Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: H.P. Baxxter

H.P. Baxxter von Scooter bittet zum Gespräch in den Lago Bay Beachclub an der Hamburger Elbe – mit weißem, dekadent aus Nassau eingeflogenem Karibiksand. Seit seinem Millionen-Hit »Hyper Hyper« von 1994 textet Baxxter, der eigentlich Hans Peter Geerdes heißt, in artifiziellem Englisch – mehr als zwanzig Top-Ten-Platzierungen und noch mehr Beispiele dadaistischer Kunstsprache folgten. Wie punktgenau irre seine Texte sind, machte erst kürzlich die Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann deutlich, als sie Scooter-Lyrics zurück ins Deutsche übersetzte: Springt alle hoch und nieder!

 

H.P. Baxxter /<br />
Scooter

H.P. Baxxter: In der Dance-Musik geht es doch eigentlich immer nur um eins: Hände hoch und abfeiern. Das begreift man schnell. Aber dennoch hat es mich immer gereizt, zwischen den vorhersehbaren Zeilen eines Songs einen Satz unterzubringen, der den Hörer irritiert. Oder der von mir aus nur jeden hundertsten Hörer irritiert. Irgendein Zitat, das auf etwas anderes verweist. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit »Der kleine Prinz« im Theater gesehen – Jahre, nachdem ich es in der Schule mal gelesen hatte. Da fiel mir dieser Satz auf: »What is essential is invisible to the eye / It’s only with the heart that you can see rightly« – man sieht nur mit dem Herzen gut. Das ist für mich eine ewig gültige Aussage. Auf meine Band Scooter bezogen heißt das, ganz direct ausgesprochen: Diese zwei Zeilen reichen, um auf den Punkt zu kommen, dafür brauchst du nicht das gesamte Buch zu lesen. Es ist in zwei Zeilen bereits alles gesagt.

    Aus diesem Zitat ist dann der Song »Weekend« entstanden. Die Zeile ›ist‹ gewissermaßen der Song. Im Video zu »Weekend« hüpfen übrigens nur nackte Frauen rum. Ich schmunzele heute noch, wenn ich diese Zeile höre und die Bilder sehe. Das finde ich richtig gut. Und es ist dann auch egal, wie viele Prozent der Hörer das gar nicht mitbekommen. Kleine Textzeilen mit großer Wirkung sind einfach mein Ding. Kleine Textzeilen, das nennen andere ›One-Liner‹ oder auch Parolen. Scooter sind demnach spezialisiert auf Parolen. Heute sage ich: Eine Parole ist dann gut, wenn sie irgendwie ›neu‹ klingt. Sie darf auf gar keinen Fall abgedroschen klingen. Eine Parole braucht einen gewissen Witz. Sie muss einprägsam sein. Sie muss irgendwie Sinn ergeben. Und man muss Lust bekommen, sie zu wiederholen.

    
Mit Parolen, die all das abdecken, sind Scooter groß geworden. Unser allererster Hit, »Hyper Hyper«, bringt es ja auch auf den Punkt: Der Ausruf »Hyper! Hyper!« war ein Ausdruck aus der Rave-Szene, er manifestierte die Euphorie des Augenblicks in einem Kunstwort. Ich war ja selbst ein Raver, bin auf jede Party gegangen, bis zur Erschöpfung. Wenn mir die Musik so richtig gut gefiel, ertappte ich mich stets dabei, wie ich mit den anderen »Hyper! Hyper!« schrie, um den DJ anzufeuern. Den Begriff hatte ich meinerseits aufgeschnappt, und zwar von Ultra-Sonic, die hatten 1993 einen Track, der hieß »Annihilating Rhythm«. Und an einer Stelle in diesem Track rief der MC: »Hyper! Hyper!«. Immer wenn »Annihilating Rhythm« lief, habe ich nur darauf gewartet, bis der MC diesen einen Satz rief. Für mich hatte dieses Kunstwort eine solche Power, dass ich davon eine Gänsehaut bekam. Und als wir unseren ersten Track produzierten, war mir von Anfang an klar: So muss der Track heißen, das wird der Titel, das geht gar nicht anders, alleine schon aus Respekt vor Ultra-Sonic. Außerdem wusste ich, dass so ein geiles Statement nicht nur an einer Stelle kommen darf, es muss mehrmals kommen – damit man nicht so lange warten muss.

