Bass

Round Black Ghosts

Text: Christoph Braun

In der Kolumne »Bass« thematisiert Christoph Braun einmal im Monat die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit des Dub. Diesmal mit Ital Tek, Quantec, The Embassadors, und den Compilations »Living Is Hard«, »Steppas' Delight« und »Round Black Ghosts«.

Round Black GhostsBeim Berliner Label ~scape ist man um die Forschung rund um die tiefe Frequenz noch nie verlegen gewesen. Stefan Betke alias Pole und Barbara Preisinger verfügen mit Portable, Deadbeat, Burnt Friedman oder Bus über mehrere Erneuerer des Dub. Für die Compilation »Round Black Ghosts« haben sich  die beiden ˜scape-Impresarios einen weiteren Typen vom Fach und mit offenen Ohren besorgt: Tim Tetzner, der bis vor kurzem in Berlin den Dense Records-Laden für elektronische Musik  betrieben hat.

    »Round Black Ghosts« bildet jenes Spektrum an Dubstep-Producern ab, das die neuesten Entwicklungen im Hardcore Continuum mit einer Techno-Ästhetik zusammendenkt. Also: Dubstep, gepaart mit – zumindest gefühlter – 4/4-Bassdrum. Minimal Techno nicht unähnlich, braucht diese Zusammenstellung zunächst Zeit. Sie schwingt auf den langen Wellen und in den gemächlichen Halb-Zählzeiten des Offbeat und verschließt sich dazu auch noch in den polierten Oberflächen technoider Reinlichkeit. Doch Martyn, 2562, Ramadanman, Pinch oder Peverelist verhelfen »Round Black Ghosts« zu einem schlüssigen Konzept. Mit dem niederländischen Produzenten Syncom Data und vor allem Untold bietet die Compilation auch noch zwei neuere, interessante Namen für die Zukunft.

Diverse - Round Black Ghosts
Label: ˜scape | Vertrieb: Indigo | VÖ: 16.05.2008

Ital TekItal Tek aka Alan Myson aus Brighton kam im vergangenen Jahr groß raus. Seine Veröffentlichungen auf Planet Mu und SQR zeichneten sich dadurch aus, in die Fräs- und Stanztraditionen der historischen Entwicklungslinie Industrial – Dubstep noch die universalen Utopien Detroits und eine schöngezeichnete Düsterkeit zu zeichnen. Mit »Cyclical« wird sein Name in gleißendem Licht erstrahlen: Hinterhältige Bass-Säger für die Raves liefern sich packende Übergänge zu fließenden Passagen. Als Dramatiker gibt sich Ital Tek hier zu erkennen, immer wissend, wann es monoton werden darf und wann die Pauke übers Land hereinbrechen muss.

Ital Tek - Cyclical
Label: Planet Mu | Vertrieb: Neuton/ NTT | VÖ: 26.05.2008

QuantecWährend Ital Tek bei aller Sound-Fiktionalität letzten Endes sehr weltliche, von Heutigem gesättigte Musik produziert, höre ich bei Quantec den Sound der Teleskope. Als würde Sven Schienhammer, der verbirgt sich hinter Quantec, den ganzen Tag auf einer weiten Wiese sitzen und sich in die großen Weltall-Aufzeichnungs-Anlagen hacken. Die geraden Beats, die Unendlichkeiten der mit Blue Notes gesättigten Synthesizer-Harmonien und überhaupt all die retrofuturistischen Klänge auf  »Unusual Signals« wirken, als haben sie schon immer existiert und jemand habe sie einfach eingefangen. Kaum vorstellbar, dass ein Mensch sich das ausgedacht haben soll: schwingender, klingender Dub Techno von der Schönheit frisch entdeckter Himmelskörper.

