Santogold

Nichts passt, alles sitzt

Text: Kirsten Riesselmann

Freundin von M.I.A., Liebling der »uber-cool producers«: Santi White alias Santogold erteilt dem Normlebensweg eine Absage und arbeitet in Bedford Stuyvesant an ultra-aktueller Großstadtmusik, zu der sich prima dubben, skanken und pogen lässt.

Santogold

»Santi White ist das i-Tüpfelchen dieser hybriden Großstadtmusik. Sie trägt schwere Sneakers, dazu mehrere Goldringe an jedem Finger. Ihr Männerhut ruft ein symbolisches »Oi!«, Malcolm X und Martin Luther King auf dem T-Shirt rebellieren umsonst gegen den aufwendigen Lidschatten aus drei verschiedenen Türkistönen.« (Kirsten Riesselmann)

(Foto: © Craig Wetherby)

London, wenige Tage vor Weihnachten. Bevor es heim geht zu Mamas Truthahn, steht den Leuten noch der Sinn nach einem deftigen Banga. Man drängt zum M.I.A.-Konzert, benutzt in adventlicher Erwartungsfreude die generalverteilten Tröten gern, trinkt das teure Bier und ruft, eben: »M – I – A«! Hier den Opener zu machen, kann ein undankbarer Job sein. M.I.A., mittlerweile in New York zu Hause, hat für diesen Job ihre neue Nachbarin mitgebracht. Santi White aus dem an Brooklyn grenzenden Viertel Bedford Stuyvesant, der nächste New Yorker Kiez, dem die Gentrifizierung ins Haus steht, der bis dato aber noch ein guter Ort ist für Eckensteher-Dudes, nächtliche Gunfights sowie Künstler. Santi White heißt als Künstlerin Santogold, und als sie loslegt, begreifen die Londoner recht fix, dass sie ein ›next big thing to come‹ vor sich haben.

    Santogold schickt zunächst zwei Tänzerinnen vor – gestopft in Leberwurst-Leggins, Puffärmelblüschen und übergroße Plastiksonnenbrillen. Die beiden Damen stellen sich breit beinig hin und geben stoisch perfekte Woman Machines, Robodancer aus dem zombiefizierten New-Rave-Club. Dazu kommt dann die Musik, die an erster Stelle – Achtung, kognitive Dissonanz! – auf Melodieseligkeit setzt und an zweiter Stelle auf die Kunst abgerundeter Songschreiberei, auf das fluppende Strophe-Bridge-Refrain-Spiel. An dritter Stelle stehen der Flow und die Eleganz unterschiedlich ster Tanzbarkeiten. Santogold dubbt und skankt, sie pogt und shuffelt, sie rockt wie weiße Indie-Jungs – und sie kann auch süsseste Folkrock-Gitarrenballaden. Santogolds Musik klingt, als hätte man Devo mit Gang Gang Dance, Gwen Stefani mit den Specials, KT Tunstall mit Blondie, ein Dutzend jamaikanische Dancehalls mit den Strokes sowie Nicolette mit den Slits verschnitten. Gestern, Vorgestern und Vor-dreißig-Jahren schnurren zusammen zu einer gefühlten Ultra-Aktualität, die dem Kompilations drang eines schon staubigen Postmodernismus zeigt, was außerdem noch eine Harke sein kann.

    Santi White selbst ist das i-Tüpfelchen auf dieser hybriden Großstadtmusik. Sie trägt schwere Sneakers, dazu mehrere Goldringe an jedem Finger. Ihr Männerhut ruft ein symbolisches »Oi!«, Malcolm X und Martin Luther King auf dem T-Shirt rebellieren umsonst gegen den aufwendigen Lidschatten aus drei verschiedenen Türkistönen. Nichts passt, alles sitzt. So singt Santi White mit einer Stimme, die man nicht ›stark‹ nennen braucht, die aber viel Stärke hat, ihre Riddim-gerittene Absage an den Normlebensweg: »I pay for my eccentricity and my will to evolve.« Dann hängt sie an das rotzige Raggastück einfach »Lights Out« dran, eine wunderhübsche Mädchen Gitarrenballade. Danach muss sie lachen.

