk« von  ist bereits als MP3-Download erschienen, am 12. September veröffentlichen Warp Records den Track als 12"-Vinyl.

Zum Weiterhören
: Kuduro-Klänge von Buraka Som Sistema und Os N’Gapas, Tropical und folkloristisches von Esau Mwamwaya auf Seite 3 (vor)

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Buraka Son Sistema  Esau Mwamwaya Os NGapas
Heute längst nicht mehr unbekannt: in den DJ-Sets von Diplo, Switch und Shir Khan tauchen Buraka Som Sistema, Esau Mwamwaya und Os N’Gapas (v.l.n.r.) schon seit einer ganzen Weile auf.


Buraka Som Sistema

DJ Riot, Joao Pekeno und Conductor beziehen sich als Buraka Som Sistema auch abseits ihres Single-Titels »Sound Of Kuduro« explizit auf die angolanische, auf Techno, LFO-Sounds und Reaggeton basierende Musikrichtung Kuduro. Ihre erste Single »Yah!« erschien vor zwei Jahren, kürzlich veröffentlichten sie die »Sound Of Kuduro«-EP, auf der man auch die britisch-tamilische Künstlerin M.I.A. hört. Wesentlich höheren Wortanteil in der Musik BSSs hat allerdings die im lisboischen Stadtteil Amadora lebende Rapperin Pongo Love. Ende des Jahres soll das BSS-Debütalbum »Black Diamond« auf dem portugiesischen Label Enchufada erscheinen.

Esau Mwamwaya
Der aus Lilongwe, Malawi stammende und heute in London lebende Musiker Esau Mwamwaya verbindet traditionelle ostafrikanische Folklore mit Elementen aus Tropical, Electronica und Popmusik. Gemeinsam mit Johan Karlberg und DJ Tron – zusammen arbeiten beide unter dem Projektnamen Radioclit – sowie den französischen Miami-Bass- bzw. Hiphop-Produzenten TTC produziert Mwamwaya stetig innovative Kreuzungen aus populärer westlicher Tanzmusik und afrikanischen Traditionals. Auf das Titelbild des Fader Magazines schaffte es Mwamwaya bereits – und natürlich springt auch in seinen Produktionen von Zeit zu Zeit Mathangi »M.I.A.« Arulpragasam durchs Bild.

Os N’Gapas
Neben Buraka Som Sistema zählt derzeit das aus Lil'Adidax, Puto Chano und Best One bestehende Trio Os N’Gapas zu den prägenden Kräften hinter der Popularisierung der kontinentaleuropäischen Spielart von Kuduro. In ihrer Single »Poster« spitten sie wortgewaltig und rasant über einen dröhnenden Bassbeat samt satten Paukenschlägen.

Mehr zum Thema in Spex #317, ab dem 24. Oktober am Kiosk.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Kultische Szenen zwischen Dies- und Jenseits:

    [...] Lost Control« aus dem Jahr 1980 handelt. Mathambos Take auf Control erinnert an DJ Mujavas »Township Funk«, allerdings in einer House-lastigeren Version – als Afro-Futurismus bezeichnet es der DJ, [...]

     
 
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