150 Jahre Pop

Arto Lindsay über Michael Jackson

Text: Arto Lindsay

Welche Mächte des Universums genau walteten, als 1958 in den USA binnen weniger Wochen drei Übermenschen auf die Welt kamen, weiß man nicht. Sicher ist, dass ihnen die Namen Michael Joseph Jackson, Madonna Louise Ciccone und Prince Rogers Nelson gegeben wurden und sie später zu den drei wichtigsten Popstars der Welt aufstiegen. Ohne sie keine teuersten Videos der Welt, kein ›Moonwalk‹, keine ›Parental Advisory‹-Sticker. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag am 29. August gratuliert der frühere DNA-Musiker Arto Lindsay dem King of Pop.

Michael Jackson

Am 29. August 1958 wurde Michael Joseph Jackson in Gary, Indiana geboren, 13 Jahre später kickstartete er seine Solo-Karriere mit der Single »Got To Be There / Maria«. Seit Neuestem soll er in einer Burg in den Karpaten leben.

(Foto: © Action Press / Alex / SPEX)

Michael Jacksons immense Wirkungskraft, der enorme Einfluss, den er auf das weltweite Showgeschäft ausgeübt hat, kann man heute gar nicht mehr ermessen. Wie kein Zweiter dominierte er in den Achtzigern das Biz – er war nach Elvis Presley und den Beatles der dritte Star, dem dies gelungen ist, und seit ihm hat keiner seinen Platz einnehmen können. Wie sehr er das Geschehen beherrscht hat, kann man leicht daran erkennen, dass man, hört man sich eine Platte wie »Thriller« oder »Bad« heute wieder an, sich an jeden Atemzug, jedes Luftholen erinnert, jeden Kiekser, jede Verzögerung, jedes noch so kleine Detail der Produktion – als wäre er nie weg gewesen. Ich habe mich anlässlich von Michael Jacksons bevorstehendem fünfzigsten Geburtstag noch einmal durch seine gesamten Platten gehört und stelle fest: »Off The Wall« und »Thriller«, und mit Abstrichen »Bad« und »Dangerous«, sind heute noch absolut fesselnde Produktionen.

     Vor Michael Jackson war schwarze Popmusik aus Amerika eine sekuläre Variante von Gospel. Die Stars der Generation Motown haben als Kinder und Jugendliche noch in den Kirchen gesungen und waren derart geschult zu Soulsängern geworden. Michael Jackson repräsentierte die nächste Generation. Anders als die Motown-Stars Marvin Gaye, Diana Ross und Stevie Wonder hatte er als Kind nie in der Kirche Gospel gesungen, sondern als Teil der Boygroup The Jackson Five stand er sofort bei Motown unter Vertrag – und sang Soulpop. Der weltliche Erfolg der Motown-Stars im Showbiz definierte nur ein Etappenziel für Michael Jackson. Die wirkliche Ambition des Sängers war, den Crossover zu einer weißen Rockhörerschaft zu schaffen.

     Sein außergewöhnliches Talent stach schon aus den Jackson Five hervor, seine Stimme war stets die eine, auf die man hörte – sie war so geschmeidig, zugleich hoch und fließend. Mit viel Training hat er seine Stimme im Laufe seines Lebens verändert. Er wollte kein Soulsänger sein, er trimmte seine Stimme zu einer Rockstimme. Er begann, die Wörter bellend auszusprechen, mit ihnen zu beißen – das sind übrigens zwei ganz wichtige Kriterien der Rockmusik, die oft übersehen werden: der Besitzanspruch, der über die Beherrschung des Gesangs manifestiert wird. In diesem Sinne ist der Rocksänger, um ein archaisches Bild zu benutzen, der Löwe, der seinem Opfer überlegen ist – der die Frau bekommt, der bloß zu brüllen braucht und Tausende zittern.

