150 Jahre Pop
Lady Bitch Ray über Madonna
Text: Reyhan ŞahinWelche Mächte des Universums genau walteten, als 1958 in den USA binnen weniger Wochen drei Übermenschen auf die Welt kamen, weiß man nicht. Sicher ist, dass ihnen die Namen Michael Joseph Jackson, Madonna Louise Ciccone und Prince Rogers Nelson gegeben wurden und sie später zu den drei wichtigsten Popstars der Welt aufstiegen. Ohne sie keine teuersten Videos der Welt, kein ›Moonwalk‹, keine ›Parental Advisory‹-Sticker. Zu ihrem Geburtstag am 16. August bedankt sich Lady Bitch Ray bei Madonna.
Hoch die Tassen!

Am 16. August 1958 wurde Madonna Louise Ciccone in Bay City, Michigan geboren, 25 Jahre später erschien ihr Debüt »Madonna«, das schnell ein großer Erfolg wurde. Ende April dieses Jahres veröffentlichte Madonna ihr elftes Studio-Album.
(Foto: © Miguel Villalobos / SPEX)
Madonna könnte meine Mutter sein. Sie wurde im August 1958 geboren, im selben Monat, in dem meine Mutter auf die Welt kam. Meine Mutter ist cool, aber ich muss sagen: Madonna ist geiler. Ich habe verdammt viel von ihr gelernt in puncto Selbstbewusstsein, Sexualität und Frauenrechte. Viel mehr als von irgendwelchen Feministinnen, die im Schilde führen, Frauen stark zu machen, dabei aber in die völlig falsche Richtung denken und aussehen, als hätten sie seit Jahren nicht gefickt.
Ich habe Madonna schon als Kind wahrgenommen. Dass es bei ihr um Themen wie Repräsentation von Frauen in der Gesellschaft und Eigenermächtigung geht, habe ich damals natürlich noch nicht reflektiert. Das kam erst später. Aber als ich elf war, wollte ich schon unbedingt ein Madonna-T-Shirt haben. Meine Mutter hat mir eins gekauft. Das T-Shirt war mir heilig! Ich kann mich erinnern, wie eine Freundin damals zu mir meinte: »Ach, Madonna, die lesbische Schlampe!« Ich sagte nur: »Was, Alter? Du bist die Schlampe! Madonna ist richtig geil!«
Als ich mit sechzehn anfing zu rappen, war Madonna immer noch wichtig für mich. Immerhin ist sie diejenige, die sich im Popgeschäft bis nach ganz oben durchgekämpft hat – mit Ehrgeiz und Disziplin. Madonna kann nicht singen? So what! Es ist doch immer dasselbe in unserer Gesellschaft: Sobald eine Frau mal erfolgreich ist, wird sofort nach einem Makel gesucht, mit dem man ihr alles wieder absprechen kann. Sie ist dann schnell die Billige, die Dumme, die Hässliche, die Talentlose, die Verbissene, die zu Ehrgeizige, die Asoziale, was auch immer. Eine Frau kann in diesem Sinne immer nur unberechtigterweise zu Ruhm kommen.
