Nôze

Songs On The Rocks

Text: Konrad Feuerstein

Mit ihrem dritten Album gehen die lustigen Franzosen den Weg aller Überambitionierten: Sie machen blutigen Ernst mit der Kunstvollizität. Klar, aus dem Umfeld von Producern wie Ark, Krikor und Cabanne bzw. Labels wie Circus Company und Karat waren die Nôze-Brüder immer schon die freiesten. Den Cut-Up-House ihrer Kollegen haben Nicolas Sfintescu, Ezéchiel Pailhès und ihre ständigen Kollaborateure Alexandre Authelain und Thibault Frisoni schon früh mit Free-Jazz-Bläsern und wilden Pianoläufen getoppt. Die jetzt anstehende komplette Abkehr von der Clubfunktionalität – ausgerechnet zum Labeldebüt bei Get Physical, ausgerechnet nach der tollen Tracksammlung »How To Dance« von 2006 – könnte also eine prima Sache sein. Ist sie aber nicht, denn Nôze vertiefen auf »Songs On The Rocks« nicht den avantgardistischen Aspekt ihrer Musik, sondern den pseudoavantgardistischen, denjenigen also, der schon immer genervt und einige ihrer ansonsten besten Tracks zunichte gemacht hat: die Neigung zu unnötig peinlichem Ausdrucksgesinge, als crazy-witzig-überdreht codiert.

    Nôze haben sich einer geschmäcklerisch-altertümelnden Idee von ›Skurrilität‹ verschrieben; damit verhält sich »Songs On The Rocks« zu ihrem bisherigen Werk wie Tom Waits zu Captain Beefheart: Es geht nicht mehr um Geräuschkunst und Abstraktion, sondern um affektiertes, mega-unsubtiles Kunstgewerbe. Wie das offensichtliche Vorbild Waits, nur viel frankophiler, bemühen Nôze sich um eine möglichst dichte Nachinszenierung jener bildungsbürgerlich zum Erbrechen durchkanonisierten Jahrhundertwende- Künstlermythen, die sich mitsamt dem daran klebenden sozialen Elend heute so klasse romantisieren lassen. Jeder Vocaleinsatz von Nicolas Sfintescu (aka DJ Freak, ihr wisst schon: Freak, wegen seiner Freakiness) ist auf Biegen und Brechen daraufhin zurechtdesignt, wie die mit verdreckter Kehle hingebruddelte Absinthbestellung irgendeines verkannten Caféhausliteraten zu klingen, der existentialistischbesoffen einer drallen Femme Fatale auf den Busen sabbert, in Pierre Moustaches kleinem Straßencafé, nur einen Block von dem Moulin Rouge entfernt, wo Kurt Weill mit Josephine Baker Gauloises rauchte und Bonmots austauschte, ihr wisst schon. Vive la bohème und oh là là, Mademoiselle.

    Dass die Arrangements diesem neuen Duktus angepasst sind, ist positiv und negativ zugleich: Die Auflösung typischer Track-Dramaturgien zugunsten flexibler Erzählstrukturen verdient Respekt. Die gerade Bassdrum ist oft nur noch vager Ausgangspunkt für souveräne Ausfl üge in Richtung Swing, Chanson, Boogie Woogie, Russendisko, Klezmer, Soundtrack, Ska, Cabaret-Musik, et patati, et patata. Was nicht ohnehin französisch ist, wird eingemeindet, so atmosphèremäßig. Ärgerlich nur: Mit ebendieser Konsequenz und ohne ihre alles überschattende Theatermusik-Fixierung hätten Nôze uns DEN dringend benötigten Crossover von House und Free Jazz besorgen können. Stattdessen besorgen sie es Zweitausendeins-Stammkunden. Allen anderen bleiben die beiden schönen Housetracks »Ethiopo« und »Remember Love« sowie »Danse avec moi« mit Gastvocals von Dani Siciliano – und natürlich Nôzes frühere Werke.

LABEL: Get Physical

VERTRIEB: RTD

VÖ: 25.04.2008

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