Munk
Im Interview: ›Morgens Klassik, abends Punk‹
Text: Gerd JansonMit seinem neuen Album »Cloudbuster« revitalisiert der Münchener Produzent Mathias Modica – neben Jonas Imbery Betreiber des Labels Gomma – die arg zur Retro-Klamotte verkommene Discomusik. Mit der italienischen Schauspielerin Asia Argento betrank man sich im Studio, der frühere Baader-Mitbewohner und Filmemacher Klaus Lemke steuerte Texte aus der Schreibmaschine bei. Im Interview mit Gerd Janson erklärt Modica das Selbstverständnis von Mode, Munk und Gomma, die Rolle von München als Produktionsort und was das neue Album mit Wilhelm Reich gemein hat.

»Der Protestant weiss, dass ihm Fehler nicht vergessen werden. Katholiken gehen danach einmal zur Beichte und holen sich die Absolution. Das ist ein barocker Lifestyle, der reine Ausdruck purer Dekadenz und Lebenslust.« (Mathias Modica, Munk)
(Foto: © Suzika Kawasaki)
Zunächst zum unangenehmen Teil. Beim Erscheinen der neuen Platte »Cloudbuster« war von der Trennung des Erfolgsduos Mathias Modica & Jonas Imbery die Rede.
Für das aktuelle Munk-Album entschieden wir uns einfach, die Dinge zu separieren. Jonas fungiert als Co-Producer, ich kann so die Song-Psychedelic-Sache forcieren und er sein knochentrockenes Disco-House-Ding, das ihn gerade so begeistert. Jonas und ich sind schon sehr lange Partner, haben momentan verschiedene Richtungen im Kopf und zum Glück nicht diese Künstlerego-Scheiße am Laufen.
Also keine Scheidung, sondern nur die Aufteilung von Tisch und Bett?
Wir betreiben weiterhin das Label gemeinsam, touren als DJs zusammen, arbeiten an einer Compilation, produzieren im Herbst vielleicht einen neuen Artist und das Munk-Nachfolgealbum ist in Rom auch schon fast fertiggestellt. Meine Vorgehensweise ist sehr intuitiv und mein Output die unbewusste Summe aus dem Scheiss, den ich mir in den Kopf ziehe. Wenn man das alles verbal argumentieren muss, wird es schnell anstrengend. Den einen verlangt es nach seiner 808, der andere will Geigen hören.
Gomma hat ja glücklicherweise Platz für Beides, generell keine Scheuklappen auf, wird aber trotzdem gerne in eine bestimmte Ecke gestellt.
Wir machen keine Retromusik und kopieren keine alten Platten. Aber wir lassen uns von Quellen inspirieren, die zu diesem Zeitpunkt hoffentlich niemand auf dem Schirm hat. Das Vermengen wir mit unserem eigenen Kram.
Eine liebevolle Nähe zu Disco ist aber nicht von der Hand zu weisen.
Eine Parallele zu Giorgio Moroder ist vielleicht dieses spezielle italienische Popverständnis. Moroder kreierte mit den Mitteln seiner Zeit, einen Sound, der dreißig Jahre später immer noch kopiert wird. Die galoppierende Bassline ist eine Erfindung Moroders. Discosound, der statt mit einer Band, mit dem Computer gemacht wurde. Jede vierte Kitsuné-Platte und vielleicht sogar jede vierte Minimal-Platte weist Elemente von Moroder auf. Linear denken, aber musikalisch extrem wellenförmig sein, könnte unsere Formel sein. Aber selbst der fortgeschrittene Minimal-DJ sagt ja, dass er Inspirationen aus allen Bereichen hat.
Neben dem bei Singles üblichen Audio-Remix gaben Gomma bei den französischen Labelbetreibern Ed Banger Records einen Video-Remix von »Live Fast! Die Old!« in Auftrag. In der finalen Fassung entsprechen sich die hart aneinander gecutteten Beats sowie die extrem verzerrten Bilder.
Munk - Cloudbuster (Gomma / Groove Attack)
Wie groß ist dann der Einfluss von München auf deine Arbeit?
Unser Studio hatten wir jahrelang im Glockenbachviertel, aber es war an der Zeit, weiter zu ziehen. Nun ist die Sperrstunde gefallen, jede Woche eröffnen dort zwei neue Bars, einmal im Monat ein neuer Club. Da kann man nicht mehr schaffen. Jetzt sind wir in der Maxvorstadt, die uns viel besser zu Gesicht steht.
