Lykke Li
Youth Novels
Text: Jan Kühnemund
Wie hübsch so eine CD-Hülle sein kann! Lykke Li macht es vor: Zwischen die Liedtexte sind aufwändig inszenierte Fotografien auf grobes, hellbraunes Papier gedruckt: Die Sängerin in wallenden Kleidern, hinter Muscheln und Blümchen, mal vervielfacht, mal beflügelt, immer schwarzweiß portraitiert und schwer einzuordnen. Diese Frau hat tausend Masken und ein ausgesprochen sicheres Gespür für Ästhetik. Die Vielgestaltigkeit findet im Musikalischen ihres Debütalbums seine konsequente Entsprechung.
»You’ll be the rhythm, I’ll be the beat«, flüstert sie eingangs, »then I’ll be the rhythm, and you’ll be the beat« – wie romantisch. Er die Struktur, sie die Textur. Und umgekehrt. Das Keyboard webt einen Flokati, Lykke Li lässt die Worte darüber gleiten. Liebe sei die Harmonie, Verlangen der Schlüssel, »Love is a symphony, come sing it with me.« Da ist ein Rhythmus, der Beat aber ist unhörbar. Ist das Zufall? Das folgende »Dance, Dance, Dance« kann sich immerhin nach dem Klacken des Sticks auf dem Rand der Trommel richten – oder ploppen da Tischtennisbälle? –, mit dem Refrain kommt eine Kuhglocke hinzu. Ein karges Lied, neben den Taktgebern sind da nur eine stoisch zwei Akkorde abwechselnde Gitarre, ein paar Puster ins Saxofon – und ihre Stimme.
Ach ja, die Stimme. Vor allem: der Dialekt. Obwohl Lykke Li einige Zeit in New York lebte, hat sie ihr süßliches swedish-british English nicht abgelegt. Das »a« ist in ihrer Aussprache immer ein bisschen zu dunkel, hier und da schleicht sich ein »sch« ein, Wortenden verschluckt sie gerne. Wenn sie »Dance« singt, klingt das wie das schwedische »Dans«. In New York hat sie sich wohl auch daran gewöhnt, dass man ihren Vornamen auf englisch falsch ausspricht, »Licky« statt »Lücke«.
Denn eigentlich kommt Lykke Li – geboren vor 22 Jahren als Li Lykke Timotej Zachrisson – aus dem südschwedischen Ystad. Henning Mankells Antiheld Kurt Wallander lebt in der Stadt, ihm mag das Kleinstädtische als Folie der Korrumpiertheit des Bürgerlichen dienen. Aber der Kunst Lykke Lis wäre das wohl kaum Thema genug gewesen. Mit den Eltern zog sie nach Stockholm, später lebten sie in Portugal und Italien, Marokko und Indien. Mit 19 Jahren verschlug es Lykke Li dann ins besagte New York. Dort nahm sie das Album auf – gemeinsam mit Björn Yttling, einem Drittel der Folkpopper Peter, Björn And John. Mit deren Klang hat Lykke Li jedoch kaum etwas am Blümchenhut. Bei ihr geht es tanzbarer und elektronischer zu. Immer wieder geht es um den »Rhythm« und den »Beat«. Und um Bewegung. In ihren Videos windet sie sich zur Musik, tanzt durch lange Gänge an Figuren vorbei, die sich Jean-Pierre Jeunet oder David Lynch ausgedacht haben könnten.
In Interviews erzählt Lykke Li, sie habe niemals unbedingt Musikerin werden wollen. Auf ihrer Suche nach einer Ausdrucksform habe sie auch über Malerei und Mode nachgedacht. Ihrem Album hört man an, dass sie Künstlerin ist, keine Musikerin. Sie ergötzt sich in der Vielzahl möglicher Formen, probiert aus, wonach ihr der Sinn steht und hat doch stets das Ganze im Blick, die Konsistenz ihrer Erscheinung. Keinem Genre scheint sie wirklich verbunden. Oder besser: allen. »Dance, Dance, Dance« ist ein durchgeknalltes Folklied, der bepuderzuckerte Refrain von »Little Bit« könnte einem Kinderlied entlehnt sein. Die geraden Rhythmen von »Complaint Department« und »Breaking It Up« legen die Spur in den Club, zu Madonna und Kylie; die ruhigen Stücke »Hanging High« und »Everybody But Me« stünden auch Kate Bush gut zu Gesicht. Oft scheint die Göteborger Tanzkapelle The Knife durch, »Little Bit« klingt rhythmisch stark nach dem verkappten Calypso von »Pass This On«.
Das Album liegt schon einige Zeit fertig in der Schublade. »Little Bit« brachte sie im vergangenen Jahr selbst finanziert als Ten-Inch in Schweden heraus – dort erschien unter den Fittichen der EMI im Januar ihr Album. Kurz darauf nahm sich das britische Label Moshi Moshi ihrer ersten Single an und veröffentlichte sie erneut. Mittlerweile hat Lykke Li auch in Mitteleuropa einen großen Hafen angelaufen, nämlich Warner Music. Im Sommer erschien das Album so auch in England, nun folgt die Veröffentlichung in Deutschland. Sieben Monate sind vergangen, in Zeiten der Verbreitung von Musik über das Internet ist das eine halbe Ewigkeit.
LABEL: Eastwest
VERTRIEB: Warner Music
VÖ: 29.08.2008

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