Lil’ Wayne

Tha Carter III

Text: Philipp Lembke

Dwayne Michael Carter alias Lil’ Wayne zählt jetzt schon zu den Gewinnern des Jahres, keine Frage. Zeigt man auch nur einen Funken Interesse am gereimten Wort und der anhängenden Kultur namens Hiphop, man kommt an diesem Künstler im Sommer nicht vorbei. Vorweg schon einmal dies: sein aktuelles Album, simpel mit »Tha Carter III« betitelt, ist besser als beide Vorgänger-Platten und zeigt deutlich die Entwicklung eines Mittzwanzigers, der mit dreizehn Jahren zum ersten Mal auf einem Song zu hören war und sich bisweilen als »best rapper alive« stilisiert. Völlig Unrecht hat er damit nicht.


    Doch wie kommt es, dass soviel Selbstvertrauen belohnt wird; dass bereits vor der eigentlichen Veröffentlichung sein neues Album über eine Million Vorbestellungen hatte und somit direkt Platin gegangen ist? Wie kommt es, dass er endgültig seinen Status unter den Rap-Schwergewichten gänzlich gefestigt hat und momentan dafür sorgt, dass andere Alben ähnlichen Kalibers kaum bis gar nicht wahrgenommen werden? Nicht ganz unschuldig daran sind sicherlich die gefühlten 400 Gast- und Mixtapeauftritte, die ›Lil Weezy‹ seit dem Vorgänger »Tha Carter II« im Jahre 2005 absolvierte. Kaum eine ernstzunehmende Singleauskopplung des oberen Drittels der ersten Hiphop-Liga kam in der letzten Zeit ohne einen 16-Zeiler des Mannes aus New Orleans aus. Dem zufolge liegen natürlich Wayne’s Fähigkeiten am Mikrofon.


Lil’ Wayne - Tha Carter III (Universal Music)

    Seine Stimme hört man aus Hunderten anderer heraus, und er hat neben zum Teil recht wahnwitzigen Texten vor allem eines, was ein Top-Mc im Rapspiel schon immer mitbringen musste: den sogenannten »Swagger«, sprich, die Fähigkeit, sich mit einer Aura des arrogant-angeberischen zu umgeben und das Ganze in verblüffende und lässige Reime zu verpacken. Im Unterschied zu Kollegen wie Kanye West, der dies sicherlich auch beherrscht, bleibt Wayne zugleich verrückter und verspielter und damit auch unnahbar. Beste Vorraussetzungen also, um sowohl von Fans wie Feinden heftigst diskutiert zu werden. Dass Wichtigste ist aber seine Arbeitsmoral: fast täglich ist er im Studio und hat wie kaum ein anderer Rapper im Laufe seiner Karriere eine so eindeutige Verbesserung seiner Fähigkeiten erreicht. Deswegen ist es weniger der genreimmanente Habitus der gepflegten Übertreibung, sondern  fast schon Realismus, wenn Wayne im Epos »Mr. Carter« (featuring niemand geringeres als dem Gallagher-Opponenten und Namensvetter Sean Carter alias Jay-Z) wortgewitzt feststellt: »Two words you never hear / Wayne Quit! / Cause Wayne win, and they lose, I call ’em April babies, cause they fools«

    Was steckt nun wirklich hinter den 16 Stücken auf »Tha Carter III«? Einen regionalen Schwerpunkt auszumachen, ist aufgrund der Vielseitigkeit der beteiligten Produzenten schwer möglich, was in anderen Fällen ordentlich auf die Kohärenz geht. Aber Wayne schafft es mit seiner ureigenen nöligen, krächzenden, alkoholgestärkten Stimme und dem dazugehörigen Flow bestens, auch die verschiedensten Ausflüge  zu einem Ganzen zu nivellieren. Sicher, die obligatorischen Elemente wie die Autotune-
Großraumsause »Got Money« mit T-Pain oder die Fellatiohymne »Lollipop« sind einigermaßen vorhersehbar, können aber selbst bei abgeneigten Zeitgenossen das Gegenteil von Fremdschämen erzeugen.

    Wo andere in festgefahrenen Struktur stecken bleiben, bricht er diese konsequent auf, wie etwa in dem von Kanye West produzierten »Let The Beat Build«: Darin ist erst nach einer guten Minute die erste Clap zu vernehmen, der Titel wird somit Programm. Wirklich offensichtlich wird sein extraordinäres Können aber vor allem auf einem trockenen und für aktuelle Zeiten völlig untypischen David Axelrod-Loop in »Dr. Carter«: Wayne versucht auf einer imaginären Intensivstation untalentierten Rappern das Leben zu retten, inklusive Herzmaschine und Kommentaren der Schwester. Größtes Kopfkino auf lyrisch höchstem Niveau. Wahrlich schwer, dem zu entkommen.

LABEL: Universal Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 06.06.2008

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->