Benga

Diary Of An Afro Warrior

Text: Davide Bortot

Die anhaltende Aufregung um Dubstep ist vor allem Ausdruck einer jahrelangen, nun endlich gestillten Sehnsucht nach Neuem, nach dieser einen überraschenden Wendung zwischen minutiös frisierten Disco-Nachbauten und dem nächsten 57-Stunden-Set deines Lieblings-Minimal-Typen. Wann hat man schon zum letzten Mal miterleben dürfen, wie sich zumindest ein überschaubarer Haufen reizüberfluteter Großstädter von einer Bassline selig überfahren lässt, ein Sample anlächelt, ohne es gleichzeitig auszulachen, auf den nächsten Tune ›wartet‹, anstatt ihn nur beruflich gut gelaunt zu dulden? – Es muss zu Adenauers Zeiten gewesen sein …

    Doch während sich etwa der Ablauf einer Drum’n’Bass-Nacht mittlerweile tatsächlich schon mit dem ersten Drop sekundengenau bis zum letzten Handhochbreak vor dem Putzlicht hochrechnen lässt, passiert in der neuen Wunderwelt rund um Croydon immer genau dann etwas mindestens Weltbewegendes, wenn man sich gerade für ein Sekündchen seiner vertrauten Biermarke an den Hals geworfen hat. Auftritt Benga, der spätestens seit seinem Crossoverhit »Night« (mit Kollege Coki aus dem DMZ-Lager) als ausgewiesener Fachmann in Fragen des unkonventionellen, aber funktionalen Trackaufbaus gilt – und diese Kunst auf seinem Debütalbum für Tempa schon mit dem Opener »Zero M2« zur Meisterschaft bringt. Nach zwei Minuten vorglühender Gleichgültigkeit aus Pianogeplänkel und Standbassgezupfe für Cordjackenträger nagt urplötzlich eine Bassline los, die direkt die Größe der da kommenden Dinge umreißt: bösartig, von diktatorischer Direktheit, mitreißend. Aber fünfzig Sekunden lang nur, dann ist wieder Ruhe im Karton, Geplänkel, Gezupfe. Es folgen: das eingangs erwähnte »Night«, das verhalten hymnische »B4 The Dual«, eine fehlgezündete MDMABombe aus den Restbeständen der No-U-Turn-Armada (»E Trips«), ein Spaziergang durchs nächtliche Südlondon zwischen strammem Steppers-Stechschritt und saloppem Boogie-Tempo (»Someone 20«), ein Hit (»Crunked Up«), und so weiter und so wopp.

    All die Probleme, welche die Kombination Hardcore/Album traditionell mit sich bringt, umschifft Benga dabei auf die denkbar eleganteste Weise: Er ignoriert sie einfach. Dass er die vierzehn Tracks der CD-Version sachte ineinander gewoben und für die Vinyl-Variante neun funktionalere ›Tech Wobbler‹ mit insgesamt nur vier Überschneidungen zusammengestellt hat, ist auch schon das einzige Zugeständnis an das Formatdenken der Musikverwertungskette. Dieses Tagebuch kennt keinen angestrengt zurechtgetrimmten Spannungsbogen, keine verzweifelte Sehnsucht nach den Ritterschlägen der Hochkultur, ja nicht mal die seit Reprazent landesweit verpflichtende Vokalübung mit der erstbesten Jazzchanteuse, die das Adressbuch hergibt. Vielmehr rückt der Sympathieträger mit dem windschiefen Markenzeichen-Afro das Raveheart an den rechten Fleck, zelebriert die Regellosigkeit eines neuen Genres mit voller Inbrunst und lässt die physische Macht des Subfrequenten das Ihre tun. Zumindest bis zum Digital-Mystikz-Album – auf das man noch sehr lange wird warten müssen – mit das Beste, was man sich in diesem Bereich antun kann.

LABEL: Tempa / Neuton

VERTRIEB: RTD

VÖ: 20.03.2008

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Benga:

    [...] in doppelter Hinsicht interessant ist das neue Musikvideo zu Bengas »Baltimore Clap«: Während der Track selbst bzw. das Storytelling der Clap, einem [...]

     
 
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