Ich erinnere mich, wie ich früher antwortete, wenn Leute zu mir meinten, ich könne nicht rappen: »Ich bin die Madonna des Rap!« Und wenn ich heute als Lady Bitch Ray Begriffe wie ›Bitch‹ oder ›Hure‹ für mich besetze – wenn ich mich dieser Begriffe bemächtige und sie positiv umdeute –, dann hat das auch viel mit Madonna zu tun: Sie ist diejenige, die die biblische Figur der Madonna umgedeutet und ihr eine Möse gegeben hat. Sie ist die heiße Unbefleckte, die geile Mutter Gottes, die heilige Nutte. Es geht dabei natürlich auch um Provokation, vor allem aber geht es um Freiheit: die Freiheit, eine Rolle, die negativ konnotiert ist, positiv zu besetzen und deren Verkörperung überdies noch in ihrer alten Bedeutung zu genießen. Die Riot-Grrrl-Bewegung hat das mit ihrer selbstbewussten Adaption der Bitch ja auch gemacht. Aber das hat noch nicht gereicht. Da ist noch einiges an Saft drin. An der Aufregung um meine Person kann man das gut sehen. Die ganzen Rapper zum Beispiel, die den ganzen Tag prahlen: »Ich hab hier Bitches, ich fick sie alle!« Wenn aber mal eine Frau wie ich kommt und eine Ansage macht: »Besorgt’s eurer Bitch aber mal so richtig!«, dann haben sie plötzlich die Hosen voll. Das ist nicht nur in der Rap-Szene so. Die ganze Gesellschaft ist total sexualisiert, aber wenn es mal die Frauen sind, die offensiv Sex einfordern, dann ist es plötzlich doch ›too much‹.
Man muss sich in diesem Kontext nur mal an Madonnas Auftritt 1994 im amerikanischen Fernsehen bei David Letterman erinnern. Eine geile Sendung: In den Wochen vor ihrem Besuch hatte Letterman dauernd Witze über Madonnas Sexleben gerissen, und dann saß sie plötzlich bei ihm im Studio. Sie hat es ihm ordentlich heimgezahlt. Ständig lässt sie ihn auflaufen, benutzt immer wieder genüsslich das Wort ›Fuck‹ und saugt grinsend an einer dicken Zigarre. Letterman gerät total aus dem Konzept, versucht mehrmals, das Thema zu wechseln – erfolglos. Madonna fragt: »David, was ist los mit Ihnen? Sie scheinen doch sonst so besessen von meinem Sexleben – und jetzt wollen Sie nicht über Sex reden?« Dann schenkt sie ihm ein getragenes Höschen von sich und fordert ihn vor laufender Kamera auf, daran zu schnüffeln. Yeah! Das erinnert mich irgendwie an meinen Fernsehauftritt bei den Lustknaben Schmidt und Pocher …
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»Verpiss dich, ich bin die Madonna des Rap!«, pflegte Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray früher zu bitchen, wenn ihr die Leute bei Hiphop-Battles blöd kamen. Die türkisch-deutsche Rap-Feministin, die zuletzt im Film »Chiko« eine Hure spielte und an der Universität Bremen über die Kleidungssemiotik promoviert, schätzt Madonna sehr – vor allem als Vorreiterin des ›Vagina-Style‹.
(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)
Als studierte Kleidungssemiotikerin finde ich natürlich interessant, wie Madonna sich immer wieder gezielt Outfits und ihrer Codierungen bedient hat. Ob sie sich einen Business-Anzug mit einer Corsage designen ließ und die androgyn-männliche Marlene-Dietrich-Frau spielte – sexy und bossy zugleich –, oder ob sie zu Beginn ihrer Karriere »Boy Toy«-Gürtel trug und T-Shirts mit dem Spruch »Italians do it better«: Immer ging es darum, sich als Sexspielzeug zu inszenieren, dabei aber nie die Kontrolle aus der Hand zu geben. Viel wichtiger ist aber noch, was Madonna mit dem Kruzifix angestellt hat. Seit ihr ist das Kreuz nicht mehr das, was es mal war. Früher galt das Kreuz als wahnsinnig problembeladenes Symbol, man konnte alles Mögliche damit falsch machen: es nicht tragen, es unberechtigterweise tragen, es auf den Kopf stellen und dafür in die Hölle wandern etc. Als Pop-Idol hat Madonna dazu beigetragen, dass das Kruzifix heute ein Schmuckstück ist wie jedes andere auch. Mit Videos wie »Like A Virgin« oder »Like A Prayer«, in denen sie das Kreuz exzessiv als Accessoire benutzte, hat sie es entmystifi ziert, sexualisiert und verpoppt. Wenn ich heute zu einer Filmpremiere ein Kreuz um den Hals trage, steht am nächsten Tag nicht in der Zeitung, ich sei plötzlich katholisch geworden oder eine schamlose Gotteslästerin, sondern nur: »Sie hat ein Madonna-Kreuz getragen.«
Ich wünschte mir, dass etwas Ähnliches bald mit dem Kopftuch passiert. Denn das Kopftuch ist heute als religiöses Symbol dermaßen aufgeladen, dass es dringend einer Mode bedarf, um es zu entpolitisieren. Es muss einen weiblichen Star geben, der das Kopftuch neu besetzt und zum Massentrend macht. Jede Frau muss ein Kopftuch tragen wollen, bis man Musliminnen nicht mehr von anderen Frauen unterscheiden kann. Die Frage, ob das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung ist oder nicht, wird sich dann gar nicht mehr stellen – denn Mode ist Mode, nicht Unterdrückung. In den fünfziger Jahren war es ja schon mal so: flottes Cabrio, Sonnenbrille, Kopftuch – damals war das ein cooles Accessoire. Religiöse Symbole müssen entzaubert werden, damit die Leute sich nicht mehr um ein Stück Stoff streiten, sondern sich endlich mal auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren.
