The Mae Shi

Einfach nur testen, ob man das kann …

Text: Benjamin Dannemann

Coming of Age als Prinzip. The Mae Shi haben nach Jahren stetiger Veränderung ihre konzipierte Konzeptlosigkeit zur Drei-Minuten-Nummer zurechtgestutzt. Das soeben erschienene Album »HLLLYH« zeugt von der neuen Selbstdisziplinierung des Kollektivs aus Los Angeles. »Irritation. Was soll das?«, fragt Benjamin Dannemann.

The Mae Shi
The Mae Shi: »Ehe du dich versiehst, machst du zusammen mit ihnen Musik.«
(Foto: © The Mae Shi / Cooperative Music)

The Mae Shi verkörpern eine klassische ›Coming-of-Age‹- und ›Becoming a Rock-Star‹-Geschichte. Zwei Highschool-Freunde gründen 2002 eine Band. Einer der beiden – Ezra – ist der Sohn von Don Buchla, dem Erbauer des gleichnamigen, ersten Analog-Synthesizers an der amerikanischen Westküste. Ezras Synthesizer-Sammlung stellt noch heute die Grundelemente für The Mae Shi. Aus Post-Hardcore entsteht damals eine Art Allusions-Rockismus, Song-Bruchstücke aus einfachen Licks, minimalen Geräuschen, Beats und repetitiven Textvariationen, die eine dogmatische Selbstreflexion widerspiegeln (wie in »We Learn By Repetition« oder »Power To The Power«). Knapp ein Jahr später touren sie – mittlerweile zu viert – durch Kalifornien, spielen auf Geburtstagen und Bar-Mitzwas, in Wohnzimmern und Hinterhöfen, bei Freunden und völlig Fremden. Sie lernen Slim Moon, Gründer von Kill Rock Stars Records kennen und veröffentlichen ihr zweites Album »Terrorbird« auf dessen Sublabel 5 Rue Christine – die Eintrittskarte zum amerikanischen Indie-Olymp. Sie spielen mit Deerhoof, der Lieblingsband des »The Simpsons«-Erfinders Matt Groening, und basteln weiter an ihren unzähligen Ideen. Eine von diesen erscheint 2006 in Form der DVD »Load The Weapon, Lock The Skull«. Nahezu jedes ihrer Lieder erhält darauf ein eigenes Musikvideo – sei es auch nur wenige Sekunden lang. Als Zugabe gibt es ein audiovisuelles Tourtagebuch. Wenig später gehen Gerüchte um, die Band habe sich aufgelöst.

VIDEO: The Mae Shi - Run To Your Grave

    Nun erschien unerwarteter Weise mit »HLLLYH« (sprich: Halleluyah oder aber Helllyeah) ein neues Album. Auf diesem ist die markante Stimme des früheren Kunststudenten Ezra verschwunden. Der konzentriert sich seit Anfang 2006 auf die Arbeit in der Firma seines Vaters und werkelt parallel mit Erika Anderson als Gowns an elektro-akustischer Popmusik. Bei den neu formierten The Mae Shi klingt die spleenige Hibbeligkeit nur hin und wieder zwischen einer neuen Geradlinigkeit durch. Man mag zwar den ein oder anderen synthetischen Sound wieder erkennen, aber diese dreiminütigen Songs mit Pop-Appeal, die merkliche Assoziationen an Fun-Punk und Indie-Pop auslöst, treffen den gelernten Mae Shi-Hörer unerwartet. Irritation. Was soll das?

    »Du musst verstehen«, erklärt Jonathan Gray – seit Ende 2006 Ezras Ersatz – »dass The Mae Shi immer etwas Besonderes für Jungs wie mich waren. Mein Gott, ich glaube damals war ich Sechzehn. Ich stand ständig in der ersten Reihe ihrer Konzerte. Da lernt man sich langsam kennen, man kommt ins Gespräch und ehe du dich versiehst, machst du zusammen mit ihnen Musik.«

    »Man kommt zusammen, um Musik zu machen und erschafft dadurch einen völlig freien Raum, in den jeder seine Ideen einfließen lassen kann«, erzählt Noch-Schlagzeuger Brad Byron, der eigentlich schon von Marcus Savino, dem Schlagzeuger der Jazz-Goth/Punk-Band Silver Daggers abgelöst wurde, aber noch einmal mit auf Europa-Tournee durfte. »Es ist wie konzipierte Konzeptlosigkeit. Der Spaß am Experiment steht dabei im Vordergrund.«

The Mae Shi
Musiklaisch breit aufgestellt, Ezra Buchlas Synthesizer-Sammlung stellt noch heute die Grundelemente für The Mae Shi.
(Foto: © The Mae Shi / Cooperative Music)

Auf »HLLLYH« wurden diese experimentellen Parts in den Hintergrund gerückt. Zwar gab es auch auf früheren Alben ähnliche Hooks, Hard-Rock-Licks und Rock-Purismen, aber das Drumherum, die Einbettung ließ die Musik völlig abgedreht und schräg klingen. Mit »HLLLYH« versuchen The Mae Shi das Rock-Gerüst Song für Song auszuarbeiten, ohne die fließenden Übergänge der Vorgängerplatten zu wiederholen. »Dabei hatten wir gar nicht im Hinterkopf, dass damit die Musik hörbarer oder zugänglicher werden sollte,« versichert Jonathan, »wir wollten einfach nur testen, ob wir das können.«

    Dass sich diese Selbstdisziplinierung nicht vollständig durchgesetzt hat, zeigt sich im knapp zwölfminütigen Elektro-Medley »Kingdom Come«, das zwischen Synthesizer-Eigenzitaten und Old-School-French-House oszilliert. Eine solche Vielfalt der musikalischen Interessenlage führt aber auch zu Interessenskonflikten, wie Brad Byron erläutert: »Die Hälfte von uns hängt am Rechner und baut Techno-Stücke mit Ableton Live, während Johnathan um fünf Uhr morgens besoffen Songs aufnimmt. Wenn du dann zusammen auf engen Raum bist, kann das schon enorm nervig sein. Trotzdem sehe ich The Mae Shi als ein Kollektiv, zu dem jeder seinen Beitrag beisteuern kann.«

    Katalysator dieses Kollektiv-Gedankens ist das »The Smell«, ein Club mit Punk-/DIY-Ethos in Los Angeles. »The Mae Shi« haben dort angefangen und eigentlich ist jeder, der dort hingeht, im weitesten Sinne kreativ tätig: betreibt ein Label, spielt Musik, filmt und so weiter. Man ist quasi dazu verdammt ein organisches Netzwerk mitzubetreiben, das aus Verwandten und Freunden besteht. The Mae Shi funktionieren nicht viel anders: weniger als klassisch aufgestellte Band, sondern als eigenes Universum, als eine Art selbstständiger Blickwinkel, dessen Zentren die Musik und die Kreativität bilden. Dieses Bandkonzept schert sich nicht um die Glorifizierung des Einzelnen und dessen Stardom, sondern etabliert an seiner Stelle eine Art Epos, das immer weiter getragen wird. »Es ist schon verrückt«, meint Jonathan, »noch vor ein paar Jahren hast du dir The Mae Shi angeguckt und jetzt stehst du selber auf der Bühne und singst ihre Lieder.«

»HLLLYH« von The Mae Shi ist bereits erschienen (Moshi Moshi / Cooperative Music / Universal Music)

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