Nichts Falsches im Wirklichen

Yo! Majesty

Text: Jan Kedves

Die Beats kommen aus London, die Rapperinnen dazu aus Florida: Yo Majesty räumen auf in der Machowelt Hiphop und halten ihr selbstbewusst das viel zu oft zur Hohlformel verkommene Konzept der Realness unter die Nase. Denn: Alles, was es gibt auf der Welt, gehört auch in den Hiphop.

Yo Majesty
»Hiphop erlaubt mir, all diesen Bullshit hinter mir zu lassen. Schau mich heute an: Ich rappe darüber, dass Frauen mit starken Pussys vor nichts Angst zu haben brauchen, und ich trete auf denselben Festivals auf wie Peaches und Beth Ditto. Ain’t nothing fake about Yo Majesty!« (Jwl B., Yo Majesty)

(Foto: © Christoph Voy / SPEX)

Dass Hiphop von männlichen Allmachtsfantasien bestimmt wird, ist nichts Neues. Yo Majesty aus Tampa, Florida, sehen trotzdem nicht ein, warum Hiphop nicht auch ihnen erlauben sollte, sich Gehör zu verschaffen. »Wir sind schwarz, arm, lesbisch und talentiert«, erklären Jwl. B und Shunda K, und die aktuellen Veröffentlichungen der Rapperinnen – ihr Debütalbum »Futuristically Speaking … Never Be Afraid« und die »Kryptonite Pussy EP« – sprechen da für sich. Aufs Mitreißendste verbinden die beiden Afroamerikanerinnen hier hart gespuckte Selbstermächtigungsreime mit versierten Miami-Bass- und Ghetto-Tech-Zitaten. Obendrauf zuckrige Popmelodien, mal ausgeliehen bei M.A.N.D.Y. vs. Booka Shades »Body Language«, mal bei Milli Vanillis »Blame It On The Rain«.

    Dass Lesben im Hiphop nach wie vor als Menschen zweiter Klasse gelten, Schwule sowieso, erscheint indes ein bisschen paradox. Immerhin gehört die Inszenierung von Erotik zwischen Frauen fest ins Bildrepertoire aktueller Pornorap-Videos. Meist sieht das so aus: Zwei Models zärteln ein bisschen aneinander herum, bis ein Rapper dazwischenspringt und im Namen der Heteronormativität für Ordnung sorgt, bei einem flotten Dreier. Jwl. B und Shunda K, seit sieben Jahren gemeinsam auf der Bühne, haben auf solche Spielchen keine Lust: Als erste offen lesbische MCs des amerikanischen Rapgeschäfts loten sie aus, wie sich Hiphop zum Pushen feministischer und queerer Emanzipation nutzen lässt. Ihr eigenes Lesbischsein wird dabei zum Thema, weil in einem Genre, in dem Frauen meist Objekte sind und in dem die wenigen kommerziell erfolgreichen Rapperinnen – Queen Latifah oder Missy Elliott beispielsweise – oft genug als ›Lesben‹ denunziert werden, nur offensives Auftreten politisch wirksam sein kann.

»I’m a beautiful woman, don’t get me wrong«, betont Jwl B. gegenüber Beth Ditto im XLR8R-Videocast.

VIDEO: XLR8R Tv - Beth Ditto & Yo Majesty

    Jwl. B, eine leicht ruppige, aber auch sehr herzliche Person, die bei ihrer Großmutter, einer Pastorin der Pfingstbewegung, aufwuchs und aus dieser Zeit noch über einen satten Gospelsound in der Stimme verfügt, betont die für den Hiphop essentielle Philosophie des »Keeping it real«. Jene Maxime erlaube ihrer Kollegin Shunda K und ihr, auf der Bühne oben ohne zu performen, und vor allem auch, kein Problem mit Rappern zu haben, die Yo Majesty für ihr Lesbischsein dissen. Rapper, die behaupteten, Lesben könnten nicht rappen, seien nämlich ›fake‹ und nicht ›real‹. Beweis: Sie zögen es vor, zur Verteidigung ihrer Privilegien die für jeden offensichtliche Realität zu missachten. Eine Schande für Hiphop!

    Mit solch scharfem Pragmatismus und aufklärerischem Furor widmen sich Yo Majesty in ihrer Musik dann Themen wie Prostitution, Finanznot oder aufdringlichen schmierigen Lederjacken-Machos. In »Hit It And Quit It«, einem Aids-Awareness-Track, geht es um die in der afroamerikanischen Community durch Problematik der so genannten ›Undercover Brothers‹. »Das sind schwule Homeboys, die nach außen hin eine unverdächtige Heterofassade aufbauen, mit Heim, Frau, Kind und Frauen mit HIV, weil sie es heimlich unsafe mit Männern treiben und sich zu Hause im Bett dann nicht trauen, Kondome auszurollen – ihre Frauen könnten ja sonst Verdacht schöpfen.«

    Der Sound dazu, gemixt von Hard Feelings UK, einem britischen Produzententeam, mit dem Yo Majesty schon seit Jahren kooperieren, will mit rumpelnden Electrobeats und billig gesampleten E-Gitarren zwar scheinbar erstmal nichts anderes als auf die FunÄra von Hiphop verweisen, auf Run DMC und Tone Loc, auf Salt N Pepas »Push It«. Doch das ist das rundum Erstaunliche an Yo Majesty: wie hier zwei schwarze Lesben auf der Achse Tampa – London völlig überzeugend Party mit Agitation verquicken; wie sie Hiphop nicht nur daran erinnern, woher er gekommen ist, sondern auch: wofür. »Ich bin in der Kirche meiner Großmutter in dem festen Glauben aufgewachsen, dass Frauen, die Hosen tragen, in die Hölle kommen«, erklärt Jwl. B. »Hiphop erlaubt mir, all diesen Bullshit hinter mir zu lassen. Schau mich heute an: Ich rappe darüber, dass Frauen mit starken Pussys vor nichts Angst zu haben brauchen, und ich trete auf denselben Festivals auf wie Peaches und Beth Ditto. Ain’t nothing fake about Yo Majesty!«

Yo Majesty »Futuristically Speaking … Never Be Afraid« (Domino / Indigo)
Yo Majesty »Kryptonite Pussy«

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