MIT

Kryptisch und hart

Text: Gunnar Klack

Es ändert sich was im Geschäft! Immer häufiger stößt man heute auf blutjunge Bands und Künstler, die völlig selbst- und stilsicher agieren und mittels Web 2.0 nicht nur den den Zugang zum kollektiven Wissen finden, sondern ihrer Karriere dadurch gleich selbst den nötigen Schub verpassen. MIT ist ein Zeichen dieser Entwicklung, findet Spex-Autor Gunnar Klack. »CODA« – das erste Album des ehemals Kölner Trios kann man außerdem bei uns in Gänze streamen.

MIT

»Verbindendes Element von MIT ist die strenge Restriktion, die Einschränkung auf wenige Mittel. Ihr Do-it-yourself-Prinzip hat vollen Anspruch auf künstlerische Qualität und wirkt niemals nach Hobbybastelei. Der Wille zum Minimalismus ist unverkennbar.«

MIT, hier in der Turbinenhalle der britischen Tate Modern: Edi Winarni, Tamer Özgönenc und Felix Römer (v.l.n.r.)

(Foto: © Katharina Poblotzki)

Man kennt das eigentlich nur aus Großbritannien: Teenager, die die gesamte Popgeschichte mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheinen; die in der Mittelstufe Vorträge über New-Wave, No-Wave und Neo-Postpunk halten können. Kein Wunder, dass solche britischen Kids, die schon NME gelesen haben, als unsereins noch in der Bravo blätterte, nicht nur immer wieder für Staunen bei uns Kontinentaleuropäern sorgen, sondern auch noch in schöner Regelmäßigkeit die Musikwelt umkrempeln. Doch damit wird auf absehbare Zeit Schluss sein, bald werden die  Kids in ganz Europa ebenso selbstverständlich in der Popkultur herumtoben, und die Band MIT ist ein Anzeichen dafür. Wer jetzt – wie MIT – knapp über zwanzig Jahre alt ist, der ist in und mit einem kulturell und politisch eng vernetzten Europa aufgewachsen, der profitierte schon seit der Grundschule vom Informationsangebot des Internets. Der kann – egal wo er wohnt – das Einmaleins des Pop schneller und selbstverständlicher verinnerlichen, als es James Murphy in »Losing My Edge« je vermutete.

    Schon zu ihrer Kölner Schulzeit – sie ist so lange noch nicht her – waren Sänger Edi Winarni und der Keyboarder Tamer Özgönenc das, was man als echte Indie-Nerds bezeichnen kann. Wie es sich für solche Experten gehört, hatte ihre 2005 gegründete Band MIT dann auch konsequent das am meisten an Konzeptkunst orientierte Ende des Pop im Blickfeld. No-Wave wie Devo wollten sie sein, irgend etwas zwischen arty und unhörbar. Zusammen mit Drummer Felix Römer ergab sich eine Formation aus Bass, Gesang, Moog und Schlagzeug. Diese Instrumentation war sorgsam überlegt, denn es war Teil einer sehr eigenständigen und cleveren Bandpromotion, die MIT innerhalb kürzester Zeit nach England und zurück, sowie in alle einschlägigen Blogs dies- und jenseits des Ärmelkanals bringen sollte.


ALBUMSTREAM: MIT - CODA (erschienen bei Haute Areal / Cargo Records)

    »Der Vorteil an unserem kleinen Band-Setup ist, dass wir überall sofort spielen können, wo ein Schlagzeug steht,« sagt Tamer, und erklärt so den strategischen Geniestreich, der MIT mit einem Schlag eine Menge Aufmerksamkeit einbrachte. Im Kölner Gebäude 9 spielten sie im April 2005 ihr – bemerkenswert – erstes Konzert als Vorgruppe der Peaches/Taylor Savvy/Gonzales-Supergroup Feedom, wozu sie sich frech und taktisch klug beim Veranstalter selbst vorgeschlagen hatten. Nachdem der Instrumentalrock von Feedom zum Ärger des Publikums in technischen Pannen versank, gingen MIT als eindeutigen Gewinner des Abends hervor.
    »Wir wussten, dass es keinen Support für Feedom gab. Wir konnten den Konzertveranstalter überzeugen, weil wir nichts zum aufbauen brauchten, und weil Peaches auf dem Weg zum Konzert in unser Demo reinhörte; ihr hat es offensichtlich gefallen.«

