Jakob Dylan

Seeing Things

Text: Ralf Krämer

Beim ersten Blick aufs Cover wirkt es, als stehe er mit Siedlerhut in der Hand an Bord der Mayflower und halte Ausschau nach einer neuen Küste. Aber nein, er steht längst auf festem Boden, auf einer Landungsbrücke oder gar auf einer Touristenpromenade. Das Album heißt »Seeing Things«, der Sehende aber trägt eine Sonnebrille. Ob es Zufall ist, dass Jakob Dylan, mittlerweile 38, genau in dem Alter ein Sendungsbewusstsein formuliert, in dem sein Vater »Slow Train Coming« verkündete? Das Stück »Evil Is Alive and Well« zum Beispiel klingt wie eine niedergeschlagene Replik auf »Gotta Serve Somebody«. Möglicherweise hat Dylan Jr. auch auf »Songs From The Invisible Republic« die Vorbilder von Dylan Sr. durchgehört und ist bei den gemeinsamen Nennern Hank Williams und Woody Guthrie hängengeblieben? Der genetische ist von jeher der naheliegenste Aspekt, unter dem man das Schaffen von Bob Dylans Sprösslingen rezipieren kann (man vergleiche etwa »Renaldo & Clara« mit dem erfolgreichsten Film von Jesse Dylan »American Pie: The Wedding«) – aber auch der am wenigsten faire.

    Auf dem Waschzettel seiner Plattenfirma findet sich die Geschichte, von einem Treffen mit T-Bone Burnett, in etwa so: »Hey, Jakob – schon von der Energiekrise gehört?« »Klar, T-Bone, und?« »Was macht deine Band eigentlich, wenn mal der Strom ausfällt?« »Wir hauen ab. Der Veranstalter ist versichert.« »Versuch’s mal hiermit«. T-Bone drückte ihm eine Akustische  in die Hand. In Jakobs Augen funkelt ein familiäres Trauma auf, er atmet tief durch, »Okay, ich versuch’s« und er klampft »Sleepwalker«, ganz allein. Ein Erweckungsmoment soll das gewesen sein, seltsam genug, der Jakob einen Solopfad einschlagen, neue Stücke schreiben ließ und ihn dazu brachte, mit seinem Pulitzerpreischweren Familiennamen endlich auch auf dem Cover zu erscheinen. Wer befürchtet hat, aus dem ereignisarmen Erfolgsrock der Wallflowers würde so ein ereignisarmes Singer/Songwriter-Album werden, kann sich nun bestätigt fühlen, allerdings nur zum Teil.

    Rick Rubins sehr schlanke, maximal um einen Waschbrettähnlichen Beat und E-Gitarrentupfer erweiterte Folk-Produktion fördert noch mehr zu Tage, dass Jakob Dylan Tom Petty seinem Vater stets vorgezogen hat. Allerdings fällt unterwegs von Dylan Juniors Band Wallflowers zu dem von Rubin produzierten Tom Petty-Album »Wildflowers« auf, wie sehr Dylan die trockene Nonchalance, die Naivität und die coole Ironie abgehen, die Petty in seinen besten Momenten auszeichnen. Nein, dieser erste Schritt zurück zu den Wurzeln ist über weite Strecken zu streberhaft bemüht, Auswürfe gegen »fette Farmer«, die den so hart an der Scholle schuftenden Arbeiter ausnutzen, wirken geborgt, bearbeitenden einen Acker, den gerade erst Bruce Springsteen mit seinem Pete Seeger-Projekt ausgezehrt hat. Um eine andere Spitze loszuwerden: Jakob Dylan solo hat zu viel von Jack, zu wenig von Robert Johnson. Zum Schluss das große ›ABER‹: »Seeing Things« strahlt eine selbstsichere Entspanntheit aus, die nahe legt, dass sich Jakob Dylan all dessen bewusst ist. Kurz vor Schluss hebt er in »On Up The Mountain« zu so etwas wie einem Hohelied auf den Realismus an. »Someday everything’s gonna be different, when I paint my masterpiece« hatte Bob einst gesungen. »You’ll go down, you’ll go deep, but you won’t surrender a masterpiece« ahnt Jakob und schließt so eine handwerklich saubere, im Rahmen seiner Möglichkeiten auch eine gute Gesellenarbeit ab.

LABEL: Columbia

VERTRIEB: Sony BMG

VÖ: 27.06.2008

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