Nigeria 70

Lagos Jump – Original Heavyweight Afrobeat Highlife & Afro Funk

Text: Matthias Schönebäumer

Mal ganz ehrlich: was wissen wir schon über Afrika? Die durchschnittlich europäisierte Perspektive auf ein Land einen Kontinent, dessen Boden die meisten von uns niemals betreten werden, setzt sich zusammen aus »Weltspiegel«-Fakten, angelesenem Halbwissen und Tagesmeldungen, wenn mal wieder eine Wahl schief gelaufen ist. Aber – Gott sei Dank – gibt es noch Popmusik, die über die schlaffe Hilflosigkeit hinweg hilft. Versteht man die Zerwürfnisse eines Landes, wenn man seine populäre Musik kennt? Nein, aber es macht die Dinge greifbarer.

    Dass sich vor allem der nigerianische Afrobeat in letzter Zeit steigender Beliebtheit erfeut, ist nicht weiter überraschend. Vermittelt er doch in seiner hitzigen Intensität doch so etwas wie ein authentisches Moment, das angesichts klinisch abgezirkelter ›producers music‹ fast verloren gegangen ist. Hier begegnet man dem Groove in seiner Urform. Kein Wunder also, dass sich selbst Indie-Bands wie Vampire Weekend oder die britischen Foals an den rhythmischen Finessen von Musikern wie Fela Kuti oder Tony Allen orientieren.

    Seit geraumer Zeit sprießen Afrobeat-Sampler aus dem Boden – es sind liebevolle Zusammenstellungen, die mit viel Fachwissen die Popmusik Nigerias aus ihrem Nischendasein befreien. Es wurde auch höchste Zeit. Gut gemeinte Zusammenstellungen wie »Africa Funk« blieben bisher hinter ihren Möglichkeiten zurück und präsentieren afrikanische Künstler vor dem Hintergrund eines Sammelsuriums aus Blaxploitation-Zitaten und angetrashter Retro-Ästhetik. Solange es groovt und geil klöppelt lassen sich Anteilnahme und pophistorisches Bewußtsein elegant ausbalancieren. Aber nerv´ mich nicht mit Mugabe!

    Dass es der Compilation »Nigeria 70 – Lagos Jump« ähnlich ergehen wird, steht zu befürchten. Allzu cool gibt sich die Platte in ihrer Aufmachung, prominent platziert ist der sich umständlich abgefahren gebende Untertitel. Doch Lounge-Funkster und Wochenend-Afrikanisten werden sich wundern: »Nigeria 70« ist keine touristische Aufbereitung afrikanischer Musikkultur unter den allzu bekannten Vorzeichen des afro-amerikanischen Funks. Hier finden sich keine James Brown-Klone oder ähnliches Ersatzpersonal der Siebziger Jahre, als es für afro-amerikanische Soul- und Funk-Acts unumgänglich schien, sich mit afrikanischem Schmuck und allerlei Trommelwerk auszustatten. Gedankt hat man es den Vorbildern übrigens nur selten. Auf »Nigeria 70« sind sie alle ganz weit weg: im Gegensatz zu den hier versammelten Künstlern klingen Earth, Wind & Fire und Mandrill wie echter Pop-Mainstream. Im Zentrum der Compilation: Juju und Highlife – die zwei wichtigsten Ausgangspunkte des Sounds aus Nigeria.

    Während die Highlife Big Bands dem Funk karibischen Calypso und swingenden Rumba untermischten, entwickelte sich der tanzbare Juju mit seinen perkussiven Yoruba-Elementen zur wichtigsten Popmusik während des Bürgerkriegs. Mit dem amerikanischen Einfluss von Soul, Jazz und progressivem Rock erreichte die nigerianische Popmusik in den späten Sechziger Jahren eine neue Qualität: herausragende Künstler wie Fela Anikulapo Kuti oder Peter King galten auch für westliche Künstler als Aushängeschild eines neuen afrikanischen Sounds. Dieser lässt sich auf »Nigeria 70« in seiner ganzen Vielfältigkeit nachhören. Die ausführlichen und fachkundigen Liner Notes von John Collins tun ihr übriges. Hier lernt man tatsächlich noch etwas dazu. Bereits mit »Funky Nassau« haben die Labelmacher von Strut Records bewiesen, dass man wieder dazu in der Lage ist, herausragende Compilations vorzulegen. Mit »Nigeria 70 – Lagos Jump« setzt sich die Serie auf beeindruckende Weise fort.

LABEL: Strut / !K7 Records

VERTRIEB: Alive

VÖ: 09.05.2008

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