Außenstehende halten München oft für ein kolossales Klischee aus »Kir Royal« und dem FC Bayern.
München ist nicht Bayern. Dieses Sylt-München, das Piefke-mäßige, der aufgestellte Polokragen und das P1 obendrauf, das alles gibt es natürlich, aber auch ungefähr 25 Läden, die das genaue Gegenteil davon sind. Die Realität ist eine andere. Die Leute nehmen sich hier nicht so ernst und die Ernsthaftigkeit der Deutschen auch nicht. Das Minus zum Plus und Plus zum Minus. München war Fassbinder, Werner Herzog, Klaus Kinski, Giorgio Moroder, Donna Summer. Die Stones liebten es, den Sommer in der Stadt zu verbringen, Freddie Mercury nahm hier »Another One Bites The Dust« auf.
Das scheint auch der Regisseur Klaus Lemke zu schätzen, der Texte zu »Cloudbuster« beisteuerte.
Lemke wohnt hier zwei Häuser von unserem Studio um die Ecke. Da läuft man sich zwangsläufig über den Weg. Als München das Zentrum der Hippies in Europas war und man von der »Freien Zone Schwabing« sprach, kam er in die Stadt. Klaus Lemke hält das für den coolsten Scheiss Europas. Da spielt auch Religion eine Rolle. Katholiken können feiern, die Calvinisten nicht. Der Protestant weiss, dass wenn er einen Fehler macht, dieser nicht vergessen wird. Katholiken gehen danach einmal zur Beichte und holen sich die Absolution. Das ist ein barocker Lifestyle. Man muss sich ja nur die Kirchen anschauen. Der reine Ausdruck purer Dekadenz und Lebenslust.
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»Gab’s ein Leben vor Gomma?«, fragt Regisseur Klaus Lemke im Presse-Info, das sich mehr wie ein Manifest denn kurzer biografischer Abriss liest. »Tatsächlich habe ich schon Musik vor Gomma gehört«, berichtet er weiter. Knochentrocken sei diese aber gewesen.
(Foto/Text: © Klaus Lemke, Gomma)
Eine weitere Zusammenarbeit fand mit Asia Argento, der schauspielernden Tochter des italienischen Filmemachers Dario Argento statt.
Asia Argento ist einer der interessanteste Charaktere, den das italienische Kino in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Silvio Berlusconi hat den kulturellen und avantgardistischen Filmfluss des Landes ausgetrocknet. Sie hat ein eigenes Profil, das nicht mit dem Frauenklischee Italiens einhergeht. Da geht es den Italienern mit ihrem Image ähnlich wie den Münchnern. Ich war in Rom mit Freunden beim Abendessen und erwähnte Argento lobend. Am Tisch sass zufällig einer ihrer Freunde, der wusste, dass sie Fan von Munk und dem Label ist. Der Zufall stand Pate.
Als Sängerin trat sie aber bisher weniger in Erscheinung, oder?
Dazu muss man wissen, dass meinem Partner – oder Ex-Partner – Jonas und mir die üblichen Sängercharaktere nicht so liegen. Wir haben schon immer mit Sängern zusammengearbeitet, die eigentlich keine sind, aber durch eine starke Persönlichkeit glänzen. James Murphy von LCD Soundsystem ist kein Sänger. Asia funktioniert da ähnlich. Sie kam einfach nach München, wir gingen ins Studio und tranken ein paar Flaschen Wein. Davor hatten wir auch schon ein paar Flaschen Wein getrunken und daraus sind schließlich drei Nummern entstanden.
Ist »Cloudbuster« eigentlich eine Hommage an Kate Bush?
Nein. Meine Hauptreaktion gegen das unfassbar massiv gewordene Revival der achtziger Jahre, in das man uns mit rein gesteckt hat, war sich mit der Zeit davor zu beschäftigen. Motive aus den Zwanzigern, den Sechzigern und Siebzigern spielten da eine Rolle für mich. Vor allem Typen wie Elio Petri, Alejandro Jodorowsky oder Wilhelm Reich, von dem der »Cloudbuster« stammt. Reich war ein in die USA emigrierter Schüler Freuds, der die orgonische Energie entdeckte, die sich unter anderem auf den menschlichen sexuellen Haushalt auswirkt und die, wenn eine Fehlschaltung vorliegt, Phänomene wie den Nationalsozialismus begünstigen kann. Mit seinem »Cloudbuster« beschoss er den Himmel um diese Energie zu bekämpfen und als Nebeneffekt Regen zu erzeugen. Reich war zudem Kommunist. Ein Umstand und Gedankenhaushalt, der in der McCarthy-Ära, gelinde gesagt, schwierig war und ihn zwang, sich vor Gericht verteidigen zu müssen. Das tat er in seinem radebrechenden Englisch leider zehn Jahre selbst und starb verarmt im Knast.
