Roots Manuva
Slime & Reason
Text: Henrik von Holtum
Wer »Roots« in seinem Künstlernamen führt, dem scheint Traditon etwas zu bedeuten. Rodney Smith aka Roots Manuva hat sich – nach eigenen Angaben – um »Slime & Reason« zu produzieren auf seine Vor-Hiphop -Wurzeln der Studio-One- und Channel-One-Ära konzentriert und sich außerdem mit folgender Frage beschäftigt: »To tap into a unique aesthetic, to make a longplayer that is of its own world… How do we make it have an indvidual sound?«
Roots hat auf diese Frage ja schon ein paar sehr schöne Antworten geliefert, nur zu gerne erinnert man sich daran, wie um 2001 das »Ba-Bu-Bumm, Ba-Bu-Bumm“ der Bassline seiner Single »Witness ( 1 Hope )« von kopfnickenden B-Boys nachgebummpert wurde. Ein Verhalten das man sonst eher mit auf Luftgitarren gespielten Riffs und Beavis and Butthead assoziiert. Viele halten Roots Manuva für den Paten von dem, was Journalisten auf der Suche nach etwas Griffigem Grime getauft haben. Sein Stil geht auf in dieser Melange aus Patois, Dancehall, Off Beat, High Speed, Break Beat. Dort wo man mühelos von Raggamuffin zu Brit Core zu Drum&Bass und Grime kommt, ist er zu Hause. ist es England? Oder Jamaika? Egal! »Out on an island« ist er bestimmt.
Die bereits erwähnte Auseinandersetzung mit der Studio-/Channel-One-Ästhetik ist auf »Slime & Reason« gut zu hören: es gibt Danchall-Synkopen (»Do Nah Bodda Mi«), Reagge-Off-Beats (»Well Allright«) und viele der Hooks gehen eher ins Getoastete. Auch in der Auswahl der Sounds erkennt man das Vorbild. Es sind fast schon billig wirkende, früh-analoge, quasi-Achtbit-Synth-Dinger; Klänge also, aus denen kleinere Geister Handyklingeltöne zu machen pflegen. Diese Klänge sind aber mit massig Bass, dem richtigen Gespür für Timing und Ekzentrik ausgestattet, wodurch die einzigartige Ruffness Roots Manuvas herausklingt.
Der erste Track »Again And Again« ist ein gutes Beispiel dafür: hier kommen Synthi-Bläser zum Einsatz, die auch von einem Alleinunterhalter für seine Version des »Rocky Theme« verwendet werden könnten, das klingt fast schon nach Karneval und ist doch wieder Roots Manuva – super! Man spürt aber auch noch das Erbe von Hiphop, zum Beispiel den Umgang mit Breakbeats und Samples wie auf »2 Much 2 Soon«. Die sehr schönen Bläser Skits hier sind – wenn man so will – die Antithese zu »Again And Again«“. Es gibt Elektro-Funk, auf den man sich auch gut einen MC wie Redman vorstellen könnte (»C.R.U.F.F.«) sowie Songs, die von der Anlage digitaler und neuzeitlicher klingen (»It’s Me Oh Lord«).
Man könnte meinen, dass bei all diesen Einflüssen eine unzusammenhängende Mischung aus Einzeltracks entstanden ist – dem ist aber nicht so. Das Album lässt sich prima durchhören, die einzige Ausnahme stellt vielleicht noch »Let The Spirit« dar – das aber ist sinnigerweise von Metronomy, und nicht von Roots Manuva produziert.
Der Rapstyle hat sich auf dieser Platte nicht wirklich verändert, Flow und Stimmeinsatz ähneln den alten Alben. Das macht weiter nichts, warum sollte man auch etwas Richtung Avantgarde biegen, das sowieso perfekt funktioniert. Das gilt im übrigen auch für die Textinhalte: kein großes Storytelling oder bahnbrechende reimtechnische Finessen; alles klingt tight!
Wer in jeder Platte seiner Sammlung das Rad neu erfunden sehen will, wird diesen Tonträger wahrscheinlich nicht brauchen, aber um noch mal auf den Anfang zurück zu kommen: »… to tap into a unique aesthetic, to make a long player that is of its own world.« Wenn das der Maßstab ist, an dem »Slime & Reason« gemessen werden will, dann ist es schön sagen zu dürfen: Ziel erreicht, gute Arbeit!
LABEL: Ninja Tune
VERTRIEB: RTD
VÖ: 29.08.2008

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