     Gleichzeitig hatte er aber diese komplexe Intensität des ihm eigenen Rhythmus. Eine Rhythmik, die er ganz klar von James Brown gelernt hatte. Physisch war Michael Jackson von den Göttern geküsst: Er tanzte wie keiner vor ihm. Zugleich hatte er den Blick des Regisseurs, der es ihm erlaubte, seinen Tanz auf seine Massentauglichkeit hin zu beurteilen. Sein Tanz war so scharf! So unvergesslich! Es gibt viele gute Tänzer, aber wir erinnern uns nur an wenige. Kein Wunder, er lernte von den besten: Den ›Moonwalk‹ lernte er von den pantomimischen Figuren Marcel Marceaus, die Nachvollziehbarkeit entnahm er den Bewegungsabstraktionen Fred Astaires. Ihm war es ganz klar daran gelegen, dass der Betrachter einen bleibenden Eindruck von seinem Tanz behielt.

     Michael Jackson ist in seinem Größenwahn übrigens ganz und gar amerikanisch: Alle amerikanischen Superstars haben im Grunde eine Vollmeise. Sie sind durch und durch das, was man landläufig als ›kranke Persönlichkeiten‹ bezeichnet. Sie alle haben Probleme, die weit über das ›normale‹ Maß hinausreichen, sie haben mindestens einen benennbaren großen Defekt. Einerseits erklärt ein solcher Defekt den übermenschlichen Antrieb, den diese Persönlichkeiten – ob sie nun James Brown, Madonna, Prince, Bruce Springsteen oder Michael Jackson heißen – an den Tag legen, um ihn zu überstrahlen. Der Defekt – oft eine bescheidene Körpergröße, Michael Jackson allerdings ist gar nicht klein – mag eine Ursache für ihren Ehrgeiz sein.

     Erst dieses kranke Element, das sie aus der Reihe schlagen lässt, ist der Garant, dass es jenseits von Talent ein echtes Interesse der gesamten Öffentlichkeit an ihnen gibt. Wenn wir es freundlich ausdrücken, eint die amerikanischen Superstars, dass sie jeder eine Obsession ausleben. Dieser obsessive Charakter ist sehr hilfreich, um Menschenmassen in einer Größenordnung für sich zu vereinnahmen, die sie alleine mit der Qualität ihrer Musik nie erreicht hätten.

Arto Lindsay

Das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen als oberste Pflicht: Arto Lindsay, in den frühen Achtzigern Mitglied der legendären New Yorker No-Wave-Band DNA, arbeitet in Brasilien als Bossa-Nova-Produzent. Ein musikalisches Chamäleon wie ihn interessiert an Michael Jackson vor allem eins: dessen Gabe, aus einem schwarzen Gospel-Background Soul in den breiten Rock-Mainstream zu tragen.

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

         Seit es Menschen gibt, werden sie von zwei Dingen angezogen: Sex und Blut. Die Menschen wollen Sex oder Blut oder beides sehen. Keiner kann seinen Blick abwenden, wenn er eines von beiden zu sehen bekommt. Die Menschheit hat durch die Jahrhunderte unfassbare Anstrengungen unternommen, um dieses Primärinteresse zu codieren, zu verkomplizieren, zu verstecken – zu Kunst zu erklären. Und der Austragungsort kann das Rededuell zweier Politiker sein, das Fußballstadion, der Fernseher oder eine Konzertbühne.  Doch der Mechanismus bleibt der gleiche.

     Bei Michael Jackson hat man schon in den Siebzigern Sex und Blut förmlich riechen können, sobald er einen Raum oder eine Bühne betrat. Er war stigmatisiert von der Aura des Übermenschlichen: Jeder wusste, dass das gigantische Talent Michael Jacksons eine sehr dunkle, schreckliche Vorgeschichte hat. Der prügelnde Vater, die Sexorgien seiner Brüder im Hotelzimmer während der Zeit mit den Jackson Five, die schreienden Mädchen – man kann sich vorstellen, zu was das bei einem kleinen Jungen führt. Natürlich kann niemand beweisen, ob Michael Jackson tatsächlich Kinder missbraucht hat, aber es ist schlimm genug, als Weltstar vor einem Gericht öffentlich gedemütigt zu werden, indem man während der Verhandlung Kindern Bilder seines Schwanzes zeigen muss. Und die ganze Welt schaut zu. Die ganze Welt kennt auf diese Weise die ganzen kranken Details eines Verbrechens, von dem allerdings unklar bleibt, ob es je begangen wurde. Was bleibt, sind Spekulationen, Mutmaßungen, üble Nachrede, hohe Geldtransfers an jene, die Anschuldigungen aussprachen. Der Horror – wie man es am Ende auch dreht und wendet.

