Essie Jain

We Made This Ourselves

Text: Konrad Feuerstein

Selbst gemachte Musik: noch immer das neue Ding. »We«, das heißt in diesem Fall: die 29-jährige New Yorker Singer-Songwriterin Essie Jain – ehemalige Piano- und Cello-Musterschülerin, irgendwann aus England zugewandert – und ihr Gitarrist Patrick Glynn. Gelegentlich hilft Jim White von den Dirty Three am Schlagzeug aus. Nur mit Jazzbesen und ganz sachte, versteht sich. Denn Essie Jain setzt auf die leisen, ungrellen Töne.

    Dass ihr Debütalbum trotzdem mit Freak Folk in Verbindung gebracht wird, und wenn nur in Abgrenzung davon, liegt wohl in der Natur des Zeitgeists – zumindest in den USA, wo »We Made This Ourselves« schon vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde, ist es so gelaufen. Dabei ist die Platte nicht freakiger als etwa »Blue« von Joni Mitchell. Essie Jain geht es nicht um Indietrends, Distanz, Humor, spätpostmoderne Retrostrategien oder komische Geräusche, nicht einmal um eine Neudefinition traditioneller Formen, sondern um eine denkbar zeitlos-klassische Version von dem, was man im Englischen so schön ›confessional Singer-Songwriter‹ nennt: Sie präsentiert sich ›ungeschützt‹, aber selbstbewusst. Essies Stimme – nicht zu fragil, nicht zu unfragil, angenehm mittel-ätherisch – ist stets nach vorne gemischt, denn hinter den Ein-Instrument-Arrangements könnte sie ohnehin nicht verschwinden. Dennoch verströmt sie weniger Hippiemädchen-Bekenntniszwang und Intimitätsterror als aristokratisches Understatement und noble Verzichtshaltung. Mit der edlen Blässe von jemandem, der sich längst an Melancholie als Normalzustand gewöhnt hat, stilisiert sie in »Disgrace« persönliche Resignation zu einem Art-Nouveau-Denkmal über Mann-Frau-Verhältnisse, in Bronze gegossen: »Maybe we don’t want to know / That every man was bailing out / On issues that they’d have no doubt / With certainty, wipe from their face / They did all they could to replace / What it was we stood for«. Andere Songs tragen Titel wie »Glory«, »Sailor«, »Indefinable«, »Give« und »Understand«. Irgendwie passt es, dass Essie Jain auf den Pressefotos ein bißchen an Sissy Spacek in »Carrie« erinnert: nicht gerade street-tough, höchstens hintenrum wehrhaft.

    Auf Arrangementebene vermeiden Jain und Glynn durch souveränen Minimalismus alle naheliegenden Fallen: Das Echtholzgeklampfe bedient keinerlei Authentizitätsmythen. Stattdessen ist das abstrakte Potenzial der klassischen, ultrareduzierten Instrumentierung immer greifbar, etwa wenn langsam wiederholte Akkordzerlegungen von Piano oder Akustikgitarre beiläufig hypnotische Loop-Qualitäten annehmen. In Jains Songwriting treffen sich, ihrer Sozialisationsgeschichte entsprechend, verschiedene Folktraditionen: Grundstimmung amerikanisch-weiträumig, Melodieführung englisch-mystizistisch. Wie ein Blind Date von Sandy Denny und David Lynch in einer leeren Gospelkirche am Sonntagnachmittag: längerfristige Beziehung erwünscht.

LABEL: The Leaf Label

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 04.04.2008

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