The Bug / iTAL tEK

London Zoo / Cyclical

Text: Olaf Karnik

Hinsichtlich Workaholism und Aufsplittung der Persona auf multiple musikalische Identitäten ist Kevin Martin durchaus mit dem Adrian Sherwood der achtziger Jahre zu vergleichen. Techno Animal, Ice, God, King Midas Sound, Razor X Productions oder Ladybug sind nur die bekanntesten Projekte Martins; dazu gesellen sich Labels wie Pathological Records, Compilations für Virgin, Kollaborationen mit dem Antipop Consortium und John Zorn, Remixe für Thom Yorke, Grace Jones, Einstürzende Neubauten oder Primal Scream.

    Einst für eine Dub-Interpretation von Francis Ford Coppolas Film »The Conversation« – ein Film, in dem das prekäre Verhältnis von Überwachung und Paranoia thematisiert wird – ins Leben gerufen, breitet sich The Bug heute auf dem Terrain zwischen UK Dancehall und Dubstep aus. Auf dem Debütalbum »Pressure« wurde 2003 mit dichten Texturen, stressigen Beats und programmatischen Titeln wie »Beats, Bombs, Bass, Weapons« eine damals aus der Mode gekommene Hardcore-Ästhetik von Acts wie Public Enemy oder Underground Resistance (die ihre Produktionen als Umsetzung militanter Politik mit musikalischen Mitteln verstehen) revitalisiert, die bis heute prägend für das Konzept von The Bug bleibt: Nennen wir es Ausweitung derKampfzone auf die Tanzfläche. Allerdings steppt und wobbelt man jetzt eher im »Kingdom Of Doom« – folgt man den apokalyptischen Szenarien, die Gastvokalisten wie Ricky Ranking oder Flowdan auf den Spuren jamaikanischer Rude-Boy-Role-Models wie Bounty Killer oder Ward 21 hier in den Lyrics zeichnen. Die Exkludierten klinken aus vor Wut und Mordlust, Leid, Armut und Perspektivlosigkeit. Immerhin steuert die Exiljamaikerin Warrior Queen trotzdem Lebensfreude bei, und The Spaceape (Partner von Dubstep-Producer Kode 9) schlägt in »Fuckaz« mit gesellschaftskritischem Klartext Funken. Die Höhepunkte von »London Zoo« befinden sich in der zweiten Hälfte, wo das Tempo gedrosselt und mehr Leere geschaffen wird, um den bleiernen Worten Gewicht zu verleihen.

iTAL tEK - Cylical    Wo bei The Bug Deepness und Atmosphäre gegenüber militantem Maximalismus gewinnen, stellen sie bei iTAL tEK ein Problem dar. Denn auf »Cyclical« gibt es nichts, wogegen sich die smarten Soundtrack-Samples und trickreich geschichteten Rhythmen zu behaupten hätten. Gut, der eine oder andere Beat und Basslauf erregt immer noch Nervenenden, auch das bestens austarierte Frequenzspektrum hebt das Hi-Fi-Niveau. Aber irgendwann groovt sich »Cyclical« ins Nirwana, und wo die atmosphärischen Flächen Überhand nehmen und Melodien nur noch nach Melodien von Melodien klingen, verliert der Sound an sozialem Charakter. Dass artistische Visionen von Bedroom-Producern nicht per se interessant sind, sollte sich ein vielleicht allzu aktives Label wie Planet Mu hinter die Ohren schreiben.

LABEL: Ninja Tune / Plantet Mu / Neuton

VERTRIEB: RTD / NTT

VÖ: 27.06.2008

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