Boredoms

Super Roots #9

Text:

Kürzlich haben die Boredoms ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum begangen; seit dem Jahr 1986 befasst sich die Band aus Osaka mit den verschiedensten Formen bewusstseinserweiternden oder auch wahlweise -verengenden Krachs. Am Anfang ihrer Karriere waren die Boredoms stark vom abendländischen Industrial beeinflusst, samt seiner Zuneigung zu kontrovers diskutierten Praktiken des Geschlechtsverkehrs, ihre Platten hießen etwa »Anal By Anal« oder »Onanie Bomb Meets The Sex Pistols «. Bandleader und Chefkreischer Yamataka Eye hatte vor Gründung der Boredoms, Anfang der Achtziger, in der Formation Hanatarashi als musizierender Glassplitter-Esser und Katzenkadaver-Aufschlitzer reüssiert und versuchte sich in seiner neuen Band nun daran, ihrem Namen gemäß, konzeptuell langweilige Musik zu produzieren, zum Beispiel, indem die Pausen zwischen den Stücken länger waren als die Stücke selbst und in den Stücken dann nichts passierte. Ein Konzept, das ihm freilich aus einer gewissen inneren Notwendigkeit heraus bald selbst langweilig wurde. Auf den folgenden LPs wandte er sich stattdessen einer Art Freejazz-inspiriertem Gitarren-Noise zu und arbeitete mit John Zorn und Sonic Youth.

    In ihrer Inkarnation seit Mitte der neunziger Jahre bieten die Boredoms nun eine Undergroundversion des japanischen Kodo-Trommelns dar; mit dieser vor allem in den Unterhaltungszentren der westdeutschen Provinz seit den siebziger Jahren äußerst beliebten Form der fernasiatischen Folklore haben sie bereits sieben Schallplatten bespielt, welche die Titel »Super Roots #1, 2, 3, 5, 6, 7« und »8« tragen (»Super Roots #4« fehlt aus nicht näher bezifferten Gründen). Man sieht daran bereits, dass sich die Boredoms in punkto Langweiligkeit wieder auf ihre Wurzeln besonnen haben; nicht anders ist es in ihrer Musik. Diese besteht im Wesentlichen darin, dass sich diverse Schlagzeuger die eine um die andere Stunde enthemmt in eine tribalistische Volltrance hineinsteigern; Yamataka Eye bereichert das Spiel dann mit allerlei elektronischem Gerät – durch Jazzrock-Klaviertupfer, die wie von Klaus Doldinger klingen, aber auch mit Ibiza-House-Disco-Gehupe und Sinustönen.

    Auf ihrer neuen Langspielplatte »Super Roots #9«, die am ersten Weihnachtstag 2004 live in Osaka eingespielt wurde, ist zusätzlich noch ein zwanzigköpfiger japanischer Weihnachtschor zu hören, der abwechselnd »Baha«, »Bahaba« und »Bahubaba« singt, dazu wird getrommelt, getrommelt und getrommelt, aber auch gelegentlich wüst auf einer empört fiependen Orgel georgelt. Die Gesamtanmutung dieser Musik bewegt sich in etwa zwischen den frühen Aphrodite’s Child, den mittleren Tangerine Dream und dem neueren skandinavischen Operetten-Metal und ist also grauenerregend; ein nervenzerfetzend geschmackloser, uninteressanter Scheiß, der auch dadurch nicht besser wird, dass man sich ihn öfter anhört. Es handelt sich bei der Schallplatte »Super Roots #9« eben nur um eine konsequente Fortsetzung des ästhetischen Programms der Boredoms, die sich allein deswegen nicht vollends in Band-angemessen epischer Langweiligkeit erschöpft, weil sie mit 40 Minuten und 29 Sekunden unepisch knapp gehalten wurde. Aber bis zur nächsten Neuerfindung dieses ungewöhnlich uninspirierten Projekts wird sicher nicht viel Zeit vergehen.

LABEL: Thrill Jockey

VERTRIEB: RTD

VÖ: 11.04.2008

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