    

Und so kam es dann auch in der Rave-Szene, nachdem unser Song zu einem Hit geworden war: Statt, dass die Leute einander mit »Hallo, hallo!« begrüssten, begegneten sie sich mit den Worten »Hyper, hyper!«. Das hat mir klargemacht, was für eine Macht die Sprache haben kann. Interessanterweise hatte ich all die Jahre zuvor, als ich mit meiner New-Wave-Band Celebrate The Nun versuchte, so zu sein wie all die anderen New-Wave-Acts, die ich bewunderte, gar keinen Erfolg. Heute sage ich, dass es wohl daran gelegen hat, dass wir Nachzügler waren: Die Sache war schon durch, wir waren für den Zeitgeist zu spät. Wir waren einfach nicht speziell genug. Mit Scooter klappte es wenige Jahre später, weil wir uns an keine Regeln mehr hielten, einfach keine Rücksicht mehr nahmen. Das war wie ein Schalter, den wir umgelegt hatten.


    Absurderweise habe ich damals, als es mit Scooter losging, als Hardseller im Dance Department für die Plattenfirma Edel gearbeitet. Jens Thele, ein Freund von mir, der da auch arbeitete, bat mich gelegentlich um Remixes, weil er wusste, dass ich ein kleines Studio in Hannover besaß. Für Adeva, Holly Johnson und verschiedene andere Acts habe ich auf diese Weise Remixes gemacht. Und eines Tages musste ich einspringen, weil Edel für den Titel »Vallée de Larmes« von René et Gaston die Rechte nicht frei bekam – er bat mich also, den Track nachzubauen. Ich modifizierte den dann natürlich ein bisschen, nannte ihn »Hyper Hyper« und gab dem Projekt einen eigenen Namen – Scooter.

    Der Name ›Scooter‹ kommt übrigens daher, dass die Melodie dieses Tracks wie eine Karussellmelodie klang. Wie Kirmes. Und wenn ich an Jahrmarkt denke, denke ich nun einmal an Autoscooter. So nannten wir die Gruppe Scooter, so einfach war das, so kam die Jungfrau zum Kind. Als nächstes trudelte eine Anfrage ein: ob Scooter nicht live spielen könnten – immerhin war »Hyper Hyper« zwischenzeitlich in die Top Ten der Dance Charts geschossen.



Max Dax: Lass uns zurück zur Sprache kommen. Die Sprache, in der du zu deinem Publikum sprichst, ist der Schlüssel zu Scooter.
    Darauf will ich ja hinaus: Nach den abtörnenden Erfahrungen mit Celebrate The Nun hatte ich mir geschworen, mich nie wieder auf eine Bühne zu stellen. Mir schwebte vielmehr so ein lässiges Produzenten-Sesselfurzer-Dasein in meinem Studio vor – ohne Reisen und den ganzen Stress. Aber man soll bekanntlich niemals ›nie‹ sagen! Wir ließen uns breitschlagen und sagten den Auftritt zu. Auf die Schnelle haben wir mit Scooter dann einen zweiten Song komponiert – auf der Basis von »Hyper Hyper«, der klang einfach genauso. Ich stand dann schließlich auf der Bühne und bat um ein Mikro. Ich wollte nicht dumm rumstehen, während die Musik läuft, also habe ich mich als Master of Ceremonies, als MC, neu erfunden. Ich wusste schließlich, was ein MC auf der Bühne macht, das kannte ich noch aus Hannover, da waren noch in den Achtzigern die ganzen Engländer stationiert. Und bei jedem Rave hatte jeder DJ zusätzlich einen MC dabei, der die Menge anfeuerte. Das hat mich immer beeindruckt, und in dieser Live-Situation entsann ich mich dessen. Du fragtest nach dem Link zur Sprache, hier ist er: Ein MC ist ein Jongleur mit Worten! Der MC muss ein Gespür für die richtige Ansprache haben. Er muss genau wissen, wann der Break kommt und vorher so zum Publikum sprechen, dass er seinen Text genau in der Stille vor dem Break beendet. Unser Live-Auftritt schlug auf alle Fälle ein wie eine Bombe. Keiner kannte uns, niemand hatte auf uns gewartet, und nach zwei Nummern stand die Meute Kopf. Uns war klar: Wir müssen »Hyper Hyper« noch einmal aufnehmen, dieses Mal mit meinen MC-Ansagen und mit der ekstatischen Response des Publikums. In Hannover arbeiteten wir also noch einmal drei Tage an dem Track, der Rest ist Geschichte, das Ding wurde ein Welterfolg.


