Frischer Glamour in alten Trümmern

Herbert Tobias

Text: Esther Buss

Wiederentdeckung eines Zeitlosen: Der aus Dessau stammende Herbert Tobias porträtierte mit seiner Kamera die bizarre Poesie des Nachkriegsberlins ebenso wie die melancholischen Blicke der jungen Andreas Baader und Klaus Kinski. Sechzehn Jahre nach seinem Tod ehrt die Berlinische Galerie den vergessenen schwulen Stilisierer mit einer ersten großen Retrospektive.

Herbert Tobias

»The Berlin-Party is over« (1961)

(Foto: © Herbert Tobias / Berlinische Galerie)

»The Berlin-Party is over« lautet der sloganhafte Titel eines Selbstporträts von Herbert Tobias. Das Foto aus dem Jahre 1961 strahlt einen sonderbar kargen, verarmten Glamour aus: Tobias, in verhaltener Tänzerpose, steht mit nacktem Oberkörper, geschminkten Lippen und einer harlekinartigen Halskrause in einem kleinen Hinterhof, märchenhaft umrahmt von spärlichen Ästen und auf dem Boden verstreut liegenden Luftballons. Der an den Betrachter gerichtete Blick ist melancholisch und scheint weit über den fotografisch festgehaltenen Moment hinauszuweisen. Zudem vereint die Aufnahme ver schiedene Stile: Die von Jean Cocteau inspirierte, theatrale, fast pantomimische Bildsprache verleiht dem Bild die Aura des Vergangenen, dagegen wirkt die sehr beiläufig und unaufgeregt inszenierte Queerness ihrer Zeit weit voraus. Gleichzeitig aber verbirgt sich hinter dem ganzen Verwandlungszauber ein eher nüchterner zeitdiagnostischer Kommentar: 1961, im Jahr des Mauerbaus, war die ›Berlin-Party‹ tatsächlich vorbei.

    In Tobias’ Fotografien scheint die Zeit wie in Slow Motion ausgedehnt, das Vergangene – und gleichzeitig Verlorene – wirkt in ihnen nach. Selbst seine expressiveren, dramatisch inszenierten Aufnahmen sind eine Spur verhangen. Denn Tobias ging es in seinen Bildern – egal, ob es sich um Porträts, Männerakte oder Stadtansichten handelt – nie darum, nur den Augenblick festzuhalten, sondern das hinter dem Sichtbaren Liegende zum Vorschein zu bringen: Stimmungen und Gefühle, die sich nicht unmittelbar mitteilen, wie Melancholie oder Einsamkeit. Oft sind Tobias’ Protagonisten von einer spürbaren unerfüllten Sehnsucht durchdrungen, sie sind ähnlich ikonisch aufgeladen wie die Figuren in den Filmen Fassbinders. Das Ausdrucksmedium ist dabei im Wesentlichen der Blick: Meist sucht Tobias den direkten Blickkontakt mit seinem Gegenüber, doch es gibt ebenso den Blick ins Weite bzw. in innere Welten, wie man es auch von klassischen Melancholiedarstellungen kennt.

    Als neunzehnjähriger Soldat an der russischen Ostfront machte Herbert Tobias die ersten Bilder, die heute von ihm bekannt sind – Aufnahmen, die in ihrer Symbolhaftigkeit über die der Dokumentation verpflichtete Sprache der Kriegsfotografie hinausgehen. Ein Bunker in einer einsamen, fast romantisch anmutenden Landschaft oder schlafende, erschöpfte Soldaten, die sich durch ihre von den Pritschen herabhängenden Beine zu erkennen geben. Unter den Russlandbildern findet sich auch eine Aufnahme zweier junger Männer, die, obwohl in Rückenansicht platziert, ganz explizit den Kontakt bzw. Flirt mit der Kamera suchen und bereits erahnen lassen, was sich in den folgenden Jahren zum bevorzugten Sujet des Fotografen entwickeln wird.

    Seine Sexualität lebte Herbert Tobias in den vielen Männerporträts und erotischen Männerfotos ebenso offen und direkt aus wie im Privaten – zu einer Zeit, in der Homosexualität unter Strafe stand, lässt sich das durchaus als politisches Statement verstehen. Den Augenblick zu erleben oder ihn zu fotografieren, empfand er dennoch immer wieder als Konflikt. So stieg Tobias Mitte der sechziger Jahre schon aus seiner Karriere als Fotograf aus und stürzte sich mit viel Einsatz in ein Leben aus Drogen und sehr viel Sex, die Kamera landete zu dieser Zeit oft im Pfandhaus. In den letzten Jahren, nach seinem Umzug von Berlin nach Hamburg, fotografierte Tobias nur noch für Schwulenmagazine, in ihnen veröffentlichte er neben Männerakten und softpornografischen Bildergeschichten auch immer wieder seine Fotografien aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren – etwa Aufnahmen aus Paris, wo Tobias’ professionelle Laufbahn begonnen hatte.