Quantec – Unusual Signals
Label: Echocord | Vertrieb: Kompakt | VÖ: 05.05. (Vinyl)/ 02.06.2008 (Digital & CD)

Fortsetzung mit The Embassadors, Living Is Hard und Steppas’ Delight auf Seite 2 (vor)

Fortsetzung von Seite 1 (zurück)

EmbassadorsLasst mich menscheln. Gerade, weil es nach der otherworldly Schönheit von Ital Tek, Quantec und anderer schwarzer, runder Geister zunächst einmal völlig fehl am Platz erscheint. The Embassadors liefern mit »Healing The Music« eine verdichtete Ladung an Weltwissen, Weisheit, Humanismus und vor allem der unergründlichen Schönheit der menschlichen Stimme. »Healing The Music« ist Band-Musik, die auf einem Offbeat-Rhythmusgerüst mit Jazz, Reggae und globalen Pop entsteht. The Embassadors wurden vom Multi-Instrumentalisten Hayden Chisholm gegründet. Der Autor des Softspeakers-Blog spielt unter anderem Saxofon, Klarinette und Klavier, war Mitglied bei Burnt Friedmans Nu Dub Players, hat außerdem Sounds für die Installationen von Rebecca Horn produziert.

    Chisholm machte 2007 Bekanntschaft mit dem kenianischen Sänger Michel Ongaro, nach einer Woche gemeinsamen Musikmachens stand für beide fest, dass Ongaro der Sänger in Chisholms neuer Band sein müsse. Sein lyrischer Tenor (gibt es eigentlich nur beim Sopran!) durchdringt jede menschliche Analysefähigkeit und erschüttert das Mark. Überhaupt transportiert »Healing The Music« die Zerrissenheit der Welt, um sie mit einer kommunikativen Geste zu relativieren: Komplexe Musik derart leicht verständlich zu spielen, dass sogar der Eindruck entsteht, Ongaros Swahili sei eine universelle Weltsprache, das gelingt einer Gruppe selten. Eingespielt in einem Hotel in Nairobi, könnte »Healing The Music« ganze Genres aus dem Boden stampfen.

The Embassadors feat. Michel Ongaru – Healing The Music
Label: Nonplace | Vertrieb: MDM | VÖ: 14.03.2008

Living Is HardZurück zu den Roots der Roots: Wegen der Verschleppung seiner Einwohner in die neue Welt ist es unmöglich, Blues, Jazz oder auch Reggae ohne die traditionellen Musiken Westafrikas zu denken. So erscheint es logisch, dass Honest Jon’s, das Londoner Label für Pop-Archäologie, gerade mit einer Sammlung westafrikanischer Musik eine neue Reihe eröffnet. »Living Is Hard – West African Music In Britain 1927-1929« ist die Vorhut einer Serie mit Musik aus der heutigen Türkei, des heutigen Irak und Iran und Ägyptens. Insgesamt wollen die Honest Jon’s-Mitarbeiter dafür über 150.000 Aufnahmen des Londoner Hayes-Studios gehört haben. Im Fall der westafrikanischen Stücke gab es mit Zonophone ein Label, das im frühen 20. Jahrhundert die Platten nach Afrika exportierte. So sind denn auch die Chants, Instrumentals, Frühformen des Hi-Life zu begreifen: Botschaften aus der neuen, fremden, viel zu oft rassistischen Welt.

Diverse - Living Is Hard – West African Music In Britain 1927-1929
Label: Honest Jon’s | Vertrieb: Indigo| VÖ: 05.05.2008

Steppas' Delight Das Vergnügen liegt hier auf der Seite der Noch-Nicht-Steppas: Beinahe monatlich haut Soul Jazz derzeit Dubstep-Compilations raus, jüngst noch die herausragende »An England Story«. Mit »Steppas' Delight« möchte das Label nun eine Geschichte des Dubstep schreiben. Praktischerweise sind einige der Tracks bereits als Singles auf dem gleichen Label erschienen und zum Teil auch noch auf älteren Zusammenstellungen. Dennoch: Mit einem dicken Booklet und vielen Bildern aus der jüngeren Club-Geschichte vermag es »Steppas' Delight«, den Stand der Dinge und die diversen Schulen abzubilden, wie sie von The Bug, Shackleton, Kode 9, Benga oder Martyn vertreten werden.

Diverse - Steppas’ Delight
Label: Soul Jazz| Vertrieb: Indigo | VÖ: 16.05.2008

Alle Teile der Kolumne »Bass« finden sich hier.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von SOMMER, 18. August 2010 : Hacken:

    [...] “Bass”, so lautete der Titel der Kolumne von Christoph Braun über Bass-Musik zwischen 2007 und 2009 auf [...]

     
 
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