Munk
Cloudbuster
Text: Burkhard Welz
Mathias Modica hat Rückenwind. Sowohl sein gemeinsam mit Jonas Imbery geführtes Label Gomma wie auch der sogenannte Zeitgeist schieben ordentlich voran. Nicht nur die Eingeboren bestätigen, ganz Feuilleton-Land spricht darüber: München verspricht wieder verschwitzte Disco-Nächte mit allem Pipapo. Soweit, so gut. Trotzdem stand und steht Gomma nicht unbedingt für dieses neue ›Cosmic‹ – also diese sphärische Variante von Disco mit runtergetuneten Beats und ordentlich Hall auf der Snare, die zur Zeit besonders in nordischen Breiten (Lindstrøm, Prins Thomas, Todd Terje, Studio etc.) konzipiert wird. Allerdings auch nicht (mehr) für den New Yorker No Wave von Munk-Kumpel James Murphy und erst recht nicht für die schwelgerische Disco-Arrangements der Siebziger. Stets zwischen den Stühlen und doch unverkennbar, das ist Gomma und wohl auch deren Selbstverständnis.
Zunächst muss man anfügen, dass Modica trotz aller Hype-Tendenzen um Cosmic sein Ding durchzieht. Diesmal hält er sogar ganz allein die Zügel in der Hand, sein Partner Jonas Imbery war nur noch als (Co-)Produzent tätig und kümmert sich nun verstärkt um sein eigenes Soloprojekt Telonius. Wie gehabt verspricht Munk auch 2008 auf »Cloudbuster« vor allen Dingen Unterhaltung mit selten gehörten Verschmelzung ehemals getrennter Genres: Krautrock, der ›Punk-Spirit‹ der frühen Achtziger-Elektronik, Synthesizer-Disco und Library-Soundtrack als freie Konstanten. Hinter allem steht Modica wie ein diabolischer Zauberlehrling, der diese Zutaten mit feistem Grinsen in einen Riesenkessel wirft und manchmal selbst nicht zu wissen scheint, wie das alles am Ende klingen mag. Manches geht gut rein, andere Rezepturen stoßen etwas bitter auf, wegen ihres gewagten Mischmaschs.
Italiens heißester Schauspielerinnen-Export wurde jedenfalls angefixt: Asia Argento verfeinert unter anderem die superbe Single »Live Fast! Die Old!« mit einer Stimme, die Exzess verspricht (»Come on, bring it on«), aber hoffentlich ohne den Kater danach. Dafür steht, zumindest laut Modica in der FAS vom 11.11.2007 (»Der große Munich-Disco-Schwindel«) diese neue Disco-Kultur: weniger Drogen – dafür mehr Seele und letztlich längerfristig durchhaltend. Auch symptomatisch für Gomma und den langen Atem im rasanten Musik-Business. Wenn man will, kann man den Modica-Ansatz auch gegen stumpfes Track-Abgefeiere oder gegen gesichtsloses Minimal-Gebratze einsetzen, gegen den Ed-Bangerism. Trotzdem wurde ein nicht unwesentlicher Anteil der französischen Hau-Drauf-Strategen schon hellhörig: Busy P, Pariser Chef von Ed Banger will »Live Fast! Die Old!« gleich noch mal rausbringen – in neuer Version. Wie das dann wohl klingen mag?! Mit mehr Bier nach Vier?
Auch ein anderes Enfant-Terrible, siebziger Jahre Pop-Filmer und Gomma-Liebhaber Klaus Lemke, lümmelt sich zwischen die Beats und unterstellt Modica gar Sexbesessenheit, vermeintlich nur, um seine eigenen Dämonen auf »The Rat Race« sicherzustellen.
Überzeugend ›far out‹ ist Modica allerdings hauptsächlich dann, wenn die Songstruktur nicht unbedingt im Vordergrund steht. »Il Gatto« ist so ’ne Nummer, die auch dem Italo-Disco-Papagallo gut stehen würde: etwas zurückgenommener, ausfransender, mit weniger Schub. Auch »PsychoMagic« macht, wie der Titel schon andeutet, ordentlich Boden gut auf diesem kosmisch, krautrockigen Terrain, bei dem es von jeher mehr um Sounds statt Attitüde ging. Fragt Holger Czukay. Überhaupt wird es zum Ende von »Cloudbuster« versöhnlicher. Ist das nun in der Essenz doch durchkalkuliert oder steht das freakige Überraschungsmoment im Vordergrund? Modica selbst: »Ich wollte noch analoger werden und einen Gegenpol zu den sauberen digitalen Computersounds setzen, die heute in der Clubmusik so allgegenwärtig sind. Schmutzig und langsam sollten die Songs sein und trotzdem irgendwie futuristisch klingen.« Das ist ihm auf jeden Fall geglückt – auch wenn man ihm das Feixen dabei förmlich anmerkt. Wir lachen zurück. Nicht zuletzt die Charts wird es nur peripher tangieren.
LABEL: Gomma
VERTRIEB: Groove Attack
VÖ: 30.05.2008

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