Diverse
Rap City Berlin II
Text: Mikko Andreas Stübner
Durch die deutsche Rap-Szene weht ein harter Wind. Man muss die letzte Dekade schon in Karbonit eingefroren verbracht haben, um zu übersehen, dass die Musik inzwischen in der Hauptstadt spielt. Die Protagonisten heißen heute Frauenarzt statt Freundeskreis, angesagte Labels Aggro Berlin statt Eimsbush Entertainment. Vor drei Jahren hat die DVD »Rap City Berlin« umfassend über die Szene informiert, fast 25.000 Exemplare hat sie inzwischen verkauft.
Die Szene wächst stetig. Nun haben die Produzenten das Rap-Geschehen an der Spree erneut kartographiert: rund 150 Künstler auf 52 Labels. Sido, Massiv, DJ Tomekk, K.I.Z. und Kool Savas – alle, die in dem Genre noch Geld verdienen, sind dabei. Nur nicht Bushido. Der versteht sich nicht mehr als Berliner Straßenjunge sondern als nationaler Künstler.
Die neue Doppel-DVD bietet sieben Stunden Material und drei Wiedergabeformate: Entweder hat man genug Sitzfleisch für den vierstündigen Hauptfilm oder man zappt durch die alphabetisch sortierte Label-Liste zwischen so programmatischen Namen wie Aalglatt / Fick die Biaaatch und Zyklon Beatz. Oder man klickt sich durch den Berliner Stadtplan und erforscht so, welche Stilart etwa im Block von Lankwitz (Anabolika-Rap) oder Marzahn (Fleischplatten-Style) gepflegt wird. Die Künstler werden in schnell geschnittenen, durch das Split Screen-Verfahren manchmal überfrachteten Einspielern vorgestellt. Mit der Mischung aus Interviews, Musikvideos, Zeitraffer-Bildern aus den Heimatbezirken und eigens produzierten Performance-Clips macht sich der Zuschauer schnell sein Bild vom jeweiligen Musiker.
Bekannte Rapper wie Fler bekommen deutlich mehr Wortanteile als beispielsweise Kralle vom Label Suppe Inna Puppe zugestanden. Die Inszenierung wirkt dabei oft entlarvend, wenn die Künstler beispielsweise in Hummer-Stretchlimos, beim Panzer-Fahren oder im spießigen Wohnzimmer interviewt werden. Viele plaudern recht unbedarft über Werdegänge, Skandälchen und die Qualität von Hauptstadt-Rap. »Die Gangster bei euch sind bei uns die Opfer« lautet eine überzogene Ansage an den Rest der Republik. Mit der Jugendfreigabe ab 16 Jahren versuchen die Macher ihr bekanntermaßen junges Publikum legal zu erreichen. So hat man sich redlich bemüht, Gewaltverherrlichendes oder Anstößiges möglichst optisch zu retuschieren (bizarr: ein komplett weggepixelter Swingerclub-Hintergrund beim Interview mit Porno-Rapper King Orgasmus). Inhaltlich wurde aber wenig zensiert und so bekommen auch schießwütige Ex-Bundeswehrsoldaten wie Hecklah & Coch, vorbestrafte Prügelknaben wie Skinny Al oder erklärte Homophobe wie G-Hot eine Plattform für ihre hirnlosen bis reaktionären Botschaften.
»Rap City Berlin II« ist aber keine voyeuristische Gewalt-Safari für die Wohnzimmer-Couch. Die Szene hat mehr zu bieten als sexistische Analphabeten, Picaldi-Proleten und Splatter-Spitter. Immer wieder trifft der Zuschauer interessante Künstler wie Prinz Pi, Mike Fiction oder Hammer & Zirkel, die durch Wortwitz, Attitüde und Charme überzeugen. Auf dem zweiten Silberling wird das reichhaltige Material weiter ausgeschlachtet. Interessant sind vor allem vier Hausbesuche bei Rap-Promis, ermüdend dagegen die überlangen Features zu Themen wie Knasterfahrungen, Lokalpatriotismus und Tätowierungen. Die Musik kommt insgesamt etwas zu kurz, doch schließlich wollen die Macher Appetit auf mehr machen. Deshalb hat man parallel zur DVD auch gleich die CD »Rap City Berlin III« veröffentlicht.
»Rap City Berlin II«, Deutschland 2008, Regie: Stephan von Gumpert, Henrik Regel, Jan M. Scholz, Lars Tendelmann. 400 Min. (Mantikor Entertainment)
LABEL: Mantikor Entertainment
VERTRIEB: Groove Attack
VÖ: 30.05.2008

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