Guillemots

Red

Text: Wibke Wetzker

»Vögel sind vermutlich die attraktivste Gruppe von Lebewesen – keiner anderen Gruppe irgendwo auf der Welt widmen sich so viele Liebhaber und Amateurwissenschaftler.«, diesen Satz kann man auf der Homepage des Max-Planck-Instituts für Ornithologie lesen. Die gleiche Aussage könnte man über Künstler, im genaueren über Musiker treffen. Und noch eine Gemeinsamkeit haben Vogel und Musiker: sie verfügen über die Anlage, ein individuelles Kommunikationsinstrument zu entwickeln, durch welches sie sich vom Rest ihrer Art akustisch wahrnehmbar abheben. Nicht bei jedem Vogel spricht man von Gesang, manche schnattern, kreischen oder klappern mit dem Schnabel. In diesem Sinne assoziiert sich mit einer Band namens »Trottellumme« (im Englischen »gillimott« gesprochen) eher ein brüllender Laut denn die markante Stimme von Sänger Fyfe Dangerfield, die unweigerlich an Morten Harket von A-HA erinnert.

    Dangerfields nachhaltiges Interesse an der Kunde vom Vogel führte auf dem ersten Guillemots-Album »Through The Windowpane« dazu, dass sich Rotkehlchen, Fliegenschnapper und Sterntaucher neben diversen O-Tönen von Weckern und anderen piepsenden Objekten tummelten, und orchestrale Arrangements – wie sie im epischen Britpop häufiger vorkommen – Richtung experimentierfreudiger Unkonventionalität entrückten. Damit waren Guillemots erstaunlich ergebnisreich unterwegs, erhielten 2006 Nominierungen für den Mercury Music Prize und den Brit Award, und nun schließt »Red« an diesen Erfolgskurs an, indem es direkt in die Top Ten der britischen Album Charts klettert.

    Im Sound präsentiert »Red« sich weniger zart, sondern angriffslustiger als der Vorgänger und kokettiert mit Achtziger-Verweisen der stilwidrigen Art. Daneben bleiben die Guillemots dem Anspruch ihres Einfallsreichtums treu und platzieren entlang eines roten Fadens Ear-Catcher wie etwa die wiederkehrenden weltmusikalischen Anmerkungen, die dem saisonalen Thema in einer Kollektion traditionsgemäßer Mode gleichen. In diesem Sinne schlägt das Albumeröffnende orientalisch anmutende Orchesterrock-Intro von »Kriss Kross« bald in melodiösen Großspurpop um, wie wir ihn von den Manic Street Preachers kennen. Die Single »Get Over It« ist eine rockige Soul-Pop-Nummer (der späte George Michael lässt grüßen), die einmal gegen den Strich gebürstet wurde, um nicht gefällig zu erscheinen.

    Zur Mitte des Albums schießt die Band mit übersättigt produziertem Sound schon mal übers Ziel hinaus, zum Beispiel wenn ein synthetisches Imitat traditioneller asiatischer Musik zu überbetonten Beats in »Clarion« verfeuert wird. Glücklicher Weise fangen sich die Songs wieder, denn dick auftragen bedeutet nicht zwangsläufig eine Verschönerung des Klangerlebnis. Alles in allem will »Red« mehr als das Melancholiegetragene »Through The Windowpane«, als habe die Trottellumme sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr nur die kargen Felsen der schottischen Küste zu bebrüten. Vielleicht ist dieser Vogel auch zu größerem bestimmt, aber momentan bemüht er sich noch zu sehr darum.

LABEL: Polydor

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 02.05.2008

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