Wolf Parade
Eine gemeinsame Strategie
Text: Christian LehnerÄhnlich wie TV On The Radio und deren Monumentalwerk »Return To Cookie Mountain« hat nun auch die kanadische Band Wolf Parade höchste Höhen erklommen: die Bezwingung ihres neuen Albums »At Mount Zoomer« ist langwierig und beschwerlich – die Strapazen aber lohnen sich. Es gilt dichte Prog-Nebel zu durchsteigen und Song-Steilwände zu überwinden. Am Gipfel aber stellt sich jenes im körpereigenen Chemielabor gepanschtes Gefühl ein, das man allgemein als Euphorie bezeichnet.

Auf »At Mount Zoomer« sind die beiden Wolf Parade-Songwriter Spencer Krug (links) und Dan Boeckner (2. von links) zusammengerückt: heraus kam ein forderndes Indie-Album mit referenzen Richtung Television, The Doors, Toto und Modest Mouse.
(Foto: © Meqo Sam Cecil / Sub Pop)
Bereits mit ihrem zweiten Album »At Mount Zoomer« wagen Wolf Parade den nicht ungefährlichen Bruch mit der künstlerischen Vergangenheit. Die liegt noch nicht so weit zurück: vor fünf Jahren von Dan Boeckner und Spencer Krug in Montreal gegründet, waren Wolf Parade bald Teil der so genannten ›Canadian Invasion‹. Bands wie Arcade Fire, die Broken Social Scene, The Dears und weitere Gruppen trafen mit ihrem pathetischen und Ironiefreien Indierock einen Nerv bei Publikum und Kritik. Große Gefühle breit ausgewälzt waren nicht mehr peinlich, sondern Balsam auf der geschundenen Indie-Seele, die vor allem in den USA unter dem Kriegsgeschrei und der Panikmache der Bush-Administration litt. Dass dieses Korrektiv vom ›gutmütigen‹ Kanada aus über die Vereinigten Staaten hereinbrach, glich beinahe einer nachbarschaftlichen Hilfsaktion in Sachen Indierock.
Zwei Jahre nach Bandgründung erschien 2005 mit »Apologies To The Queen Mary« das erste Wolf Parade-Album. Die beiden Sänger und Songschreiber Boeckner und Spencer Krug konzentrierten ihre manische Getriebenheit damals in 12 aufwühlende und mitreißende Gitarrenpop-Songs. Die Platte war authentisch in dem Sinne, dass man sich nach dem Hören ebenso erschöpft und zerfranst fühlen konnte, wie die Protagonisten der Geschichten, die Krug und Spencer erzählten. Noch etwas unausgereift klangen sie damals, doch Songs wie »Shine A Light« und »Modern World« waren dunkle Popperlen, die konzentriert den Finger auf der Wunde hielten und weitestgehend dem Format des klassischen Popsongs folgten. Wer sich vom Nachfolgealbum »At Mount Zoomer« eine Verfeinerung dieses Ansatzes erhofft, dürfte etwas enttäuscht sein.
Noch vor der offiziellen Veröffentlichung – als die ersten Hörproben im Netz auftauchten – hagelte es Beschwerden über die epische Länge und den experimentellen Sound der Songs. Dan Boeckner ist das herzlich egal. Mit Erwartungshaltungen tut er sich ohnehin schwer. Im Gespräch wirkt er zwar ungewöhnlich aufgeräumt. Doch neben seiner üblichen Polemik gegen die US-Regierung und dem eigenen Unvermögen, bei einem Gig wirklich nüchtern zu bleiben, hagelt es vor allem Kritik an der ›Indie-Maschinerie made in the USA‹.
»Mehr denn je wird diese Szene von wohlhabenden, weißen College-Absolventen dominiert, und zwar in allen Bereichen. Nicht nur, dass die meisten von ihnen ganz bequem zurück in ihre bürgerlichen Existenzen schlüpfen können, falls es mit der Indie-Karriere nicht so gut klappen sollte. Uns nervt auch dieses selbstreferentielle, durchkommerzialisierte System, das niemand der Beteiligten auch nur ansatzweise in Frage stellt.«
Nur wenige der jüngeren nordamerikanischen Bands reden so offen über die Rahmenbedingungen und Begleitumstände ihres Schaffens wie Wolf Parade. Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Albumtitel – zugegeben eine kleine Schnurre. Sie vermittelt dennoch eine vage Vorstellung davon, welche Begehrlichkeiten und Ansprüche innerhalb der US-Indieszene verhandelt werden. Boeckner: »Zunächst hat das Blender Magazin gedruckt, dass wir die Platte ›Pardon My Blues‹ nennen wollen. Ein schrecklicher Titel! Das war als Witz gemeint, wurde aber missverstanden. ›Fine Young Cannibals‹ haben wir nach einigen Überlegungen verworfen. Dann hat Sub Pop genervt, weil das Online-Magazin Pitchfork Media täglich beim Label anrief um den Titel zu erfahren. Spencer meinte, dass ich ihnen doch einfach den absurdesten Songnamen des Albums nennen sollte. Also haben wir uns einen Spaß gemacht und ihnen ›Kissing The Beehive‹ gegeben. Und die Leute von Pitchfork Media haben sich auf ihrer Webseite dann tatsächlich über den gefakten Albumnamen beschwert!«