»Hyper Hyper« besteht textlich aus drei Komponenten: Erstens eine fast schon dadaistische Kunstsprache, die keinen logischen Sinn mehr ergibt. Zweitens zählst du ganz viele DJs auf, von Westbam über Jens Mahl stedt bis hin zu Mijk van Dijk. Drittens gibt es für jeden verständliche Parolen à la »Put your hands in the air!«.

    Die Auflistung der DJs kommt ursächlich daher, dass wir uns damals gar keine Gedanken darüber machten, wie ›man‹ einen Song eigentlich so aufbaut. Der Song bestand zunächst aus Musik, dem Ausruf »Hyper, hyper!« und aus ein paar parolenartigen Schlachtrufen. Ich fand, da fehlte was. Und da ich damals immer jeden Freitag die »Steve Mason Experience« auf dem britischen Soldatensender BFBS hörte, bekam ich natürlich mit, wie sich die Raver on the air immer gegenseitig grüssten. Jeder Raver hat damals BFBS gehört. Und wenn man da eine Postkarte hinschrieb, auf der man seine Raverkumpels grüsste, dann las Steve Mason diese Grußbotschaften vor. »A big shout to Robo, Kobo and Matthias in Helmstedt!« So kam ich auf die Idee, »Hyper Hyper« dazu zu benutzen, um all die DJs zu grüssen, die wir damals gut fanden. Also shoutete ich: »We want to sing a big shout to us, and to all ravers in the world! And to Westbam, Marusha, Steve Mason, The Mystic Man, DJ Dick, Carl Cox, The Hooligan, Cosmic, Kid Paul, Dag, Mijk Van Dijk, Jens Lissat, Lenny D., Sven Väth, Mark Spoon, Marco Zaffarano, Hell, Paul Elstac, Mate Galic, Roland Casper, Sylvie, Miss Djax, Jens Mahlstedt, Tanith, Laurent Garnier, Special, Pascal F.E.O.S., Gary D., Scotty, Gizmo – and to all DJs all over the world!!« Das wurde dann fast zu so einem Thomas Bernhardschen Mantra, sag’ ich mal. Das fanden übrigens nicht alle der genannten DJs gut: Gerade bei Low Spirit dachten Westbam und die anderen, dass wir uns einschleimen wollten. Das war aber gar nicht der Fall. So schlau habe ich damals gar nicht gedacht.

Was macht eine gute Parole aus?
    Parolen kann man eigentlich nicht konstruieren. Man kann sich Parolen nicht im Studio oder am Schreibtisch ausdenken. Die kann man nur unterschwellig mitbekommen – auf einem Rave, in einem Track von jemand anderem, wo auch immer. Ich bin permanent unterwegs, immer voll da. Wenn ich auf einen Rave gehe, bedeutet das für mich eben immer auch die Ohren aufzusperren, ob ich da nicht einen Spruch aufschnappe, den ich für Scooter verwursten kann. Zunehmend interessierte ich mich für MC-Sprüche, in denen sich der Rufer zur Kunstperson erklärt und so Sachen ruft wie: »I am the track attacker, the mike enforcer, I am the chicks checker, I am the law!« – und so weiter. Es gab Fälle, da haben sich Raver bei uns beschwert, dass ich sie nicht mehr direkt anspreche, dass ich sie nicht mehr mit einbeziehe, weil ich mein MC-Battle-Ding zu konsequent durch zog, wo es ja immer darum geht, sich selbst als MC zu anderen MCs in Beziehung zu setzen, sich selbst zu stilisieren, sich zum Besten zu erklären. Die fragen dann: Warum singt er nicht mehr zu uns? Warum erklärt er uns nur noch, wie toll er ist? Ich reagiere dann durchaus und schreibe wieder einen Song, in welchem ich mich direkt an die Crowd wende, sie wieder mit einbeziehe. Und wenn ich dann eine Zeile schreibe wie: »Get off your shirts and wait for further instructions«, dann ist wieder Ruhe im Karton.


Inwiefern handelt es sich hierbei um funktionales Texten? Indem du Parolen shoutest, die dem Publikum Handlungsanweisungen geben, erfüllen die Texte ja zweierlei: Einerseits definieren sie den Song, andererseits manipulieren sie das Publikum.
    