Neben dem bei Singles üblichen Audio-Remix gaben Gomma bei den französischen Labelbetreibern Ed Banger Records einen Video-Remix von »Live Fast! Die Old!« in Auftrag. In der finalen Fassung entsprechen sich die hart aneinander gecutteten Beats sowie die extrem verzerrten Bilder.
Munk - Cloudbuster (Gomma / Groove Attack)
Regen und Weltfrieden klingt nach einem Filmstoff.
Natürlich ist das mit einem leichten Augenzwinkern zu genießen, aber auf der anderen Seite macht es nachdenklich. Dieser Typ setzte sein Leben für seine Ideale aufs Spiel. Vor allem in unserer Zeit, in der alles scheissegal scheint, sind solche Charaktere selten geworden und als geistige Inspirationsquelle höchst interessant.
Ein ständiges Klischee, das um Gomma kreist, ist die Affinität zur Modebrache.
Generell tut man den Fashion-Leuten zu schnell Unrecht. Die Leute an der Spitze des Modegewerbes entwickeln Ideen, die andere dann kopieren. Sie sind neugierig auf etwas Neues und bereit, Leute, die sich nicht verkommerzialisieren, über lange Zeit unterstützen. Adressen wie Colette in Paris sind dafür ein Paradebeispiel. Viele Leute aus dem Fashionbusiness picken sich einfach gerne unsere Musik oder suchen sich etwas aus dem Gomma-Katalog aus. Aber Munk wie Gomma wollten nie Teil einer bereits existierenden Szene sein. Wenn sich so etwas um uns herum entwickelt, ist dies das größte Kompliment. Aber Sinn und Zweck ist immer die Suche nach einem eigenen Stil: musikalisch und ästhetisch.
Das hört man auch auf deinem Album, das vor allem Pianogeprägt ist.
Von 2001 bis 2003 war überall eine Gitarre drin, selbst ohne gleich Bratz oder Chemical Brothers zu sein. Für »Cloudbuster« brauchte es eine andere Klangquelle, eine neue Inspiration, die sich gut mit elektronischer Musik verbinden lässt, aber momentan unterrepräsentiert ist. Das Klavier lag da nahe, auch wenn momentan die ein oder andere Houseplatte mit Piano erscheint. Mein Vater ist klassischer Musiker, ich spiele seit zwanzig Jahren, es ist mein urliebstes Instrument und ich musste dem Album eine Hauptklangfarbe geben, die etwas Frisches hat.
Ein Konzeptalbum also?
Wenn man so will, ja. Aber eigentlich mache ich einfach Sound. Früher waren es fünf Stunden am Tag das Klavier und abends wurde in der Punkband gespielt. Ich bin Musiker. Alles andere hat sich immer so ergeben. Aber die Musik, die ich mache ist das Resultat meines intellektuellen Menüs.
Davon scheint Gomma zu profitieren. Mit »Amore« macht ihr ein Postermagazin, es gibt Ausstellungen, die Platten haben ein tolles Design und der Betrachter das Gefühl, es mit mehr als ›nur‹ einem Plattenlabel zu tun zu haben.
Dieser Radius scheint sich langsam zu lohnen. Die letzten beiden Jahre sind bei uns förmlich explodiert. Wir sehen keine Krise. Die Künstler bei uns haben immer mehr Gigs und Anfragen. Sogar die Werbung will immer mehr Gommamusik haben und selbst Festivals werden wichtiger für uns. Immer mehr Leute droppen Gomma als Inspirationsquelle, was uns freut. Das alles ist aber keine bewusste Strategie. Ohne Szene braucht man länger für einen festen Freundeskreis, aber der ist dann vielleicht viel treuer.
»Cloudbuster« von Munk ist bereits erschienen (Gomma / Groove Attack). Im Juli spielt Munk einige Festival-Shows, alle Daten dazu finden sich hier.


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