Diverse
New Orleans Funk 2
Text: Florian Sievers
Sonntagabends, wenn die Schwüle sich ein bisschen verzog, saßen sie auf dem Congo Square zusammen und spielten mit den Zikaden um die Wette. Der Platz in New Orleans war der einzige Ort in Nordamerika, an dem sie dies im 18. Jahrhundert durften: zusammen sitzen und sich gegenseitig ihre Musiken vorspielen, zuhören und dazu tanzen. Denn die Franzosen, die sich das Land rund um die Stadt als Kolonie unter den Nagel gerissen hatten, waren Katholiken. Sie waren nicht so verklemmt wie die Puritaner im großen Rest des Kontinents, sie hatten nichts dagegen, dass ihre afrikanischstämmigen Sklaven an ihrem freien Tag die Trommeln schlugen und deren Rhythmen mit den Musiken der anderen Stadtbewohner mischten, mit denen der Spanier und der Cajun-Franzosen, der Kreolen und der zugewanderten Haitianer, der Lateinamerikaner und der Native Americans.
New Orleans war schon im 18. Jahrhundert, das ist nicht zu viel gesagt, ein multikultureller Ort. Ein magischer Ort zudem, wie eine Insel umgeben von Wasser, von Sümpfen, Tümpeln und Flüssen, allen voran der majestätische Mississippi, an dessen Ufer geheime Voodoorituale abgehalten wurden. Und ebenso ein fragiler, bedrohter Ort, der zu weiten Teilen unter dem Meeresspiegel liegt, notdürftig nur geschützt von Dämmen, die beim nächsten Hurrikan wieder brechen würden. All das machte und macht das Leben in der Stadt, die nicht umsonst ›The Big Easy‹ genannt wird, besonders. Die Sitten waren locker, die Menschen toleranter als anderswo. Hier waren Dinge möglich, die man andernorts nicht gerne sah, für die man getötet werden konnte. Diese einzigartigen musikalischen Unreinheiten zum Beispiel. Sie sollten irgendwann zum Jazz erblühen, der wie afrikanische Musik auf Rhythmus, Improvisation, Kollektivismus und Freiheit basierte und von hier aus Louis Armstrong und Fats Domino um die Welt schickte. Afroamerikanische Marching Bands annektierten derweil die europäische Marschmusik, schlossen sie auf der Basis der afrikanischen Trommel mit dem Jazz kurz und brachten Menschen bei Begräbnissen zum Tanzen. Und natürlich machten diese Unreinheiten auch den Soul und Funk der Stadt in den Sechzigern und Siebzigern zu etwas ganz Besonderem.
Während in Memphis, New York, Philadelphia und Detroit die Soulindustrien boomten und ihre Hits landesweit in die Charts schleusten, blieb ›The Big Easy‹ – abgeschnitten durch seine Sümpfe und afrikanisch wie keine zweite Stadt des Landes – meist außen vor. Zwar spielten hier Bands, die mehr Funk hatten als irgendjemand sonst da draußen, zwar liefen hier besessenere Pianospieler, präzisere Drummer, wüstere Bläser rum als andernorts, und es gab Songschreiber, die hinreißende Drei-Minuten-Dramen schrieben. Nur bekam ihre Werke außerhalb der Stadt kaum jemand zu hören. Wenn dann doch mal ein Sänger, eine Sängerin aus der Stadt am Mississippi in den nationalen Charts landete, dann war das meist das Werk des genialischen Komponisten und Produzenten Allen Toussaint und seines Geschäftspartners Marshall Sehorn. Die beiden brachten das brodelnde Geschehen von New Orleans quasi im Alleingang einem größeren Publikum in den USA nahe. Namen wie Lee Dorsey, Irma Thomas, Betty Harris, Warren Lee und natürlich The Meters, aus denen später die Neville Brothers hervorgehen sollten, verdankten ihren Erfolg vor allem Toussaint und Sehorn.
Aber hinter diesen großen Namen passierte noch weitaus mehr: New Orleans fehlte zwar das eine große Majorlabel, das heute noch synonym für die Funk- und Soulszene der Stadt stehen könnte. Aber Minilabels wie Ric, Ron, Seven B oder Bo Sound veröffentlichten massenhaft krachende 7-Inch-Singles von grandiosen Funk- und Soulsängern und -bands wie Ray J, The Gaturs oder dem großen Eddie Bo. Die besondere Situation des heutigen New Orleans macht es zu einer mühevollen Aufgabe, das damalige Geschehen in der Stadt zu dokumentieren. Stuart Baker vom Londoner Soul Jazz-Label hat sich für »New Orleans Funk Volume 2« jetzt schon zum dritten Mal (nach »Volume 1« aus dem Jahr 2000 sowie der Funk- und Soulcompilation »Saturday Night Fish Fry« von 2001) durch Keller und Archive gewühlt und 25 Beispiele dafür gesammelt, wie besonders roh und gut der Funk der Stadt damals war. Dank Platten wie dieser, so steht zu hoffen, wird New Orleans irgendwann einmal im Pantheon der afroamerikanischen Musik der Sechziger und Siebziger gleichberechtigt neben Memphis, New York, Philadelphia und Detroit stehen.
LABEL: Soul Jazz
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 11.04.2008

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