Sport

Unter den Wolken

Text: Alexander Köhn

Leuchtend hob sich der schwarz-gelbe Heißluftballon in den Himmel. Er zog über dunkle Wälder, stille Seen und hohe Berge mit tiefschwarzen Furchen. An Bord des kleinen schwebenden Korbes, unterhalb der fluoreszierenden Kugel, befand sich die Gruppe Sport. Sie war zu einer Expedition aufgebrochen, die sie an unerforschte Grenzen führen sollte, hin zu den Abgründen von Naturwissenschaft und Metaphysik. Doch statt allen Ballast hinter sich zu lassen, lud das Trio gewichtiges Reisegepäck auf: Schwermetallene Gitarren, ausladende Bassboxen, sperrige Drumkits. Der Aufstieg gelang dennoch. Nach einem experimentierfreudigen doch unausgegorenen Debütalbum, fand das Hamburger Trio vor zwei Jahren zu seinem Stil. Stark angelehnt an US-Kellerklänge der frühen neunziger Jahre komprimierte »Aufstieg und Fall der Gruppe Sport« den tiefgestimmten Bandsound und gab ihm klarere Strukturen. Songs wie »Newton« oder »Schönen Gruß, die Satelliten« stellten demonstrativ alternativmusikalisches Traditionsbewusstsein aus und wandten sich dem Unergründlichen zu. Aus Rock wurde Rawk, der Ballon blieb oben, entgegen jedem Gesetz der Schwerkraft.

    Mittlerweile befindet sich das luftige Gefährt »Unter den Wolken«. Ein Unwetter ist aufgezogen, doch die drei Reisenden haben reagiert. Sie trotzen den widrigen Verhältnissen mit brachialer Gegenwehr, sie stürmen und drängen. »Es trifft dich wie ein Schlag, so unvorhergesehen«, singt Felix Müller zu Beginn und tatsächlich: derart tosend und schlagkräftig haben Sport bisher nicht geklungen. Der Opener »Gehirnerschütterung« ist ein Ehrerweis an Soundgarden zu »Superunknown«-Zeiten. Bass und Gitarre wummern, legen sich flirrend übereinander, das schwere und doch erstaunlich behände Drumming verpasst dem Song ein bleiernes Korsett. Es ist eine rohe Hitsingle, deren Refrain verspricht, dass das Schleudertrauma nur einen Augenblick anhalte. Dabei zieht sich der Schwindel auch durch die folgenden neun Stücke, wenngleich die Wucht des anfänglichen Aufpralls in ihnen nur mehr widerhallt. Etwa in »Namen und Gesichter«, dessen schwergängiges Riff unverhohlen »Fell On Black Days« zitiert.

    Am besten sind Sport allerdings dann, wenn sie in sich gehen und die finsteren Gedanken mit einer forcierten sehnsüchtigen Moll-Melodie unterlegen bei der sich Harmonie und Dissonanz abwechseln. »Wir sind für euch da« betört den Hörer und lockt überzeugend sarkastisch mit den Annehmlichkeiten einer maschinellen Welt. Auch »Bloß Psychosomatisch«, mit seinen fließenden Akkorden, wirkt wenig tröstlich. »Wenn alle Stricke reißen« verspricht Linderung, wenngleich der Song mit dem hübschen Powerpop-Appeal textlich doch zu schulterklopfend daherkommt: »Lass alles los was dich hält, manche Fesseln sind bloß vorgestellt!« Gut gemeint ist das allemal.

    Mit »Unter den Wolken« beweist Felix Müller, dem als Gitarrist bei Kante trotz deren Rückbesinnung auf wüstenverstaubte Rockspielarten nur eine Nebenrolle zukommt, erneut seine Qualitäten als Songschreiber. Mitunter klingt es, als habe er den Kampf aufgegeben, als breche er zusammen unter dem Gewicht der Welt, das vermeintlich auf seinen Schultern lastet. Doch er klagt nicht, sondern reflektiert den Irrsinn bloß als Betrachter von außen. Wärme spendet dabei höchstens noch die kleine Propangasflamme. Ein fernes Licht, einen Silberschweif am Horizont kann Müller aus seinem schwankend umwehten Bastkorb nicht ausmachen. »Doch unter den Wolken liegt die Welt, in ewige Dunkelheit gehüllt, ohne Hoffnung, dass die Nacht zu Ende geht«, heißt es ganz am Ende im endgültig verstimmten Titelstück. Ein paar hundert Meter weiter oben treibt der gelb-schwarze Ballon alleine davon.

LABEL: Strange Ways

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 25.07.2008

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