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Herbert Tobias

»In Tobias’ Fotografien scheint die Zeit wie in Slow Motion ausgedehnt, das Vergangene – und gleichzeitig Verlorene – wirkt in ihnen nach. Selbst seine expressiveren, dramatisch inszenierten Aufnahmen sind eine Spur verhangen. Denn Tobias ging es in seinen Bildern nie darum, nur den Augenblick festzuhalten, sondern das hinter dem Sichtbaren Liegende zum Vorschein zu bringen: Stimmungen und Gefühle, die sich nicht unmittelbar mitteilen, wie Melancholie oder Einsamkeit.« (Esther Buss)

(Alle Fotos: © Herbert Tobias / Berlinische Galerie)

1951 war er seinem Freund dorthin gefolgt, nachdem das schwule Paar denunziert und der Zivilangestellte der US-Army aus Deutschland ausgewiesen worden war. Im existenzialistischen Paris entwickelte Tobias seinen ganz eigenen, von starken Hell-Dunkel-Kontrasten bestimmten Stil, in welchem sich Verweise auf die Fotografie der zwanziger und dreißiger Jahre finden. Seine Stadtansichten sind trotz ihrer klassischen Motive, die auf den ersten Blick an das ›klassische‹ Parisbild erinnern, wie man es von Robert Doisneau oder Henri Cartier-Bresson kennt – das Leben auf den Straßen, in den Parks, in der Métro und den Cafés, die existentialistische Künstlerbohème – von einer unverwechselbar schwebenden, fast traumwandlerischen Atmosphäre bestimmt. Sie zeichnet auch seine ersten, zu dieser Zeit entstandenen Männerakte aus. Doch zunächst sollte ein ganz anderes Genre in den Mittelpunkt von Tobias’ Arbeit rücken: die Modefotografie. Für Willy Maywald, den berühmten deutschen Modefotografen, arbeitete er zeitweise als Retuscheur, und bald wurde die Vogue auf ihn aufmerksam. Allerdings musste Tobias 1953 Frankreich schon wieder verlassen – wegen »Widerstand gegen die Staatsgewalt« bei einer Schwulenrazzia.

Herbert Tobias

»… Und neues Leben protzt aus den Ruinen« (1954)

(Foto: © Herbert Tobias / Berlinische Galerie)

    Tobias wurde in Deutschland zum Star der Fotografenszene, und zwar zu ihrem rebellischen: Er gewann den Titelseitenwettbewerb der Frankfurter Illustrierten, seine Karriere war anfangs stark geprägt von der für die fünfziger Jahre charakteristischen Stimmung zwischen Nachkriegsalltag und aufkommendem Wirtschaftswunder. Auch in den zahlreichen Auftragsarbeiten für Modemagazine und Couturiers ist davon viel zu spüren. Denn auf der einen Seite gibt es die glamourösen Nachtaufnahmen vom Kurfürstendamm mit ihren virtuosen Lichteffekten und Schwarz-Weiß-Kontrasten, die nicht zuletzt Berlin als wieder erstarkte Modehauptstadt Deutschlands feiern. Auf der anderen Seite das fast abstrakt wirkende Foto eines in festlicher Abendrobe gekleideten Mannequins auf der Trümmertreppe der zerbombten Berliner Sing-Akademie. Der später zu dem Bild hinzugefügte Titel »...und neues Leben protzt aus den Ruinen« bringt ein Unbehagen zum Ausdruck – die Selbstzufriedenheit der neuen Wohlstandsgesellschaft mit ihrer sturen Verdrängungsmentalität mag mit einer der Gründe gewesen sein, warum Tobias sich spatter wieder von der Modefotografie abwandte.

 Zeitgleich mit den Auftragsarbeiten, unter denen sich auch einige Fotografien Nicos finden, die damals unter ihrem eigentlichen Namen Christa Päffgen ein gefragtes Model war, entstanden die Bilder aus dem zerstörten und später geteilten Berlin. Frei von Verbitterung, Nachkriegsmuff oder Pathos, verbreitet etwa Tobias’ Aufnahme im Schutt spielender Kinder in der Eisenacher Straße eine bizarre Poesie des Trümmeralltags. Die intensivsten Bilder bleiben jedoch seine Männerporträts: der junge Klaus Kinski oder Andreas Baader, der in den frühen sechziger Jahren mit nacktem Oberkörper, Jeans und Desert Boots ein ungewöhnliches Bild feminisierter Männlichkeit verkörpert. Daneben Freunde, Bekannte, Lover und flüchtige Begegnungen.

    Als Tobias 1982 an AIDS starb, hinterließ er ein relativ überschaubares Werk, das heute wenig bekannt ist und gerade erst (wieder)entdeckt wird. Dass seine Bilder trotz ihrer retrohaften Patina noch so unverbraucht wirken, lässt sich auf ihre stilistische Freiheit zurückführen, die sich schon immer Einordnungen und Moden entzog. Doch natürlich passt Tobias auch gut in unsere Zeit, in der Gefühle eine neuerliche Konjunktur erleben und Melancholie als so etwas wie eine emotionale Wahrheit zu gelten scheint. Dabei sind Tobias’ Fotografien weit davon entfernt, den Gefühlsausdruck als solchen zu proklamieren: Die Zeitlosigkeit existentieller Befindlichkeiten geht in seinen Bildern immer auch mit einer geschärften Aufmerksamkeit für ihre historische Gegenwart einher.

»Blicke und Begehren. Der Fotograf Herbert Tobias« Eröffnung am 15. Mai ab 19 Uhr, Ausstellung vom 16. Mai bis 25. August, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin, Di-So 10-18 Uhr

Eine große Auswahl von Herbert Tobias’ Fotografie findet man auch auf der eigens eingerichteten Homepage www.herberttobias.com

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