Review: Sigur Rós Með suð í eyrum við spilum endalaust

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Farbe in geometrischen Figuren gefangen und in sich verdrehte Spirograph-Muster repräsentieren also nicht das Artwork zum fünften Studioalbum der isländischen Über-Band Sigur Rós. Die Slo-Mo Rocker lehnten den minimalistischen Entwurf aus den Händen des Dänen Olafur Eliasson ab und riskierten damit einen Fehlstart zu »Með suð í eyrum við spilum endalaust« (zu deutsch: »Mit einem Summen in unseren Ohren spielen wir unendlich weiter«). Nach der Absage an Eliasson blieben lediglich noch zehn Tage, um ein konzeptuelles Design für den multimedialen Auftritt zum Album und die zugehörige Bühnenshow auf die Beine zu stellen. Ob es nun Zufall oder Schicksal war, dass der amerikanische Künstler Ryan McGinley zur selben Zeit eine Ausstellung mit dem Titel »I know where the summer goes« anstehen hatte, sei in den Raum gestellt. In der Konsequenz jedenfalls schmückt seine Fotografie »Highway« nun ein weiteres Meisterwerk von Musik, die klingt, als sei sie der menschlichen Gattung aus der Rippe geschnitten.

    Obwohl die Popkultur im Allgemeinen eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Zustand der Welt ohne Künstlichkeit negiert, verhilft Sigur Rós gerade die scheinbare Vertonung zutiefst unverfälschter menschlicher Gefühle und Bedürfnisse zum Erfolg. Ihre Musik hat die Wirkung Stimmungskatalysierender Psychopharmaka: sie kann Schmerzen lindern, verzweiflungsvollen Kummer oder Hoffnung wecken, Mitgefühl spenden und sie bewegt dazu, unverzüglich die Embryonalhaltung einnehmen zu wollen. Charakteristisch für die emotionalen Turbulenzen, die sich auf Bestseller-Alben wie »( )« oder »Ágætis Byrjun« abspielten, ist bei Sigur Rós das Crescendo, welches zwischen introspektiven Offenbarungen und orchestralen Ausbrüchen  stattfindet. Lautstärke als Stilmittel der Erzeugung von Klimax beherrschen Sigur Rós bis zu dem Punkt, wo das Trommelfell platzen müsste, kurz bevor das Herz sich zu dieser Handlung gezwungen sieht.

 

Sigur Rós – Með suð í eyrum við spilum endalaust (EMI Music)

    Das Crescendo schwelt auch auf »Með suð …«, am feurigsten im Song von »Ára batur«, das mit dem Londoner Symphonieorchester und einem zwanzigköpfigen Knabenchor aufgenommen wurde. Insgesamt fällt das Album jedoch weniger symphonisch im Arrangement aus, als noch seine Vorgänger. Weite, Hall und Transparenz reduzieren sich vom Ätherischen zum Erdigen. Die Dominanz der Melancholie weicht einer heiteren Grundstimmung, vor allem im ersten Drittel des Albums – von der beinah freak-folkigen Single »Gobbledigook« mit Marschmusikintro mitten rein in die Uptempo-Euphorie von »Inní mér syngur vitleysingur« und hinüber zur Größe eines Coldplay-Popsongs bei »Við spilum endalaust«. Auch die meisten Balladen verzichten auf die metaphysischen Schwingungen, wie wir sie von Sigur Rós kennen, und klingen lieber wie ein warmes, begreifbares Summen im Ohr.

    Diese neue Erdigkeit spiegelt sich in den Nackten, die sowohl das Artwork von Ryan McGinley, als auch das erste Video zur Auskopplung von »Gobbledigook« bevölkern. Jung und schön, als die Idealvorstellung der Schöpfung wirken sie wie kleine Energiebündel bei dem rituellen Versuch, Teil mit der Natur zu werden. McGinley führt die Menschen, welche er abbildet, in Richtung ihres gedachten Ursprungs. Ihre Nacktheit ist nicht von naiver Unschuld, sie zeigt den Garten Eden nach dem Sündenfall. Der ungebändigte Ausbruch von kindlicher Energie ergießt sich in einem Schwall von Begierde und Leidenschaft. Das hat etwas – um das Wort »hippiesque« zu vermeiden – Freigeistlerisches, und bereichert die Tradition vom Thema der kindlichen, reinen Liebe in den Musikvideos der Isländer um eine neue Facette. Sigur Rós haben das visuelle Pendant zu einer Musik gefunden, deren Spiritualität ohne moralischen Hintergrund auskommt und das Leben auch in seiner Leichtigkeit feiert.

LABEL: EMI

VERTRIEB: EMI

VÖ: 20.06.2008

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