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DAN BOECKNER (WOLF PARADE): »Mehr denn je wird die amerikanische Indie-Szene von wohlhabenden, weißen College-Absolventen dominiert. Nicht nur, dass die meisten von ihnen ganz bequem zurück in ihre bürgerlichen Existenzen schlüpfen können, falls es mit der Indie-Karriere nicht so gut klappen sollte. Uns nervt auch dieses selbstreferentielle, durchkommerzialisierte System, das niemand der Beteiligten auch nur ansatzweise in Frage stellt.«
(Foto: © Meqo Sam Cecil / Sub Pop)
Dass Wolf Parade Teil dieser nur dem Präfix nach unabhängigen Verwertungskette sind und die Beschwerden darüber etwas »heuchlerisch«, wie Dan es nennt, ist vielleicht ein Faktor der manisch-depressiven Grundstimmung, die nach »Apologies …« auch die 11 Songs des neuen Wolf Parade-Albums durchzieht. »Eine Single-Auskopplung gibt es nicht«, fährt Boeckner trotzig fort, »das haben wir dem Label relativ früh mitgeteilt.« Einen externen Produzenten nahm man sich auch nicht; Drummer Arlene Thompson hat den Sound-Dirigenten gegeben. Band-Mentor Isaac Brock von Modest Mouse, der einige Stücke von »Apologies …« abmischte, hat sich auf die Position eines Beraters zurückgezogen. »Er hat mir beispielsweise gesteckt, vor einem Gig zuckerhaltige Alkoholika zu meiden, weil sie die Stimmbänder zusätzlich austrocknen«, berichtet Boeckner. Aufgenommen wurde in Thompsons »Mount Zoomer«-Studio und in jener Kirche etwas außerhalb Montreals, die Arcade Fire zum Studio umgebaut haben. Auf eine digitale Nachberarbeitung wurde verzichtet, alle live erprobten Songs, die es nicht auf »Apologies …« geschafft hatten ,wurden weggeworfen. »Mount Zoomer« wartet ausschließlich mit neuem Songmaterial auf. »Wir wollten bei Null anfangen und haben zunächst tagelang nur gejammt.« Deshalb das Kraut, der Prog, die steilen und langen Aufstiege.
»California Dreamer«, der dritte Song des Albums, ist eine epische Absage an den eigenen Songtitel und der damit assoziierten Musikklischees in einer wahn- aber wenig witzigen Abmahnung von Toto, den Beach Boys und nicht zufällig den wamperten Vollbartwahnsinn namens »L.A. Woman« der Doors. Von da an führt die Route des Albums über eingängigere Stücke wie »The Grey Estates« in die finale Steilwand namens »Kissing The Beehive«, einem 11 Minuten langen Progmonster.
So »psych« (Boeckner) diese Platte auch geworden ist: Zwischen den Soundgewittern, die den Mount Zoomer heimsuchen, blitzen wunderbare Songs auf, die nicht unter dem Geröll der Klänge verschütt’ gegangen sind. Die betörende Verzweiflungstat namens »Language City« wäre hier zu nennen, ein Song der die Ohnmacht mit Wut vertreibt und dabei schön hoffnungslos bleibt. Das Eröffnungsstück »Soldier’s Grin« mit seiner programmatischen ersten Strophe, die mit der Zeile »In my head is a city at night …« beginnt und resignativ bei »… but this place here is no friend of mine« endet, ist ebenso gelungen wie »Call It A Ritual« – ein Song, der uns mittels stampfendem Piano, massig Echo und Reverb Ansagen in die Wüste schickt. Und schließlich dann »Fine Young Cannibals«: das Intro ist hörbar von Televisions Song »Marquee Moon« inspiriert, was sowohl Label und Fan-Blogger zu etwas abenteuerlichen Vergleichen mit dem gleichnamigen Album der New Yorker Postpunk-Väter veranlasste. Alle genannten Stücke stammen aus Boeckners Feder, er hatte in Sachen Songwriting bei »At Mount Zoomer« gegenüber Spencer Krug eindeutig die Nase vorn. Krugs »Bang Your Drum« und »Califronia Dreamer« sind eher sonische Entdeckungsreisen als ausformulierte Songs, deshalb aber längst nicht weniger interessant.
Anders als bei »Apologies To The Queen Mary« klingen die Wolf Parade-Sänger nicht mehr als würden sie sich gegenseitig die Gurgel zudrücken; noch hat es den Anschein, als hätte einer der beiden versucht, den künstlerischen Fuß der Bandprojekte abseits von Wolf Parade (Boeckner: Handsome Furs, Krug: Sunset Rubdown) in die Tür zu stellen. »Wir sind auf dieser Platte definitiv zusammengerückt. Die endlosen Jams, die Entscheidung es ohne Produzenten zu versuchen: das alles ist Resultat einer gemeinsamen Strategie«, meint Boeckner am Ende des Gesprächs. Logisch! Alleine heult es sich ziemlich einsam am Berg.
»At Mount Zoomer« von Wolf Parade ist bereits erschienen (Sub Pop / Cargo).

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