Wenn wir einen Track produzieren, der als Single ausgekoppelt oder fester Bestandteil des Live-Repertoires werden soll, stellt man sich schon während der Produktion vor, wie das Ding wohl live vor 5.000 Leuten abgehen wird. Das haben wir von The KLF gelernt: den inszenierten Größenwahn. Es ist original so, dass ich mir während des Produzierens ein Stadion voller Raver vorstelle, zu denen ich shoute. Deshalb wende ich mich ja mit meinen Parolen direkt ans Publikum, und deshalb ziehen wir ja gerne auch mal den euphorischen Roar des Publikums als Tonspur in einen Song rein. Rick und ich nennen das ›die Zuschaueratmo‹. Der Effekt liegt auf der Hand: Ein Song klingt durch den Sound der ekstatischen Massen nicht mehr so klinisch wie eine Studioproduktion.


Was bedeuten dir The KLF?
    Für mich stehen The KLF für den entscheidenden Einschnitt in meinem Leben. Vor The KLF hörte ich wave-orientierten Synthiepop. Danach nicht mehr. »What Time Is Love?« war 1990 der Kick schlechthin. Das kam völlig unvermittelt. »Kick out the jams, motherfucker!« – das hatte ja so eine Energie, so etwas hat man vorher in der Musik gar nicht für möglich gehalten! Heavy Metal und Techno und Vollgas und Euphorie und maximaler Druck kamen da in einem Song zusammen. Ich weiß noch, wie wir uns in Hannover immer am Wochenende bei mir zu Hause trafen, die Bierdosen öffneten und diese eine Stunde, bevor wir zum Rave gegangen sind, knüppellaut The KLF hörten. Das war immer Freitagabend, und die Nachbarn wussten schon: Jetzt wird es wieder eine Stunde lang laut, jetzt hängt sich dieser Irre wieder aus dem Fenster raus, brüllt sich die Seele aus dem Leib, aber danach geht’s wieder. Dieser Irre war ich, und ich dachte wirklich, ich kann fliegen, wenn ich mit »What Time Is Love?« meine WG in ihren Grund festen erschüttern ließ. So sehr euphorisierte mich die Musik. Und natürlich finden sich in unzähligen Scooter-Songs KLF-Zitate oder irgendwelche versteckten Hinweise. In dem Song »Ramp! (The Logical Song)« singe ich: »The ›K‹, the ›L‹, the ›F‹ and the ›Ology‹ / Hallelujah!« Die Zeile taucht da ganz unvermittelt auf, hat mit dem Rest des Songs gar nichts zu tun. Ich betrachte diese Querverweise als heimliche Grüße an The KLF.


Sind die Grüße angekommen?
    Ja. Indirekt hat Bill Drummond auch zurückgegrüßt. In einem Interview antwortete er 2000 auf die Frage, wen er als die legitimen Erben von The KLF ansehen würde: Scooter. Und natürlich gab es dieses geniale Gerücht in England, dass The KLF in Wirklichkeit hinter Scooter stecken. Mit »Ramp! (The Logical Song)« waren wir auf Platz 2 in England, und diverse britische Journalisten mutmaßten, wir seien ein neues Projekt von Bill Drummond und Jimmy Cauty. Was haben wir uns totgelacht. Und was die Parolen anbetrifft: Das Internet ist ein Fundus für Slogans.

    
Ich google regelmäßig die üblichen Blogs und Foren durch, in denen sich MCs virtuell battlen. In England gibt es eine richtige Garage-House-MC-Kultur, die offen über das Internet kommuniziert. MC Skibbadee ist beispielsweise ein sehr guter Drum’n’Bass-MC. Auf YouTube kommt man ganz leicht an Live-MC-Performances von ihm ran. Und so entsteht dann eben ein Scooter-Songtext wie »Maria (I Like It Loud)«, in welchem ich shoute: »Skibadee Skibadanger / I am the rearranger«. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ich ein Bruchstück aus dem Internet aufgreife und mit eigenen Worten auffülle – und sogar meine Quellen nenne. Denn Dinge eins zu eins zu klauen, da sind wir uns einig, das wäre ja blöd. Ein bisschen Kreativität muss schon sein. Manchmal reicht ein Wort oder ein Satz, den ich auf diese Weise aufschnappe, um von dort aus weiterzugehen.

