The Chap
Meta-slick und Fake-verbindlich
Text: Konrad FeuersteinMultitasking in London: Johannes von Weizsäcker, Großneffe des deutschen Ex-Bundespräsidenten, präsentiert mit seinen Kollegen von The Chap ein meta-slickes Pop-Patchwork namens »Mega Breakfast«.

Keith Duncan, Johannes von Weizsäcker, Clare Hope und Panos Ghikas sind The Chap (v.l.n.r.). Nicht im Bild: Schwangerschaftsvertretung Berit Immig.
(Foto: © Alex Trebus / SPEX)
Bei The Chap aus London hat man es keineswegs mit Praktikanten zu tun. Diese Band spielt zwar Musik, die klingt wie harmolodisch-doppelzwirnvermuffter Britpop im Rohbau, wie jeweils zwei halbe Songs gleichzeitig (einer davon rückwärts) oder wie unfertige Stadionhymnen. The Chap sind aber tatsächlich recht vernünftige Erwachsene, die im ›richtigen‹ Berufsleben nicht Musiker sind, sondern jeder für sich einer Vielzahlvon Tagelöhnerjobs nachgehen: »Unterricht in Moderner Komposition, Marktforschungsinterviews, Tourmanagement, Musiktherapie, Musikjournalismus, Java-Script-Programmierung, Jinglekomposition, Klavierunterricht und Cocktails mixen«.
Allerhand Multitasking-Schufterei für gerade mal viereinhalb Mitglieder aus ungefähr ebenso vielen Herkunftsländern: Johannes von Weizsäcker singt, spielt Gitarre und ist ein Enkel des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker, somit Großneffe des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten. Selbst wenn er auf der Bühne die filigranen Kompositionen des neuen The-Chap-Albums »Mega Breakfast« in deutlich rockigeren Versionen runterschrabbelt, kann er einen Rest blaublütiger Noblesse nie ganz verleugnen. Die anderen Mitglieder heißen Keith Duncan (Schlagzeug), Clare Hope (Keyboarderin, derzeit in Schwangerschaftsurlaub) und Berit Immig (Schwangerschaftsvertretung). Panos Ghikas aus Griechenland gehört ebenfalls dazu, er spielt Bass, Cello, Violine, und ist Vater des Kindes. Drummer Keith sieht aus wie die Muppet-Schlagzeugerpuppe und grimassiert beim Spielen gern, Panos Ghikas besticht mit seinem trockenen Humor. Zum Beispiel erklärt er die Genese des Bandnamens The Chap so: »Als ich eine Ausgabe dieses altmodischen Gentleman-Magazins namens The Chap mit einem Artikel über ›Die Semiotik des Einlaufs‹ sah, musste ich es sofort kaufen.«
»Mega Breakfast«, das dritte Album von The Chap seit 2001, ist konsequent als ›Die Poppige Platte‹ angelegt – nach den indielärmig-verschmitzten Vorgängern »The Horse« und »Ham«. Klar, dass ›poppig‹ hier aber nur heißen kann: meta-slick und fake-verbindlich. Die Platte enthält ein beiläufiges Patchwork aus raffiniert gegeneinander verschobenen Stilzitaten, von denen sich eines im anderen spiegelt, bis niemand mehr weiß, ob der Wesenskern von The Chap in edler Artschool-Arroganz, in angesoultem Streicher-Gekratze, in den leerlaufenden letzten Resten von Noiserock oder doch eher in sekundenweise aufblitzender, verstrahlter Melodieseligkeit liegt. Dennoch ziehen The Chap alle an einem Strang. Es sind eben genau die Räume dazwischen, um die es ihnen geht. Willkommen in der Abteilung ›Unterbeachtet und Spaß dabei‹.
Man muss sich The Chap als zufriedene Desillusionierte vorstellen: sich in vollem Bewusstsein zwischen sämtliche Vermarktungsstühle setzen und doch auch ein bisschen davon träumen, dass dabei vielleicht mal ein richtiger Hit rumkommt. »Es gibt ein schönes Zitat vom Chef des englischen Senders Radio 2«, erzählt Keith Duncan sogar ein bisschen stolz: »Er sagte uns, er halte das Stück ›Fun And Interesting‹ von unserem neuen Album für einen der ›unglaublich perfektesten Songs‹, die er je gehört habe. Im Radio spielen wollte er ihn aber trotzdem nicht. Er meinte: ›Keine Chance, ich hänge zu sehr an meinem Job.‹«
»Mega Breakfast« von The Chap ist bereits erschienen (Lo Recordings / !K7 Records / Ghostly International / Alive), im November spielen sie sieben Liveshows im deutschsprachigen Raum.

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