F.S.K.

Freiwillige Selbstkontrolle

Text: Markus Schneider

Was für ein langer, seltsamer Trip es ist, auf dem F.S.K. nun schon seit 28 Jahren durch die Popgeschichte reisen. Zwölf Alben, sagt der Waschzettel, und dazu kommen noch Peel-Sessions in einer Anzahl, die nur von The Fall überboten wird. Mit denen F.S.K. eine gewisse Soundsturheit teilen, bei gleichzeitiger permanenter Öffnung. Die F.S.K.-Musik kann man sich vielleicht ein wenig als professionelles Dilettantentum vorstellen, insofern als sie sich mit zuverlässigem Lo-Fi-Enthusiasmus immer wieder auf neue Sounds und Umstände einlässt.

    Was durchaus auch für den theoretischen Überbau gilt, weshalb das Quintett immer auch diskursiv beteiligt war. Zumal sie ihre künstlerischen Einlassungen schließlich auch über den musikalischen Zusammenhang ausdehnten, in die bildende Kunst, den Roman und das essayistische Erzählen, oder ins Radio.

    Das neue Album heißt wie die Band und vermutlich sollte man sich da fragen, ob man es nun mit einem Manifest zu tun hat. Oder mit dem genauen Gegenteil, also ganz betont einfach einem weiteren, namenlosen, aber prinzipiellen Baustein in der Serie. Von Postpunk zu Country und Polka zu textlos seriellen Tracks stellte sich das Quintett ständig neuen Konfrontationen, Interessen und Lieben. Und diese Arbeiten – in den Achtzigern länger unterstützt von Leuten wie Camper-Van-Beethoven-Mann David Lowery und zuletzt von Technoproduzent Anthony »Shake« Shakir – waren in ihrer Verbindung nicht vorgesehener Stile mit dem schrammligen Basteln, das Grundlage des F.S.K.schen Schaffens ist, zumindest immer klug und erhellend.

    So auch diesmal, wo sie mit den Zitronen Ted Gaier und Mense Reents angeblich die aktuellen R&BBeats von Missy Elliott oder den Neptunes analog nachstellen. Lustigerweise klingen sie dabei meist sehr nahe an ihren biografischen Ursprüngen. Denn »Freiwillige Selbstkontrolle« erinnert stark an die späten Siebziger, an frühen Postpunk und Disco mit billigen Drum Machines und Synthies, mit Italoverweisen und Krautrockmotorik – also die Stile, die F.S.K. als Mitt- bis Spatfünfziger-Jahrgänge von Anfang an und bei vollem Bewusstsein mitgekriegt haben.

    Woran vielleicht auch der erste Titel, der die Ermüdung von der Nacht besingt, niedlich tuckernd erinnert: »Uo-ohh, uo-ohh, wo schleifst du mich denn heute Abend noch hin? In einem übertragenen Sinn. / Ich will doch gar nicht mehr in einen weiteren Club, in eine weitere dunkle Bar. / Ich habe Angst, Angst vor der nächtlichen Menschenschar.« Er heißt »Nokturn«, was die Nachtwache im katholischen Morgengebet meint und entsprechend die Litanei des chronischen wo nicht berufsmäßigen Nachttierchens ebenso beschreiben könnte wie tatsächlichen Überdruss. ›Vielleicht‹ und ›Möglicherweise‹ sind andererseits ohnehin der Modus, in dem F.S.K. ihre Musik und die Texte spielen. Deshalb werden die Songs auch von Sänger zu Sänger und Sängerin weitergereicht und stehen entsprechend in subjektskeptischen Traditionen. Auch wenn Michaela Melián wie Nico klingt.

    »Freiwillige Selbstkontrolle« ist ein ziemlich schönes und überaus nettes Album geworden, dem die wackelnde Unschärfe der Sounds und Texte so gut steht wie die grundsätzliche Heimat irgendwo zwischen Velvet Underground und Can. Dabei klingen sie auch mal tocotronesk, wenn sie im gedehnten Lowtzow-Stil »Ich zoll dir meinen Respekt / im diskursiven Affekt« singen und dann eine verschrammmte Wüstengitarre zu einem wirklich schönen Solo ansetzt. Anderswo hört man eine Hommage an den frühen Discomann Sylvester und seine sicherlich identitätspolitische Performanzreflexion »You Make Me Feel (Mighty Real)«.

    Weitere Themen: Begehrenspech bei geschlechtsgewandelten Warhol-Superstars und Flughäfen, die nach Schwulenikonen benannt sind. Das alles kommt sehr leicht und angenehm daher, voll topfigen Drums, billigem Computerklopfen, weichen Bässen und klingelnden Gitarren. Sehr apart auch der gummmiartig entfunkte Beat von »Vogue, Vogue« mit Glöckchen und allerlei Schepperkram, der einerseits die Catwalk-Wirklichkeit präzise wie Bret Easton Ellis als Aufzählung von Markennamen beschreibt – wobei aus soundhistorischen Gründen vielleicht noch Fiorucci in die Reihe gehört hätte –, um am Ende den Modetanz, um den es geht, als astreines leierndes Bekenntnis zur Freiheit zu erkennen: »Let my people vogue! Ho!«

LABEL: Buback

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 22.02.2008

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