    Das Ruder selbst in die Hand zu nehmen – und zwar nicht nur musikalisch – haben MIT vorgeführt wie keine andere junge Band hierzulande. Mit Hilfe des Web 2.0 fanden sie die Kontakte, die am schnellsten zu Auftritten verhalfen. Nur fanden sie die eben nicht hier, sondern in Großbritannien. Tamer Özgönenc: »Unser Hauptanliegen war es, Konzerte zu spielen, egal wo. In England hat es einfach schneller funktioniert. Wir haben den Veranstaltern unsere Musik geschickt, Zusagen bekommen, und sind eine Woche später aufgetreten. In Deutschland dauert so etwas Monate. Später haben wir unsere Sachen gepackt und sind für zehn Tage nach London gefahren. Da haben wir natürlich so viele Konzerte wie möglich gespielt.« – MySpace sei Dank. Plötzlich fanden sich MIT an der Seite von Bands wie Test Icicles, Gossip oder Shitdisco wieder. Wie immer waren die Briten für deutsche Musik zu begeistern, so lange sie kryptisch und hart ist, und nicht poppig und nett.

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MIT

»Wie immer waren die Briten für deutsche Musik zu begeistern, so lange sie kryptisch und hart ist, und nicht poppig und nett.«

MIT vor »Shibboleth«, einer Installation der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo in der Turbinenhalle der Tate Modern.

VIDEO: Doris Salcedo’s Shibboleth

(Foto: © Katharina Poblotzki | Video: © MIT)

Auf den EPs »Deine Eltern« (2006) und »Was war es« (2007) waren MIT so krachig und gemein, wie man es von Teenagern erwarten kann. Die Zeiten des überschwänglichen Draufeinschlagens waren aber doch schneller vorbei, als man vermutet hätte: heute klingen MIT völlig anders als noch vor einem Jahr. Trotz neuer Lebensabschnitte – Edi Winarni hat in Düsseldorf das Studium der Visuellen Kommunikation angetreten, Tamer seines für Musikwissenschaften in Berlin, und Felix Römer arbeitet seinen Zivildienst in der Altenpflege ab – gibt es  mehr als bloße Lebenszeichen von der Band: ein ganzes Album wurde zuletzt aufgenommen und sich darauf neu erfunden. »CODA«, von Namosh Arslan produziert, klingt mehr nach futuristischer Elektronica-Dystopie als nach Neo-No-Wave-Retro-Punk.

    Der Sound ist geprägt vom An- und Abschwellen diverser Samples und Loops. Analoge Synthesizer und live eingespieltes Schlagzeug lassen sich vermuten, aber niemals hundertprozentig festmachen. Der Sprechgesang von Edi Winarni wurde gefiltert und zurückgedreht, Geschrei verschwand zu Gunsten von rhythmischen Textpassagen, die wie Mantren auf der Stelle treten. In zyklischer Rekursivität beschwören sie die unguten Gefühle verschwendeter Jugend: »Ich liege auf dem Boden / oder tanze«.

    Verbindendes Element der alten und der neuen MIT ist die strenge Restriktion, die Einschränkung auf wenige Mittel. Ihr Do-it-yourself-Prinzip hat vollen Anspruch auf künstlerische Qualität und wirkt niemals nach Hobbybastelei. Das findet seine Fortsetzung in Artwork und Website – beides wurde von Edi Winarni gestaltet –  der Wille zum Minimalismus ist unverkennbar. Nicht nur in der Musik, auch bei Design und Songtiteln lassen Kraftwerk mehr als einmal grüßen. Angesichts so viel Initiative kann man der Band verzeihen, dass ihr Album nicht die Sprengkraft aus dem elektronischen Minimalismus entwickelt, wie es das ähnlich gedachte »Silent Shout« von The Knife tut, sondern stattdessen häufiger in Posen verharrt.

    Eine  wochenlange Tour wird es allerdings nicht geben: Felix Römer leistet Zivildienst mit geregelten Wochenarbeitszeiten. Ihre Konzerte absolvieren sie nun also an allen freien Wochenenden, wozu jeweils die Band aus beiden Heimatorten getrennt anreist. Dass MIT nicht nur die Popgeschichte verinnerlicht haben, sondern die der klassischen Musik gleich mit, das beweisen sie mit dem Titeltrack des Albums. Das Stück »CODA« ist tatsächlich eine Coda in der klassischen Sonatensatzform, es fasst alle Motive des Albums zusammen und spielt sie gegeneinander auf. Das Einmaleins der Klassik haben sie also auch noch drauf.

»CODA« von MIT ist bereits erschienen (Haute Areal / Cargo), bis Mai kann man MIT bei Einzelshows Live sehen. Alle Termine finden sich hier.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Der Geradlinigkeit zum Trotz:

    [...] wenig hochtechnologisches, vielmehr äußerst schlichtes, minimalistisches Musikvideo. Die vormals aus Köln stammende, heute in Düsseldorf und Berlin operierenden MIT sieht man hier in einem klassischen [...]

     
 
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