Adele / Duffy
19 / Rockferry
Text: Harald Peters
Der Vergleich ist gewiss furchtbar ungerecht, aber wenn er von der britischen Presse so vehement in die Welt gesetzt wurde, muss man sich natürlich mit ihm auseinandersetzen. Sind die beiden aufstrebenden britischen Sängerinnen Duffy und Adele wirklich die neuen Amy Winehouses? Und überhaupt: jetzt schon? Nicht wirklich, denn weder treten Duffy und Adele durch dramatische Turmfrisuren und hervorragend schlechtes Benehmen in Erscheinung, noch ist bislang eine Neigung zum unkontrollierten Drogenkonsum überliefert. Überhaupt geben sie sich im Unterschied zu Winehouse auffallend dezent. Auf Pressebildern lugt Adele tiefsinnig hinter einer Gardine hervor, und Duffy scharrt mit ihren nackten Füße nachdenklich im Sand.
Dabei gibt es zur Zurückhaltung eigentlich keinen Grund. Die 23-jährige Aimee Anne Duffy aus dem walisischen Gwynedd hat an den Songs ihres Debüts »Rockferry« drei Jahre gefeilt, und so ein perfekt austariertes Werk in die Welt gesetzt. Die Single »Mercy« beginnt etwa mit dem Basslauf aus Sam Cooks »Stand By Me« und schichtet darauf wildes Georgel und einen Refrain, den man schon viele Male gehört zu haben glaubt. Das gesamte Album ist so randvoll mit Zitaten, Querverweisen und Bezügen, dass der damit zum Ausdruck gebrachte Wunsch nach Zeitlosigkeit kaum noch auszuhalten ist. Sich selbst hat Duffy zu einer Wiedergängerin von Dusty Springfield umgerüstet, mit blondem Haarschopf und einer Vorliebe für Mode aus den sechziger Jahren. Meist singt sie von enttäuschter Liebe und macht in den insgesamt zehn Titeln gleich mehrfach mit ihren jeweiligen Männern Schluss. Nichts an dem Werk ist neu, kühn, aufregend oder gar überraschend – außer vielleicht der schlichten Tatsache, dass es trotz des eklatanten Mangels an Originalität ganz wunderbar unterhält. »Rockferry« marschierte in England ohne Umwege an die Spitze der Albumcharts.
Die 19-jährige Adele Adkins bevorzugt dagegen ein deutlich eigenwilligeres Auftreten. Statt Verweisen auf kampferprobte Soulklassiker und verstorbene Gesangsstars setzt die Londonerin auf ihrem großartigen Debüt »19« ganz auf die Kraft ihrer sparsam instrumentierten Songs. Meist begleitet sie sich allein auf der Akustikgitarre, singt von den Erschwernissen der Jugend und der Liebe und gibt sich dabei geradezu sensationell zurückhaltend. Ohne erkennbare Mühe kombiniert sie Soul, Folk und Funk, versteht es, das Ganze mit einem dezenten Hauch Jazz zu verfeinern. Wo andere mit jedem Wort in jeder Zeile all ihr Können unter Beweis stellen wollen und mit Gesangsakrobatik nicht geizen, bleibt Adele bewundernswert lässig. Visuell wird das sehr eindrucksvoll durch ihr erhebliches Körpergewicht unterstrichen.
Nur selten kommen bei ihr Streicher und anderes stimmungsvolles Zusatzgerät zum Einsatz, wie etwa bei »Chasing Pavements«, der hervorragenden zweiten Single. Das ergreifend rührselige Stück klingt so herrlich bekannt, dass man meinen möchte, es hätte einen schon ein Leben lang begleitet. Es entwickelte sich natürlich sofort zum Hit, wie auch »19«, das kurz vor Duffys »Rockferry« auf Platz eins der englischen Albumcharts stand.
Wenn es denn eine Gemeinsamkeit zwischen den neuen Amys Duffy und Adele und der eigentlichen Amy Winehouse geben sollte, dann ist es wohl ihre Fähigkeit, unmittelbar eingängige Songs zu schreiben, denen sich nicht einmal die größten Skeptiker der Eingängigkeit entziehen können und wollen.
Adele hat in ihrem jugendlichen Übermut bereits angeregt, sie und ihre Kolleginnen könnten von ihrem Talent noch besser profitieren, wenn sie sich zu einer Girlgroup zusammenfinden würden.
LABEL: XL Recordings / Polydor
VERTRIEB: Indigo / Universal Music
VÖ: 07.03.2008

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