Genau: Wie geht es dann von dort aus weiter?
    Ich habe mein unentbehrliches englisches Reimlexikon. Da gebe ich dann ein Wort ein, auf das ich einen Reim brauche, und dann zeigt es mir alle Vokabeln an, die sich darauf reimen. Ich lasse gewissermaßen bewusst den Zufall zu, wenn ich schreibe. Jeder Song bläht sich auf diese Weise daher auch immer erst auf zwei DIN-A4-Seiten auf, bevor ich ihn dann auf seine Kernzeilen zusammenstutze. Und überhaupt muss die Musik erst einmal stehen. Ich texte nur zu bereits fertig arrangierter Musik. Ich weiß also schon einmal genau, wie viele Silben ich brauche, um eine Strophe fertig zu texten. Schließlich ist die Musik das Wichtigste, dann erst kommt der Text. Der Beat und die Melodie müssen einen anmachen, damit ein Text greifen kann. Ich könnte keinen Text nur zum Sound einer Bassdrum und einer HiHat schreiben. Die Euphorie, das Adrenalin sind vonnöten für einen guten, funktionierenden Text.

Was passiert, wenn die Musik stimmt?
    Die ziehe ich mir dann auf den Rechner und höre mir die als Loop an. Richtig laut, richtig schön laut. Und in Gedanken überlege ich mir dann Metrik und Versmaß. Dabei ist zu bedenken, dass ich nicht zu viel sagen darf – und nicht zu wenig. Denn Techno ist ja eigentlich eine instrumentale Musik. Sage ich zu wenig, werden wir an anderer Technomusik gemessen. Sage ich zu viel, widerspricht es dem Grundgedanken der Musik, nämlich zunächst einmal zu kicken. Ich muss also das richtige Maß finden für diesen seltsamen Zwitter namens Scooter – wo jedes Stück ein Mischding ist zwischen einem klassischen Popsong mit Strophen, Bridges und Refrains – und einem Rave-Techno-Track, der einen gelernten Aufbau, einen bestimmten Sound und einen Break in der Mitte hat.

    Das bedeutet für mich als Texter, dass ich hier keine typische Liedform bedienen kann, denn der Text wird ja geshoutet, gerappt, geschrieen. Stakkatomäßig muss mein Text den Beat ergänzen. So entsteht dann beispielsweise ein zerhackter, rhythmischer Text wie zu »Maria (I Like It Loud)«, in dem es wie so oft darum ging, vor allem erst einmal einen Flow hinzubekommen: »I ritz bits for da hits with the lyrics / With a robotic, narcotic in the pocket / The fire rocket, blood socket, I crack whip.« Bamm! Dann kommt der Break, und dank dieser Dramturige kann ich dann anschließend richtig Vollgas geben mit dem Text und meiner Performance. Wie ein Kickdown beim Auto.

Weißt du, dass die einstige Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann neuerdings Scooter-Texte rezitiert?
    Nein, das wird ja immer abstruser! Irm Hermann, der wandelnde Kühlschrank? Sind wir jetzt Hochkultur, oder was?

Das klingt dann folgendermaßen: »Ich liebe es, eure Hände in der Luft zu sehen. Wir wollen harte Party machen. Die technologische Musik bekommt, was sie braucht. Springt alle hoch und nieder. Hüper, hüper.«
    Das ist natürlich wie ein Ritterschlag. Auch der Rocko Schamoni hatte neulich ein neues Theaterstück, da kam er an und fragte, ob er nicht eine Sequenz mit mir filmen könne. Das haben wir dann natürlich gemacht. Ist doch klar. Und dass Irm Hermann uns wahrnimmt, das ist natürlich cool. Da freut man sich.

Worauf ich hinauswill, ist etwas anderes: Als Deutscher textest du Englisch, jemand übersetzt es zurück ins Deutsche – und heraus kommt dAdA.
    Und was ist jetzt die Frage?

Hattest du nie die Lust verspürt, für Scooter auch auf Deutsch zu texten?
    Nein, da habe ich nie drüber nachgedacht. Die englischen MCs, an denen ich mich orientiere, battlen auf Englisch. Das ist die Messlatte. Außerdem ist die englische Sprache geschmeidiger, die fließt besser. Die deutsche klingt nicht so richtig. Es geht gar nicht so sehr um Inhalte – schließlich betrachte ich die Sprache oder meine Stimme auch eher wie ein Instrument. Und nicht zuletzt ist Scooter eine internationale Band. Würde ich auf Deutsch texten, könnte uns die große Mehrheit unserer Fans nicht mehr verstehen.

 

»Jumping All Over The World« von Scooter ist bereits erschienen (Sheffield Tunes / Edel).

Foto: © Oliver Schultz-Berndt / Spex