Bonnie »Prince« Billy
Lie Down In The Light
Text: Marco Frenzel
Vor zwei Jahren erschien das letzte Studioalbum von Will Oldham – eine geduldige Küstenlandschaft auf dem Cover von »The Letting Go« deutete diese ›Pause‹ im Rückblick an, gilt Oldham doch eigentlich als manisch produktiver Herr, da sind zwei Jahre eine lange Zeit. Oder zählt man die ein Jahr später erschienene Cover-EP »Ask Forgiveness«, auf der Oldham Songs von Glen Danzig bis R. Kelly coverte, ebenfalls als Studioalbum? Derer je nach Zählweise sieben oder acht veröffentlichte der Sänger seit 1998 mit seiner ganz eigenen Interpretation von Folk und Country und unter dem Pseudonym Bonnie »Prince« Billy, das einerseits an die Outlaws Billy The Kid und Bonnie Parker erinnert, andererseits an den aristokratischen Bonnie Prince Charlie angelehnt ist. Bekanntlich lässt sich Oldhams Schaffen unter diversen »Palace«-Pseudonymen bis 1993 zurückverfolgen. Ein schier unüberschaubarer Berg an Veröffentlichungen ist zusammengekommen; er hat damit wesentlich zur Neo-Folk-Bewegung beigetragen und Musiker und Bands wie Herman Düne, Joanna Newsom oder Devendra Banhart beeinflusst.
»Lie Down In The Light« veröffentlicht Bonnie nun ausgerechnet im Sommer. Zwei Fabelwesen zieren das Cover, eine warme akustische Brise entweht dem Album, Billy singt: »When there’s only one thing I can do / Well you know that I still don’t want to do it / When there is just one way to get through / Sometimes I still don’t want to go through with it / There are other ways, I used to think to find my way around« (aus »Easy Does It«). Von Schwermut und Fatalismus keine Spur! Die optimistischen Zeilen stehen programmatisch für Form und Inhalt nicht nur seiner Countryfolksongs – auch der Albumtitel weist den Weg.
Oldham beschreitet weiterhin die gleichen Pfade, er hat nur einen anderen Schritt eingelegt. In poetischen Bildern spricht er auf den neuen Songs vom Leid der Liebe und der Endlichkeit des Lebens. Doch überall schwingt dieses Mal Hoffnung mit und sogar erfüllte Liebe: »Now I want the world to see / Every body look at me / I’m a good person and free / And she loves me«, singt er strahlend im Duett »So Everybody« mit Ashley Webber, die das Album als zweite Stimme begleitet. Sicherlich gehört »So Everybody« zu den optimistischsten Songs, die Oldham je zu Papier gebracht hat. Blickt man zurück auf sein epochales erstes Album unter dem BPB-Pseudonym, »I See A Darkness«, so erinnerten Themen und Bilder der Songs noch an die trüben Gedanken eines Todgeweihten. Passenderweise nahm Johnny Cash den Titelsong später gemeinsam mit Oldham für das »American III«-Album auf.
Auch auf späteren Alben pflegte Oldham als Bonnie Billy einen unfertigen, fragmentarischen Sound und sparte nicht an morbiden wie sexuell aufgeladenen Wortspielen. Dafür wurde er reflexhaft von Lo-Fi-Puristen geliebt, was ihn jedoch wenig interessierte. Stattdessen kehrte er auf seinem letzten Album »The Letting Go« mit Streichern, zarten Duetten und ausproduzierten Songs zurück – was abermals eine Überraschung war und einen Bruch markierte. Mit Kenntnis des aktuellen Albums erweist sich der damalige Schwenk allerdings als nachvollziehbarer Richtungswechsel. Hinein ins Licht. Und in die Liebe, die der 37-Jährige vor einigen Jahren in seiner Heimat Kentucky gefunden hat. In Songs wie »You Want That Picture« oder »Missing One« klingt im Verlust der Liebsten gleichzeitig auch Versöhnung mit. Kein Verharren im Schmerz ist mehr zu spüren – Oldham tritt aus der passiven Rolle des einsamen Wolfes heraus, kämpft gegen die Dämonen und verwandelt die Wut in einen Schmetterling (siehe Cover).
Die neue Leichtigkeit ist besonders musikalisch spürbar. Das Team um Bruder Paul am Bass und Emmett Kelly an der Gitarre wurde um den Multiinstrumentalisten Shahzad Izmaily an Perkussion, Klavier und Banjo erweitert. Auch ohne Schlagzeug verfügt die Band über eine druckvolle Dynamik, die, nuanciert durch Gastmusiker an Geige, Pedal Steel, Klarinette und Trombone, das Klangfarbenspektrum einzelner Songs zum Leuchten bringt. Die Grundstimmung aus akustischen Gitarren, Bass und sanfter Perkussion wird von getupften Orgeltönen, Blockflöte oder Klavier aufgebrochen, und Harmonien werden mit akzentuierten Vokalarrangements betont.
Produziert wurde »Lie Down In The Light« abermals von Mark Nevers, Mitglied bei Lambchop, der die Dichte an Instrumenten luftig und transparent, fast schwerelos um Oldhams Stimme arrangierte. Ein elegantes Zusammenspiel und ein dreidimensionales Hörerlebnis. Neben als umwerfend zu bezeichnenden Melodien und Harmonien überrascht Oldhams Stimme, die in den neuen Songs Terrain in höheren Lagen auslotet. Die Stimmung ist befreit, die Musik scheint von zeitloser Schönheit. Das Album schließt mit der langsamen Miniatur »I’ll Be Glad«. Ein Chor lobpreist den Herrn. Oldham singt, begleitet von Ashley Webber, mit weicher Stimme: »I’ll go anywhere that you do / And if you don’t go before / Lord, I don’t want to go without you anymore«.
LABEL: Domino Recording Co
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 16.05.2008

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