Genau wie Madonna beherrscht Lady Bitch Ray das Spiel mit den Medien. Ihre Auftritte in der Schmidt- & Pocher-Show oder mit Ulf Poschardt auf Willkommen.tv sind absolut sehenswert.
Zurück zu Madonna. Ich kann mich nur wiederholen: Ich finde sie richtig geil. Es gibt kaum etwas, das ich an ihr kritisieren würde. Nur eines vielleicht: Sie mischt sich nicht genug in die Politik ein. Zwar hat sie irgendwann mal »Fuck George Bush!« gesagt und das »American Life«-Video gedreht, als Protest gegen den Irakkrieg. Aber wie sie sich dann gleich wieder davon distanzierte und dafür entschuldigte, das war doch eher blamabel. Wobei man nicht vergessen sollte, dass Madonna eben keinen Rap macht. Im Rap kann man seine kritische Message direkter und expliziter rüberbringen als im Pop. Das ist auch mein zweiter Kritikpunkt: Immer, wenn Madonna in ihren Songs zwischendurch mal versucht, zu rappen, wird es total peinlich. Sie sollte es lassen mit dem Rappen. Sie kann es einfach nicht. Dafür kann sie eben vögeln. Und wie! Ich weiß noch, dass ich sie mir als Teenager immer beim Masturbieren vorgestellt habe. Sie war die Frau, mit der ich ficken wollte. Immerhin war sie diejenige, die mir zeigte, wie es geht. Diese Selbstbefriedigungsszene in ihrer »Blonde Ambition«-Show, in der sie sich zu einer schwül orientalisierten Version von »Like A Virgin« auf einem Riesenbett einen runterholt: Das ist Madonnas Vagina-Style! Für meine nächsten Auftritte versuche ich, genau so ein Bett zu organisieren. Ich will das auch machen, in meiner Lady-Ray-Show. Ich würde Madonna auch gerne mal kennenlernen. Wir könnten dann ’ne Runde fummeln. Eine kurze Rap-Einführung könnte ich ihr auch geben, die könnte sie wirklich gut gebrauchen. Wäre doch super: Ich habe so viel von ihr gelernt – da könnte sie auch von mir noch was lernen.
Madonnas neues Album »Hard Candy« ist bereits erschienen (Warner Music). Zwischen dem 28. August und dem 29. September gibt sie an ausgewählten Terminen auf der »Sticky & Sweat«-Europatournee Deutschland-Konzerte. Alle Shows (mit Robyn als Support) finden sich hier.
Die »Mein Weg«-Single von Lady Bitch Ray ist bereits erschienen (Vagina Style Records), auf MySpace wurde soeben der neue Track »Hajo Just Bang Witt Da RMX« veröffentlicht. Am 13. September spielt sie im Bremer Club Tivoli.

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