Neon Neon
Rostfrei, aerodynamisch und slick
Text: Konrad FeuersteinWas passiert, wenn man zwei völlig unterschiedliche musikalische Welten – Yuppie-Pop und HipHop – zusammen in einen DeLorean sperrt und den Flux-Kompensator anschmeißt? Gruff Rhys und Boom Bip laden uns als Neon Neon in einen Parallelkosmos, in dem das irgendwie Sinn ergibt.
(Foto & Montage: © Eric Watson / SPEX)
Wenn ein Album zu zwei Dritteln aus spätwavigem, anämischem Achtzigerpop à la New Order besteht und zu einem Drittel aus Booty Beats, wie M.I.A. oder Lady Sovereign sie kaum bouncender hinbekommen hätten, wirft das erst mal Fragen auf. Umso mehr, wenn es – wie im Falle von Neon Neons »Stainless Style« – fast komplett von John DeLorean handelt, dem Lebemann und Entwickler des gleichnamigen Sportwagens.
Neon Neon ist das gemeinsame Projekt von Gruff Rhys, dem Sänger der Waliser Super Furry Animals, und Boom Bip aus Los Angeles, der sonst auf dem ehemaligen Warp-Sublabel Lex Records Musik zwischen Italolectro, Harmoniegezirpe und Resten von Leftfield-HipHop veröffentlicht. »Stainless Style« ist ihr erstes gemeinsames Album. Erster Eindruck: Der Britpopper und der HipHopper gehen möglichst unzusammenhängend ihrer jeweiligen Neigung nach. In Wahrheit tun sie das Gegenteil: Alle Tracks sind Gemeinschaftsprodukte. Sänger Gruff schreibt die meisten Songs und Texte, Boom Bip ist für die Produktion zuständig – und hat für die Bounce-O-Tronic-Stücke zusätzlich Kumpels aus seiner Heimat wie Spank Rock und Yo Majesty als Gast-MCs eingeladen. Warum also diese Stilkombination, die auch unter Eklektizismusvorzeichen nicht einleuchten will? Halbgare Konzeptionalität? Frei flottierende Überambitioniertheit?
Wir treffen uns in den Londoner Malcolm Ryan Studios, wo Neon Neon gerade eine Promo-Fotosession mit einem echten DMC 12 abhalten – dem einzigen Modell, das die DeLorean Motor Company in Serie hergestellt hat. »Am Anfang stand der Beschluss, dass die Platte extrem anders klingen soll als alle bisherigen Arbeiten von einem von uns«, sagt Gruff. Stimmt: Zumindest mit dem anpsychedelisierten Indiepop der Super Furry Animals hat die Musik von Neon Neon nichts gemein. Mit einigen Seitenaspekten von Boom Bips Werk schon eher. Der Überbau, der sich anhört wie beim siebten Bier ausbaldowert, war in Wirklichkeit eine Unausweichlichkeit griechisch-antiken Ausmaßes: »Wir brauchten ein Leitmotiv, und irgendwie haben alle Wege zu John DeLorean geführt. Das Thema hat dann den Musikstil diktiert.«
Fortsetzung, Albumstream, Musikvideo und MP3 zu »I Lust You« auf Seite 2 (vor)

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VIDEO: Neon Neon - I Lust You
(Regie: Klaus Thymann)
Robert Zemeckis’ »Zurück in die Zukunft« dagegen, der Film, der DeLoreans schnittigem Flitzer im Jahr 1985 eine denkbar exponierte Stellung einräumte, ist kein so wichtiger Baustein ihres Nerdism-Kanons. Die Geschichte des Playboy-Ingenieurs DeLorean, der vor drei Jahren an einem Hirnschlag starb, ist nämlich schon interessant genug. »Das Album ist weniger eine Hommage als eine Studie seines Lebens«, erläutert Gruff. »Er war nicht unbedingt ein großartiger Typ, aber ein sehr interessanter.« Mit spürbarer Begeisterung erzählt er von Aufstieg und Fall: Von der ärmlichen Kindheit und dem brutalen Alkoholikervater über die Zeit im Vorstand von General Motors und die Affären mit der Hollywoodprominenz (z.B. Raquel Welch, der Neon Neon einen Track gewidmet haben) bis zur ›Wiedergeburt‹ als bibeltreuer Christ. Wie er in den Siebzigern der englischen Regierung hundert Millionen Pfund abschwatzte, um in Nordirland eine Autofabrik mit separaten Eingängen für katholische und evangelische Arbeiter zu bauen. Die Fabrik wurde zu einem Symbol für den Frieden in Irland, er selbst eine Labour-Ikone – obwohl er, an politischen Utopien wenig interessiert, die Arbeiter ausbeutete und das Geld verpulverte. FBI und DEA hätten ihn über einen fingierten Drogendeal festnageln wollen, weil er den American Dream angeblich »zu erfolgreich« lebte.
Und je mehr Gruff erzählt, desto klarer wird, wofür der musikalisch so deplatziert wirkende HipHop-Anteil auf »Stainless Style« steht: für die zeitlose Pimpness des John DeLorean. Gast-MC Fatlip lässt uns in dem angedreckten Rap-Track »Luxury Pool« wissen: »He was a boy from Detroit / Home of the hustlers / Only homies he had was customers / Money was his best friend«. Der Link zum Achtziger-Yuppie-Pop ist also ein inhaltlicher. Wenn Neon Neon hohle Tom-Tom-Wirbel, Plastik-Presets und Zeilen wie »I love you / If the price is right« kombinieren, ist das halb Satire, halb ernsthafte Bemühung um das, was man damals wohl als ›gefühlvollen Synthpop‹ eingestuft hätte. Wobei Gruffs Soul-Ansatz ›very blue eyed‹ ist. »Raquel« zitiert den »West End Girls«-Basslauf, »Dream Cars« geht als akzeptable Mischung aus Prefab Sprout und Duran Duran durch, »Told Her On Alderaan« nervt mit betont schwachsinnig peitschender Snare.
»Immer, wenn es zu geschmackvoll wurde, haben wir die Richtung geändert«, erklärt Boom Bip. »Die Idee war, eine Audiorepräsentation von Statussymbolen, die früher als futuristisch galten, zu erschaffen.« In der Tat: Im Popsong-Modus klingen Neon Neon, wie der DeLorean aussieht – rostfrei und mattschimmernd, aerodynamisch und slick. Die Bounce-Tracks funktionieren in diesem Zusammenhang wie ein gelegentlich eingestreutes Update zu dem Prinzip, das hier parodiert wird: die Funktionalisierung von Musik als bloße Software für dickhosige HiFi-Prahler und Sportwagen-Cruiser. »Stainless Style« ist eben kein Album von und für Auto-Fans, sondern liebevolles Sittengemälde einer (popkulturellen) Epoche. »Ich habe noch nicht mal ein Auto«, sagt Gruff. »Wir blicken auf die Ära des Autos zurück, die langsam zu Ende geht. Es ist eine nostalgische Platte. Im Zeitalter der Ökopolitik glorifi ziert man Autos nicht mehr.« Und dann fällt ihm noch der Titel von Prefab Sprouts Springsteen-Satire ein: »It’s like the final word on ›cars’n’girls‹.«
»Stainless Style« von Neon Neon ist soeben erschienen (Lex Records / RTD), das Album kann derzeit in Gänze auf NeonSpace gestreamed werden. Eine kostenlose MP3 der Single »I Lust You« gibt es hier.


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