     Aber es irritiert natürlich, dass er nach den ersten Verdachtsmomenten unbeirrt den Kontakt zu Kindern gesucht hat – als habe er der Welt beweisen wollen, dass seine Liebe zu Kindern tatsächlich völlig harmlos ist. Unter diesem Blickwinkel bekommen seine Neverland-Ranch, sein Vergnügungspark, sein Zoo und all diese Auswüchse, die man unter ›normalen‹ Umständen als schrägen Spleen hätte abtun können, einen bizarren Beigeschmack. Man kann sich das kaum vorstellen: ein neunundvierzigjähriger Multimillionär unter permanenter Beobachtung auf einem Privatkarussell, der seine verlorene eigene Kindheit – gemeinsam mit fremden Kindern und auch seinen leiblichen – ein zweites Mal erleben will.

     Interessanterweise spürt man sexuelle Verdrehtheit in seiner Musik. Die Musik ist sehr rhythmisch und erregend. Seine Texte hingegen sind nicht selten durchdrungen von Lebensangst. Sie wirken dabei ganz oft, als wären sie am Reißbrett designt worden. Über »Thriller« und »Bad« ist schon alles gesagt worden. Ich möchte daher den Titeltrack von dem Hitalbum »Dangerous« streifen: In diesem singt er von einem »Girl«, das »dangerous« sei. Die Produktion des Stücks ist absolut genial, es ist auch eine mehr als geniale Komposition, gar keine Frage. Michael Jackson ist in diesem Song auf der Höhe seines Könnens. Aber der Text ist so eiskalt, fast klingt er, als sei er von einem Werbetexter in Werbesprache geschrieben worden: »The girl is so persuasive« … – so spricht kein Mensch. Zwar geht es hier um eine Frau und ganz offensichtlich um Verführung, allerdings riecht hier nichts nach Sex. An einer Stelle singt er: »She came at me in sections«. Eine ganz und gar kryptische, abstrakte, vieldeutige Zeile in einem ansonsten total durchdesignten Song. Was will er seinem Publikum damit sagen? Etwa, dass er Frauen liebt?

     Die unbeantwortete, große Frage bei Michael Jackson lautet aber: Wieso hat er sich das alles aus der Hand nehmen lassen? Die Kindsmissbrauchsprozesse haben ihn als Star zur Persona Non Grata gemacht. Sein Album »HIStory« war eine künstlerische Bankrotterklärung, und von »Invincible« wollen wir lieber gar nicht reden. So bleibt leider festzustellen: Spricht man über Michael Jackson, muss man über ihn in der Vergangenheitsform sprechen. Er soll ja aus Bahrain wieder weggezogen sein und seit Neuestem in Rumänien in einer Burg in den Karpaten leben.


Im Zusammenhang mit Michael Jacksons fünfzigsten Geburtstag findet man derzeit nicht nur zahlreiche Würdigungen des King of Pop im Feuilleton, natürlich wurden auch »seine 30 größten Hits« als Doppel-CD veröffentlicht (Sony BMG). Das Fanzine »Neue Probleme« widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe Jackos Wirkung auf die Popkultur, weitere Texte zum Thema finden sich im soeben im Berlin-Verlag erschienenen Essay »Über Michael Jackson« von Margo Jefferson. Am Freitag, 29. August, findet zudem im Berliner Scala-Theater eine Lesung zu »Über Michael Jackson« statt, im Anschluss spielen Daniel W. Best (Sonar Kollektiv), Tobias Rapp (Spex / taz), Jan Joswig (De:Bug), das Coop-DJ-Team sowie viele andere die wirklich »größten Hits« von Michael Jackson.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von black cadillac « cosmojl:

    [...] zu beschreiben was er getan hat, wie großartig es gewirkt hat, daher hier nur ein verweiss auf den spex-artikel zu seinem fünfzigsten geburtstag. was war ist pop, was bleibt ist [...]

     
 
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