Matmos
Supreme Balloon
Text: Konrad Feuerstein
Das neue Ding: Musik aus Strom. Matmos stellen nach all den Jahren ihre eklektische Konzeptionalität eklektisch-konzeptionell auf den Kopf und sagen: »No microphones were used on this album«. Denn es gibt diesmal keine naturidentischen Found Sounds und keine gesampleten spätmittelalterlichen Obskuro-Instrumente zu hören, sondern ausschließlich das Innenleben diverser Synthesizer, Sampler und Computer.
Drew Daniel (aka The Soft Pink Truth) und Martin C. Schmidt laden zu einer Revue analoger und digitaler Gerätschaften aus allen Epochen. Sie geben sich päpstlicher als der Papst und überraschen im Elektronikkontext mit einem rein elektronischen Album. Unter Verfechtern bipolarer Catchphrases ist das natürlich ein alter Hut: konventionell is the new originell, linientreu the new anarchisch. Tatsächlich verorten Matmos sich stilistisch eine ganze Ecke ›allgemeiner‹ als auf ihren letzten Werken: keine Renaissance-Bizarrerien wie auf »The Civil War«, kein Track-by-Track-Genrehopping wie auf »The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast«. Wenn es auf »Supreme Balloon« Stilzitate und historische Bezüge gibt, dann in Richtung der Frühgeschichte elektronischer Musik – ob Neue Musik, Soundtrack oder experimentelle Gebrauchsmusik.
Ironiefrei wie selten, fahren die beiden Akademie-Überflieger ihr musikhistorisches Hintergrundwissen auf, um aus voller Seele einer Art – Achtung, noch ein schickes Paradoxon – Avantgarde-Traditionalismus zu frönen. In dem aufgeräumten Blubber-Gezirpe und Sinus-Geflöte des überlegenen Ballons hören wir deutliche Spuren von Pierre Henry, Raymond Scott, Oskar Sala, Brian Eno, Karlheinz Stockhausen und Delia Derbyshire bzw. dem BBC Radiophonic Workshop. »Les Folies Francaises«, ein ›Cover‹ des Barock-Komponisten François Couperin (1668–1733) ist zudem eine eindeutige Hommage an die Bach-Bearbeitungen von Walter/Wendy Carlos; der Titeltrack steht mit 24 Minuten psychedelischeingeweichter Minimal Music in bester Terry-Riley-Tradition. Genrefremde Zitate dagegen werden vermieden, abgesehen von ein paar Takten griechischer Wein in »Exciter Lamp And The Variable Band« – das Album ist nüchtern-abstrakt gehalten, ohne deswegen gleich humorlos zu klingen.
Ehrensache, dass auch die Gaststars thematisch passend ausgewählt sind: Neben likeminded Kumpels wie Jay Lesser und Keith Fullerton Whitman aka Hrvatski gibt Marshall Allen – ein Überlebender des Sun Ra Arkestra, normalerweise vorrangig Altsaxofonist – ein Gastspiel am Electronic Voice Instrument. Aufgenommen wurde auch noch teilweise in den legendären Pariser INA/GRMStudios (Institut National de l’Audiovisuel, Groupe de Recherches Musicales). Selbst wenn sie es sich vornehmen: Ganz ohne Konzeptschnickschnack und Luxus-Extras einfach nur ein neues Album einspielen, das schaffen Matmos dann doch nicht.
LABEL: 4AD / Beggars Group
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 09.05.2008

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