Sébastien Tellier

Sexuality

Text: Burkhard Welz

Sébastien Telliers neuestes Werk ist eine hervorragende Steilvorlage für Franzosen-Klischees ›Made in Germany‹. Zum einen kommt aus Frankreich derzeit eine Menge bratziger Elektrosound, andererseits wird in weltentrückten, träumerischen Nebelschwaden das Erbe von Air durchgebracht. Darüber thront aus einer anderen Zeit der Chanson von Gainsbourg und Epigonen. Nun kommt ausgerechnet ein Franzose mit dem alten Stiefel ›Sexualität‹ um die Ecke, ein Thema, das heutzutage augenscheinlich niemanden hinter dem Ofen hervorholt und erst recht nicht mehr provozieren kann: Sex scheint gesellschaftlich voll integriert zu sein.
 
    Inwieweit Tellier sich mit »Sexuality« allgemeinen Genderdiskussion ausliefert, dabei den berüchtigten männlichen Triggern anheimfällt und sich damit angreifbar macht, soll trotzdem hier nicht Thema sein. Denn wenn Tellier als Zeichenfigur, ganz Heros, auf dem Fantasy-Plattencover von »Sexuality« einen Hengst über einen überdimensionalen Frauen-Akt reitet, dann wird das Easy Listening-Klischee eines Francis Lai oder David Hamilton nicht nur hervorragend ironisch gebrochen, sondern geradezu persifliert.

    Interessant ist vielmehr die Tatsache, dass es sich bei einer Vielzahl des elektronischen Outputs in Frankreich immer noch alles um zwei Hände voll Produzenten dreht, die diesen ›Paris Sound‹ in den neunziger Jahren auf die musikalische Landkarte brannten. Philippe Zdar (Cassius, Motorbass) produzierte Telliers letztes reguläres Album »Politics«, Tellier dankte mit einigen (Bass-)Akkorden auf Cassius‘ »15 Again«. Air gelten als die größten Förderer Telliers, den sie schon früh auf ihren Konzerten präsentierten und später als ersten auf ihrem Label veröffentlichen ließen.

    »Sexuality« wurde nun von Guy-Manuel de Homem-Christo produziert, einer Hälfte von Daft Punk, womit sich ein weiterer Kreis schließt. Denn Tellier geht hier den umgekehrten Weg, beispielsweise eines Alex Gopher, der u.a. auf »Superdiscount« elektronisch begann und mittlerweile wieder beim Rock angelangt ist. »Sexuality« ist – trotz aller Songwriting-Tendenzen – ein elektronisches Album, mit Versatzstücken aus Cosmic-Disco, Früh-Achtziger-Reduktionen, wie man sie bei Momus oder Devo kennengelernt hat, sowie dem typischen Daft Punk-Sound und Telliers Vorliebe für Piano und Synthesizer. Dass daraus kein belangloser Retro-Schmock wird, ist vermutlich Telliers unbedingten Willen geschuldet, sich unter keinen Umständen zu wiederholen. Er sei zu faul, um weitere Hymnen wie »La Ritournelle« zu schreiben, zudem sehe er sich als notorischen Grenzgänger und Autodidakten.

    Trotzdem startet er beispielsweise mit »Roche« äußerst hymnisch und melancholisch ins Liebesleben von ›Sebastien‹. »Divine« führt mit viel ›Shalala‹ in die Disco von Showaddywaddy und »Elle« könnte eine dieser liebenswerten Daft Punk-Balladen sein. Dazwischen fallen vor allem das Instrumental »Sexual Sportswear« (Moroder auf dem Weg durchs Versaille) und das barocke »Manty« aus dem Rahmen. Hinter allem steht aber auch Zeitlosigkeit, denn Tellier schafft auf »Sexuality«, was in heutigen Zeiten fast schon ausgestorben zu sein scheint: mit nahezu kindlicher Euphorie und Empathie Musik zu schreiben, die Gefühle und Stimmungen transportiert, die trotz oder gerade wegen des Themas unschuldig wirken. Dort kommen wir wieder zum Ausgangspunkt dieser Kritik: In einer scheinbar sexuell befreiten Gesellschaft sind Sex und Erotik nach wie vor zwei verschiedene Paar Schuhe. Oder um es mit Telliers Worten sagen: »It‘s impossible to reach orgasm without some closeness and tenderness at least. The key to sex is love.«

LABEL: Record Makers

VERTRIEB: Import

VÖ: 25.02.2008

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