Hercules And Love Affair

Hercules And Love Affair

Text: Peter Abs

Die Nacht, was macht sie dieser Tage so? Hüllt sich in Dunkelheit, wie immer. Bewahrt sich ihre sieben Siegel. »Weise ist es, der Nacht zu gehorchen«, heißt es bei Homer. Was schon ›gehorchen‹ so bedeuten könnte. Nur dies vorweg: Mit Hercules And Love Affair gehorchen wir der Nacht sehr artig. Sie schreibt sich hier in Großbuchstaben. Dieses Debüt vollführt einen Drahtseilakt. Es gestattet sich köstlich anverwandelte Italo- und Euro-Disco-Fragmente, fanatisch genaue ZE-Records-, Früh-Chicago- und Detroit-House-Huldigungen, das Andenken an Discofantasien nie erlebter High Times. Und gleichzeitig zerteilt es die große, hedonistische Idee der Nightclubnacht zu einem Mosaik aus Atmosphären, die sonst einander kaum begegnen. Anders gesagt, Ingmar Bergman hätte die Platte gefallen können.

    Doch zurück: Andrew Butlers attische Inkarnation ist in Wahrheit ein Freundeskreis aus New York. Der Kreis zählt der Mitglieder fünf. Andrew Butler selbst, Mitbegründer des New Yorker »DanceHomos-Dance«-Movements, DJ, Veranstalter der »Cazzo Pazzo«-Clubnights im West Village. Kim Ann Foxman: ebenfalls »Dance-HomosDance«, DJ aus Brooklyn – Spezialgebiet »Classic Aesthetic« und Acid House, singt. Nomi, Sängerin, Gast zuletzt auch bei Debbie Harry. Tim Goldsworthy, Produzent, eine Hälfte von DFA. Und schließlich Antony Hegarty, von Antony And The Johnsons, auf fünf der Songs beteiligt. Antonys gesampleter Klageruf »Whoaa Hehh« ergab schon mit der Roland TR-909 des agitiert rumpelnden Housetracks »Roar« (auf der ersten Hercules-12” auf DFA Records vom letzten Jahr) eine Kombination, die gleich sehr einleuchtete. Auch seit Längerem im Umlauf, mit Kim Ann Foxman am supercoolen Gesang, ist das supercoole »Athene«, programmatisch betitelt für Hercules And Love Affairs Freude an den aparten Seiten der Antike. »Athene« ist hier dabei, anders als die Flipside der DFA-Maxi, »Classique 2«. Die lief eine Zeit lang andauernd auf der Website von Londons beliebtestem Sonntags-Tea-Dance »Horse Meat Disco« und machte einen irre. Wer bitte war das? Das Bild auf MySpace wusste mehr. Aha, ein Hellene in Profilansicht, sehr schön.

    Jetzt allerdings, bei nunmehr aufgedeckter Identität, wird auf »Hercules And Love Affair« gleich mit dem Opener einiges ausdrücklicher, persönlicher. Der Antony-Effekt. »Free Will« ist ein Stück, das immer weiter aufbricht von elegisch zu frenetisch. Eingangs lässt sich Antony auf einen Synthiebass ein, der schon selber klingt, als wäre er ein Warnschild. Die Stimme hält ihr berühmtes Flattern kurz zurück und sendet dann tatsächlich eine Warnung aus: »Lüg mich nicht an.« Ein echter Auftakt für eine Art von Discoalbum, dem ganz am Ende einfällt, finale Kanonchöre aufzubieten, die gar nicht mehr aufhören zu deklamieren: »True False/Fake Real«. Das scheint folgerichtig, denn die klassischen Stoffe sammeln sich im Laufe der Platte an: Lügen, die die Wahrheit sagen; Verheißung, Illusion, Enttäuschung. Textlich besonders ist da »Blind«, die aktuelle Single. Wieder mit Antony, den man so natürlich noch nie gehört hat, wie er über der Rasanz von Sequencerblubbern und Oktavbässen in die Lüfte steigt, derweil er es sich nicht nehmen lässt, von inneren Abstürzen zu singen.

    Es ist der Antony-Effekt, der die Platte in die Tiefe ausbaut, deeper macht, wenn Stimmungen, die auf der Ebene von Text und Sound ohnehin schon gegenläufig sind, innerhalb eines Songs nochmal gedreht und gegen sich selbst laufen gelassen werden. Zum Beispiel durch überraschende Wendungen im Inbrunstniveau. Das ultracrisp produzierte (darf nicht vergessen werden: Tim Goldsworthy), sacht angedubbte »You Raise Me Up« schlägt auf dem Inbrunstlevel ziemlich aus. Stücke wie »Hercules’ Theme«, auch wenn ähnlich instrumentiert, haben zuweilen ein komplett anderes Flair. Das Theme mit Singalong by Nomi gibt sich lässig, listig, bevor es sich mit Streichern und Bläsern auf der Tonleiter emporschraubt. Ist es nicht ein schooner Einfall, Themennächten in Clubs eine eigene Themenmusik zu schreiben?

    Laut Andrew Butler, Absolvent des Studiengangs Musik am New Yorker Sarah-Lawrence-College, war das überhaupt der Ursprung von Hercules And Love Affair. Die Botschaft dabei ist: bitte kein solistisches, sondern ein kollaboratives Werkverständnis. Speziell die schöne, pastichehafte Inner-City-Hommage »You Belong« zeigt an, wie dehnbar das verstanden werden darf. So gesehen ist »True False/Fake Real« auch ein Stück, in dem sich die Platte selbst porträtiert und sagt: So why should I be ashamed? In dem Song klappert ganz am Ende eine Schreibmaschine. Es wird ein Ghostwriter sein.

LABEL: DFA Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 14.03.2008

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