Erste Worte

… zu Portisheads neuem Album ›Third‹

Text: Mark Stewart

Das Warten hat ein Ende! Am 25. April erscheint das lang erwartete, dritte Portishead-Album »Third«, und alle unsere Erwartungen werden übertroffen. Mark Stewart, Gründungsmitglied von The Pop Group und heute mit The Maffia aktiv, hat das neue Portishead-Album als einer der Ersten weltweit gehört – und seine Eindrücke für uns exklusiv festgehalten (Englische Fassung).

Portishead
Portishead: Beth Gibbons, Geoff Barrow, Adrian Utley (Foto: © Universal Music)
Ähnlich, wie Massive Attack auf ihren letzten Platten mit kalter Elektronik experimentiert haben und somit die Türen für eine musikalische Perspektive jenseits ihrer großen Hits weit aufstießen, haben auch Portishead auf »Third« ihre Parameter neu justiert. Mehr Noise, mehr Eklektizismus, eingebettet in einen Sound, der zugleich Kontinuität herstellt. Man darf es nicht vergessen: Wer erst einmal einen solchen Status erreicht hat wie Portishead oder Massive Attack, kämpft fortan vor allem gegen Erwartungshaltungen an. Es liegt so nahe, den Sound, den alle kennen, einfach zu reproduzieren – und damit letztlich auf dem Coffeetable zu landen.

    Tatsächlich scheinen sich Portishead aber darauf zurückzubesinnen, was DJs als ›Crate Digging‹ bezeichnen: die Suche nach abgedrehten Sounds, die sonst keiner hat. Ich erinnere mich, wie DJ Milo, der Anführer des legendären Bristoler Wild-Bunch-Soundsystems, die Labels von seinen Platten abkratzte und übermalte, damit niemand sehen konnte, was er da auflegte. So groß war der Konkurrenzkampf zwischen den Soundsystems, dass man seinen Informationsvorsprung nicht einfach aus der Hand gab. Für einen Musiker hat Crate Digging eine ähnliche Bedeutung: Man sucht sich eine Platte raus und spielt seinen Mitmusikern oder seinem Produzenten einen Break oder einen Sound vor, den man so auch auf seiner eigenen Platte hören möchte.

    Auf »Third« höre ich jede Menge Trophäen, die auf diese Weise ins Studio getragen wurden. In dem neuen Track »Small« höre ich Pierre Henrys »Psyché Rock«. In dem sehr deutsch klingenden »We Carry On« lassen Geoff Barrow und Adrian Utley Joy Division, Technobeats und eine Gitarre, die wie die von Blixa Bargeld klingt, aufeinander krachen. Vor allem aber höre ich auf »Third« immer wieder Einflüsse von eigentlich geschmacklosem Progressive Rock – wie er in den Siebzigern von Nektar oder Embryo gespielt wurde. Bei Portishead aber wirken diese Zitate, als stammten sie aus den Soundtracks genialer B-Horrorfilme.

Mark Stewart
Mark Stewart: Mit The Pop Group schon 1978 in Bristol der Zeit vorraus. (Foto: © Miron Zownir / Monitorpop)
Einer der interessantesten neuen Tracks trägt den Titel »Magic Doors«. Abermals die Arbeitsweise von DJs adaptierend, haben Portishead hier einen Funkbeat abgebremst, runtergepitcht auf die Hälfte der Geschwindigkeit, und Beth Gibbons singt darüber eine ihrer klagenden Litaneien. Portishead bedienen sich in diesem Track der gleichen Methode, die Led Zeppelin vor Ewigkeiten entwickelten, als sie Bluesnummern aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts nahmen und sie auf die Hälfte der Geschwindigkeit brachten. Auf diese Weise transformierten sie Blues zu Rock. Portishead tun nun genau dasselbe und transformieren Funk zu Rock. Eine coole Methode. Besonders faszinierend ist das Saxofonsolo am Ende von »Magic Doors«: Ich höre in diesem Solo puren Freejazz – als hätten Portishead John Zorn eingeladen. In dem bemerkenswerten, nur 1:30 Minuten langen Song »Deep Water« setzen Portishead einen Männerchor virtuos in Szene. Dieser Chor ist arrangiert wie die sogenannten ›Barbershop Choirs‹ der zwanziger Jahre, als die Friseure nicht nur Haare schnitten, sondern zur Unterhaltung ihrer Kunden auch Lieder im Harmoniegesang darboten. Portishead beziehen sich in einem solchen Moment also auf eine liebenswerte, alte englische Liedtradition. Kein Portishead-Album hat bisher so deutlich die Folkeinflüsse herausgearbeitet, die man ja auch auf Beth Gibbons’ Soloalbum hat hören können.

    Einer der besten Songs auf »Third« aber ist die erste Single, »Machine Gun«, die auf einem elektronischen Maschinengroove basiert, es gibt keinen wirklichen Refrain, stattdessen erleben wir, wie Portishead ganz offensichtlich John Carpenter zitieren. Ich auf alle Fälle höre hier »Assault On Precinct 13« als Referenz heraus, ohne dass der Score hier eins zu eins gesamplet wurde. Überhaupt: Soundtracks. Die Soundsystems in Bristol haben sich damals überboten in ihrer Nutzung von Filmmusiken. Schuld daran hat eine Videothek namens »20th Century Flicks«: Wir alle haben uns dort seit jeher mit Filmen versorgt, und immer wieder fanden wir noch in den langweiligsten Cyber-Thrillern Momente interessanter Filmmusiken oder zumindest einen Sound, den wir postwendend in unserer Musik einsetzten.

Dieser Artikel erscheint auch in der gedruckten Ausgabe SPEX #313 (ab dem 22. Februar am Kiosk), die englische Fassung des Textes – übersetzt von Sonja Commentz – findet sich hier. Mehr zu Portishead gibt es in der darauf folgenden Ausgabe Mitte April. Das neue Mark Stewart-Album »Edit« erscheint im April 2008 bei Crippled Dick Hot Wax!.

Zum weiterlesen:
Bristol - Tristesse und Grau. Eine Galerie
Portishead - Die Stimme und das Phänomen (Text: Christoph Gurk, aus SPEX #168)

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