Fortsetzung, Musikvideo und MP3 zu »L.E.S. Artistes« auf Seite zwei (vor)

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Das Musikvideo zu »L.E.S. Artistes« ist zweigeteilt. Zu Beginn sieht man Santogold auf einem schwarzen Hengst, umrahmt von ihren paramilitärisch wirkenden Tänzerinnen. Im zweiten Teil experimentierte Regisseur Nima Nourizadeh mit Alejandro Jodorowskys Kunstfilm »The Holy Mountain« von 1973.

VIDEO: Santogold - L.E.S. Artistes
MP3: Santogold - L.E.S. Artistes (xxxChange Remix)

Weil sie sich freut, dass schon Leute in der ersten Reihe mitsingen. Und weil sie jetzt, endlich, mit um und bei dreißig – ihr exaktes Alter sei »classified information« – für ihr Ding einstehen kann. Und zwar »strong and forcefully, really powerful, I mean: tough«. Als ihr Vater vor anderthalb Jahren starb, zog sie von Philadelphia nach New York, löste ihre Punkband Stiffed auf und entschied sich gegen das Geldverdienen in der Musikindustrie: keine A&RJobs mehr, kein Schreiben und Produzieren mehr für andere – Santi hat das Album »How I Do« der R&B-Chanteuse Res (das eine Viertelmillion Einheiten verkaufte) 2001 quasi im Alleingang gemacht und wurde auch als Songwriterin für Lily Allen engagiert. Santi White schmiss all das hin, fing neu an. Zusammen mit John Hill, dem Ex-Bassisten von Stiffed, hat sie in New York Santogold gestartet. Nach einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit war das Grundgerüst eines Albums fertig.

    Dann war sie pleite. Freunde halfen. Sie lacht, als sie das erzählt – nicht viele Musiker in New York hätten dieses Glück. Die Lust auszugehen verschwand. Heute sitze sie als »complete home buddy« zu Hause und arbeite an ihrer Musik, »ehrlich gesagt, etwas zwanghaft«. Und lacht. »Ach, dieses Künstlergetue, dieses Sehen und Gesehenwerden der Brooklyner Szene... Ich bin deswegen in New York, weil ich dort nicht auffalle, weil ich mich ganz auf mich konzentrieren kann und dabei unsichtbar bleibe.«

    Das mit der Unsichtbarkeit wird wohl nicht mehr lange so gehen. Björk hat Santogold in ihr Vorprogramm geholt, Spank Rock wollen immer wieder mit ihr auf die Bühne. Einige, über die geschrieben wird, sie seien »the ubercool producers«, kamen von selbst auf sie zu und wollten mit ihr an ihrem Debüt feilen: Diplo, Switch und FreQ Nasty. Sie findet es großartig, dass das Spektrum ihrer Musik durch das Überarbeiten in ständig anderen Konstellationen immer noch breitgefächerter geworden ist. Und es tut dem Album wirklich gut, dass seine Dub-Indie-New-Wave-Basis hie und da großmäuligere Verkleidungen aus Baile Funk, Toasting und Ghetto Tek bekommen hat. Santi White wollte keine konzeptuelle Reinheit, von Anfang an nicht, sie hat sich immer gesagt: Ich mache auf keinen Fall ein Popalbum für Amerika, ich mache Cross-Genre für Europa. Und dann war ihr Label doch irritiert und versuchte, alles noch in Richtung Pop zu drehen. Aber das hat sie sich verbeten. Zum Glück. Sonst könnte man Whites künstlerische Emanzipationsgeschichte nicht so erzählen, wie sie eben gelaufen ist: gut. Mit den vorläufigen Endstationen Selbst bewusstsein, Eloquenz und Geschmackssicherheit.

»Santogold« von Santogold erscheint am 09. Mai (Lizard King Records / RTD), am 22. Mai spielt sie ihre vorerst einzige Deutschland-Show im Berliner Tape Club.

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