So So Modern
Friends & Fires
Text: Benjamin Dannemann
Ja, geht das denn überhaupt noch? Will ich das? Ist es noch möglich? Diese Fragen schwirren durch den Kopf, wenn man sich das freundliche Feuer von So So Modern um die Ohren hauen lässt. Vier mit den wichtigsten Diskurswassern gewaschene Neuseeländer, als Referenz einen Xiu-Xiu-Remix und Support-Shows für CSS, den Kills und zuletzt Robocop Kraus, rütteln kräftig an den Mauern der Indie-Party-Festung. Stellen demonstrativ den eigenen Musikgeschmack zur Schau: hier ein bisschen Hardcore-Geschwindigkeit, dort geschickt den Daft-Punk-Vocoder eingesetzt. Ein bisschen Queen-Pathos darf es auch sein. Und übersteuerte Punk-Bässe klingen einfach verdammt lässig und authentisch zugleich. Gitarre, Synthesizer, Bass und Schlagzeug, Gruppengesang, ein paar Soulwax-Claps und es klingt frisch, frisch, frisch.
Eine Neuauflage der tanzpunkenden Indie-Disco, des angefunkten Post-Hardcores, die x-te The-Make-Up-Reminiszenz, nur gern mit viel mehr Synthies. Aber: der clubbende Wahnsinn der späten Neunziger ist vorbei. Und wenn einer noch weiter die Bang-Bang-Rock-Pistole in den Clubhimmel halten will, sei’s drum. Diese Gemeinde dünnt sich aus. Die Bündchen an den Lederjacken sind ausgeleiert, die Haare ausgeschüttelt, die Ausrufezeichen auf den Spuckies bis zur Unleserlichkeit verblichen. »Friends & Fires« liest sich wie ein Rückblick, in dem sinnstiftende Extistenziale zu einer posenhaften Posse werden. Der eigene Name dient dabei als persiflierende Fratze der besserwisserischen, nachgeborenen Generation, jenseits der Postmoderne oder Post-Post-Moderne: »Schaut her: so, sooooo modern sind wir« Das Anglerlatein der Rockmoderne.
Hier gebirt sich alles neu! Hier brennen orakelnde Büsche, Städte, Tanzböden und Herzen nieder. Nicht umsonst sangen schon The Boomtown Rats ironisch-vergötternd und Geldorfernd »She´s so modern«. Die Töchter und Söhne der neuen Wellen revoluzzern über Umstürze, Guerrila-Spaß und kindlichen Ungehorsam. Glitzernde und werbeverwandte Zeichenwälder mit dekonstruierten Lichtungen. Alles, alles besitzt Dringlichkeit. Und in allem schwirrt das Pop-Wir, die große Community des Fünf-Minuten-Ruhms. Da passt es doch wunderbar, dass es sich bei »Friends & Fires« um eine Compilation des bisherigen Outputs handelt, welches sich seit 2004 angesammelt hat. Zusammenfassen, bündeln, archivieren. So funktioniert der Sound und so funktioniert auch das eigene Konzept. Jeder Sinnesblitz, jeder Soundfitzel, jede Headline, jedes Zitat erhält einen Widerhall und einen Platz, wird abgespeichert, lose verbunden, aufgebrochen und umgemodelt. In die Leerstellen pflanzen wir Ohs, Ahs und Yeahs. Disharmonie funktioniert nur innerhalb der Harmonie.
Und wie steht es mit der Subkultur? Statt in Hamburg ist sie schon lange in den internationalen Netzwelten zu Hause. Reger Austausch erlaubt es, die Klänge des Untergrunds bekannt zu machen, miteinander in Beziehung zu setzen. Und das ist dann die »New Internationale«, wie es So So Modern herausjapsen. Mit einem pumpenden Four-to-the-Floor-Beat, einem Yeah-Yeah-Yeahs-Gitarrenslide, einer Disco-Glimmer-Fanfare und einer irgendwann einsetzenden siebziger-Jahre-Alleinunterhalter-Orgel, die ein wenig an Quintron gemahnt. Zugekleistert wird diese wilde Collage mit dem klassischen Dance-Punk-Gemisch aus Synthesizer und Gitarre. Will ich das noch? Ist das noch möglich? Na klar, es macht ja auch verdammt viel Spaß. Spätestens beim Konzert. Und wenn So So Modern das nächste Mal ein House-Album machen, kaufe ich mir auch ein T-Shirt.
LABEL: Unter Schafen Records
VERTRIEB: Alive
VÖ: 18.07.2008

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