Freiheit muess weh doa!
Ein Rückblick auf das Klangbadfestival 2008
Text: Jeremias HeppelerEinmal jährlich findet an den Ausläufern der schwäbischen Alb in Scheer das Klangbadfestival statt. Wo sich vor Jahrtausenden der Mensch aus der Altsteinzeit Richtung Zukunft aufmachte, experimentieren und lärmen heute Künstler aus den unterschiedlichsten Disziplinen – von Jazz bis Noise – vor einem überschaubaren, aber stets an der Klangforschung interessierten Publikum. Jeremias Heppeler besuchte das Klangbadfestival für Spex und erkennt: Freiheit tut nicht immer weh.

(Foto: © Jeremias Heppeler / SPEX)
Die Familie vor dem Eingang wirkt verschüchtert, der ortsansässige Sanitäter leistet von innen erste Hilfe: »Des glaubet ihr net, dia sind älle voll o.k.!« Die Familie nimmt ihre Anwohnerkarten, wenige Meter entfernt von ihrem Zuhause steigen die Einwohner des 2.500-Einwohner-Örtchens Scheer in ein Raumschiff. Das Klangbadfestival kracht einmal jährlich mitten in die schwäbische Provinz, und zwar genau dorthin, wo ein paar Verrückte vor mehr als 30.000 Jahren das erste Kunstwerk der Menschheitsgeschichte, den aus Mammutelfenbein geschnitzten »Löwenmensch«, schufen. Außerdem kommt von hier das erste bekannte Musikinstrument: eine Flöte aus Schwanenknochen.
Klangbad ist in erster Linie ein Label, drei Tage Anfang August kommt ein von Jo Irmler und Cornelia Paul inszeniertes Festival hinzu. Das Line-up ist keine ›Reihe‹, sondern ein semantisches Netz. Kein im Rahmen des Klangbad auftretender Künstler liegt auf Linie mit einem anderen, ständig ist man auf der Suche nach Referenzpunkten. Und hat man diese endlich gefunden und fixiert, zerfallen sie, nur um an neue Punkte anzuknüpfen. Nach Scheer fährt man wie Humboldt nach Amerika: japanische Ukulelen neben amerikanischem Trash-Noise-Rap, Kinderkrachorchester neben Weltlegenden – es ist angerichtet. Der akkurate Zeitplan lässt den Hardliner keine einzige Band verpassen. Musik ohne Verschnaufpausen, und das bedeutet in Scheer ein Ritt durch Musikgeschichte.

Das Klangbadfestival – wo sich jung und alt »n’Obed« sagen. Bernadette la Hengst sendet Signale in das Nordic-Walking-Equipment des interessierten Besuchers.
(Foto: © Jeremias Heppeler / SPEX)
Die Wiener Künstlerin Soap&Skin ist wie ihre Musik: Jung, schwarz und zerbrechlich. Kammerflimmer Kollektief spielen elegisch, weit ausgreifend; der akustische Bass hakt vertikal in den Soundteppichen. Mouse On Mars sind so energetisch wie ein Nervenzusammenbruch. Unter 60 Minuten verlässt am Freitag niemand die Bühne.
Der Samstag gehört zunächst dem Nachwuchs: The Petty Thefts haben Spaß an sich selbst und ihren Melodien, Jolly Goods reißen eine wunderbar dilettantische Show und Christy & Emily verzaubern das mit Sofas ausstaffierte Zelt – frenetisch von den nicht aufspielenden, aber anwesenden Nightingales gefeiert. Zwischendurch ist es Dieter Möbius, der seine Musik von Welt von einem Biertisch aus ins Zelt sendet.
Dabei ist dies nur eine von unzähligen, schier unglaublichen Mensch-Maschine-Verbindungen. Fast alle Musiker bleiben länger, als sie selbst spielen. Alle mutieren zu Fans und Entdeckern, und so steht irgendwann Bob Rutman hinter einem in der Schlange am Stand des Dorfmetzgers. Als dann der Jazzsaxophonist und Coltrane-Kollaborateur John Tchicai mit seinen Mitstreitern – zu denen auch der große Klangbad-Katalysator und Inspirator Jo Irmler gehört – die Bühne betritt, herrscht Bergpredigtstimmung. Anschließend spielen Pram – die sind Gesamtkunstwerk, verlöten Stummfilm, Posaunen, Theremin, Jazz und Gitarrespiel zu einer gespenstischen Performance. Den Abschluss geben Faust, anders geht es nicht. Faust sind Klangbad. Faust legen Feuer hautnah neben dir.
Ein Besucher trägt ein T-Shirt, auf dem steht: »Freiheit muess weh doa!« – Jetzt grad stimmt’s.
Sonntags hauen MIUMI dem Zuhörer ein Brett vor den Kopf, und der weiß so früh noch gar nicht, wie darauf zu reagieren wäre. Eine Wiese voller offener Münder lässt Bob Rutman zurück: »This is not Rock’n’Roll« tönt es von der Bühne, die drohenden Sounds des berüchtigten Stahlcellos ergießen sich dazu in die Menge, dazu maulttrommelt Mike Hentz. Des Isländers Ólafur Arnalds Auftritt fällt kurz aus, die süddeutsche Sonne scheint seine Gerätschaften verbrutzelt zu haben. Die wenigen Minimalismen wirken dafür umso mächtiger. Bernadette la Hengst beschließt das Festival, holt alles raus und alle auf die Bühne. Dazu besingt sie ein Dorf am Ende der Welt. Das ist Scheer. »Freiheit muess weh doa!« Tut sie aber nicht.
Zahlreiche weitere Fotos finden sich auf den Seiten des Klangbadfestivals.

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[...] Christy & Emily ist sicherlich Hans Joachim Irmler, der künstlerische Leiter des intimen Scheerer Independent-Festivals Klangbadfestival und außerdem Mitbegründer und Produzent der in den 70ern wegweisenden und heute oft [...]
[...] und die beschauliche Lage des Klangbad-Festivals im Oberschwäbischen Scheer hinweisen – schließlich gab es das bereits. Zur Festivalvor- und Nachbereitung eignet sich zudem hervorragend die soeben erschienene [...]